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TV-Tipp 21.10.: "Wenn die Gondeln Trauer tragen": Als das Mädchen im roten Regenmantel starb

Eine Familientragödie, ja. Aber auch ein waschechter Nervenschocker im Stile Hitchcocks. "Wenn die Gondeln Trauer tragen" gehört zu den besten Thrillern des 20. Jahrhunderts. Unser TV-Tipp des Tages.

Trost im Übersinnlichen: Empfängt Laura (Julie Christie) wirklich Botschaften ihrer verstorbenen Tochter aus dem Jenseits?

Trost im Übersinnlichen: Empfängt Laura (Julie Christie) wirklich Botschaften ihrer verstorbenen Tochter aus dem Jenseits?

"Wenn die Gondeln Trauer tragen" 0.20 Uhr, ARD
PSYCHOTHRILLER "Feind in Sicht!" krächzt der Spielzeugsoldat noch mechanisch, den das kleine Mädchen im roten Regenmantel an der Hand hält. Aber zu spät: Als der Restaurator John Baxter (Donald Sutherland) den leblosen Körper seiner Tochter aus dem Wasser zieht, ist Christine bereits ertrunken. Sein verzweifeltes Gesicht, sein Schrei, als er begreift, was gerade geschehen ist, wird bei mir bleiben. Für immer.

Ich bin kein Vater. Genau deshalb kann ich mir nicht anmaßen, auch nur im Ansatz zu verstehen, wie schlimm es sein muss, ein Kind zu verlieren. Aber nachvollziehen kann ich, warum Laura Baxter (Julie Christie) Trost in der Vorhersehung dieser seltsamen alten blinden Dame findet, die angeblich das zweite Gesicht besitzt. "Ihrer Tochter geht es gut." John hingegen hält die Dame und ihre Freundin für Scharlatane, traut den beiden gar zu, etwas mit einer Serie von Morden zu tun zu haben, die die Polizei in Venedig in Atem hält. Aber dann beginnt auch er, seltsame Dinge zu sehen.

Kindstod, Trauerverarbeitung, ein junges Ehepaar, das irgendwie weiterleben muss: "Wenn die Gondeln Trauer tragen" klingt auf den ersten Blick wie einer jener Filme, die schwer zu ertragen sind. Nicolas Roeg ist es jedoch gelungen, einen sehr klugen Film über Trauer zu drehen, der gleichzeitig als waschechter Thriller im Stile Hitchcocks daher kommt und bis zum Schluss ungemein spannend ist.

Gerne würde ich an dieser Stelle mehr schreiben - über den gelungene Einsatz von Leitmotiven, über das Mädchen in Rot und über Roeg als einen Regisseur, der Hitchcock in Sachen Mise en Scène und Match Cuts in nichts nachsteht. Aber das hieße, Ihnen den Spaß des ersten Sehens zu verderben. Schauen Sie sich "Don't Look Now", wie der Film im Original heißt, am besten so unwissend wie möglich an. Und sollten Sie danach mehr erfahren wollen, sei Ihnen diese hervorragende Rezension der "Filmzentrale" ans Herz gelegt.

Ein PS aus der Reihe prüdes Amerika: In den USA sorgte vor allem die Darstellung von Sutherlands und Christies äußerst realistisch gespieltem Versöhnungssex für Wirbel. Sex, Alltag, Streit, Liebe und Trauer - dieses Nebeneinander widersprüchlicher Gefühle war wohl zu viel für die Sittenwächter der Siebziger.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Die Frau des Leuchtturmwärters"
23.15 Uhr, WDR
DRAMA 1963 vor der bretonischen Küste: Mabé (Sandrine Bonnaire) verliebt sich in den Kriegsveteranen Antoine, der ihrem Mann auf dem Leuchtturm zur Hand geht. - Traurig-schöne Rückblenden auf eine verhängnisvolle Verstrickung. Der Leuchtturm unter den Liebesfilmen. (bis 1.00)

"Place Vendôme - Heiße Diamanten"
23.45 Uhr, SWR/SR

MELODRAM Nachdem ihr Mann in den Tod gerast ist, erwacht Juweliersfrau Marianne (Catherine Deneuve) aus Suff und Depression und kommt einer Intrige auf die Spur. - Es folgen zwei weitere Klassiker mit der Deneuve. Morgen wird die Grande Dame des französischen Films 71. (bis 22.10)

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo