VG-Wort Pixel

Kritik am Fernsehabend WDR zeigt umstrittene Antisemitismus-Doku: "Ach, hätten sie es doch gelassen"

WDR-Doku: Eine Demonstration in Berlin gedenkt der palästinensischen Katastrophe "Nakba" von 1948
Eine Demonstration in Berlin gedenkt der palästinensischen Katastrophe "Nakba" von 1948 - eine Szene aus einem Antisemitismus-Film, den der Kultursender Arte wollte wegen handwerklicher Mängel nicht zeigen wollte. Nun sprang der WDR in die Bresche und zeigte die umstrittene Doku doch.
© Preview Production GbR/WDR
Eine viel diskutierte Antisemitismus-Dokumentation wurde zuerst abgelehnt - schließlich zeigte der WDR den Film doch, trotz grober Mängel. Eine Debatte bei Sandra Maischberger sollte den Abend abrunden, machte es für viele aber noch schlimmer.

Der WDR-Fernsehdirektor hat den öffentlichen Druck beklagt, der gegenüber seinem Sender wegen der Nicht-Ausstrahlung einer umstrittenen Antisemitismus-Doku aufgebaut worden ist. "Wenn wir dahin kommen, dass sich in der Öffentlichkeit Druck und Kampagnen aufbauen gegen Medien, (...) mit dem Ergebnis, dass Redaktionen tun, was die Öffentlichkeit von ihnen will, dann ist das was Artikel 5 (Grundgesetz, Pressefreiheit) sagt, nicht mehr gewährleistet", sagte Jörg Schönenborn in der Nacht auf Donnerstag im Ersten. 

Er bezog sich damit auf die 90-Minuten-Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa". Die Auftraggeber, Arte und der Westdeutsche Rundfunk (WDR), hatten sich nach der Fertigstellung zunächst gegen eine Ausstrahlung entschieden. Die Autoren hatten aus Sendersicht zu viel im Nahen Osten statt in Europa gedreht und zu viele Tatsachenbehauptungen ohne Beleg stehen lassen. Vergangene Woche zeigte das Portal Bild.de den Film schließlich für einen Tag. Schönenborn kritisierte das: "Es ist etwas rechtswidrig durch Bild.de in die Welt gesetzt worden, was unseren Namen trägt." Das habe man so nicht stehen lassen wollen und sich daher doch für eine Ausstrahlung entschieden. Die Dokumentation war am Mittwochabend, gefolgt von einer Talkrunde mit Sandra Maischberger, im Ersten und anschließend auch bei Arte zu sehen.

Die Presse hält den Fernsehabend im WDR einstimmig für verunglückt.

Spiegel Online schreibt:

"Ach, hätten sie es doch gelassen. [...] So redlich der Versuch sein mag, eine Dokumentation zu zeigen und sich gleichzeitig von ihr zu distanzieren, so gründlich ging er in die Hose. Zumal die obsessive Akribie, mit der im 'Faktencheck' noch das kleinste Haar in der Suppe gesucht wurde, den Befürwortern des Films in die Hände spielte. [...]

Diese Debatte sollte Maischberger führen, sozusagen vollenden, was der Film nicht leisten konnte und diskursiv abfedern, was die verantwortlichen Sender verbockt hatten: 'Israelhetze und Judenhass: Gibt es einen neuen Antisemitismus?' Es stand selten eine Moderatorin auf so verlorenem Posten, was auch an der Auswahl der Gäste lag."

Die "Süddeutsche Zeitung" kommentiert:

"Insgesamt aber ergibt sich ein für die Autoren peinliches Bild: Gegenmeinungen wurden nicht eingeholt, Zahlen und Fakten ignoriert, wenn sie nicht in die These passten. Und Hauptquelle der Recherche ist der israelische NGO-Monitor, der der israelischen Regierung nahesteht. Was aber im Beitrag verschwiegen wird. Immerhin: Der Film ist gelaufen, wer wollte, konnte ihn sehen. Jetzt heißt es tapfer wach bleiben.

Denn jetzt geht es weiter, noch einmal, bis es fast ein Uhr in der Nacht ist. Diskussion mit Sandra Maischberger. 'Gibt es einen neuen Antisemitismus?' Die Zusammensetzung lässt ahnen, wie verquält die Vorbereitungen zum Talk gelaufen sein müssen. Es heißt, lange sei unklar gewesen, wer für den WDR erklären soll, wie es kommen konnte, dass der Sender den Film erst abnahm und dann selber nicht mehr gut fand und jetzt doch gebracht hat, mit Zusatzrecherchen, die man besser vorher gemacht hätte."

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt zum Fernsehabend im WDR:

"Dass sich der WDR herausgefordert sah, ist verständlich. Dass man den Film in der ursprünglichen Form, die nun zumindest im Internet allerhand Ergänzungen erhielt, nicht zeigen wollte, auch. Denn es handelt sich um eine Polemik, bei der man als Zuschauer an vielen Stellen einhaken möchte. Das beginnt bei der verkürzenden historischen Tour d'horizon zu den Anfängen des Antisemitismus, setzt sich fort im mitunter flapsigen Ton und endet bei etlichen Angaben und Zeugen, deren Hintergrund man gerne genauer benannt bekäme, um sie einordnen zu können – als Israelkritiker oder eben doch als verkappte Antisemiten. Denn so kommen die Autoren Joachim Schroeder und Sophie Hafner zwar an ihr Ziel – der Feststellung, dass der Hass auf Juden in Europa zu einem latenten Phänomen geworden ist, das alltäglich zu werden droht. Doch sie reißen bei den Stationen ihrer Argumentation einiges um und machen sich angreifbar, was sich leicht hätte auffangen lassen, hätten sie die eine oder andere Widerrede abgerufen und eingebaut. [...]

Was wäre wohl aus dem Stück geworden, hätten nicht namhafte Befürworter beim WDR angeklopft und jüdische Organisationen ihre Besorgnis darüber geäußert, dass ein Film zu diesem Thema schlicht gar nicht kommt? Ob der WDR dann auch so einen großen Handapparat angelegt hätte? Oder hätte der Sender den Film einfach mit allen wünschenswerten Änderungen so perfekt angelegt und ausgestrahlt, dass er den hohen Standards genügt? Wäre er dann immer noch die Provokation geworden, die er nun darstellt? Oder nicht doch einfach im Schrank verschwunden?"

jen mit Agenturen

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker