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"Weissensee"-Schauspieler im Interview: "Ich bin sehr froh, dass es die DDR nicht mehr gibt"

In der ARD-Serie "Weissensee" spielen Jörg Hartmann und Anna Loos das Ehepaar Kupfer - er der Stasi-Mann, sie die Ehefrau, die irgendwann Oppositionelle wird. Ein Gespräch über die DDR, über deutsche Serien und die Schwierigkeit, fiese Typen zu spielen.

Von Kester Schlenz

Weissensee

Bürgerrechtlerin Vera (Anna Loos) und Stasi-Oberst Falk Kupfer (Jörg Hartmann) stehen auf verschiedenen Seiten

Frau Loos, Herr Hartmann: Die neue Staffel von "Weissensee" beginnt mit dem Fall der Mauer. Ein historischer Tag. Wissen Sie noch, was Sie beide am 9. November 1989 gemacht haben?

Hartmann: Klar, ich war damals 20 Jahre alt und mit meiner Clique in Dortmund im Kino. Im ersten Batman-Film. Alle verkleidet.

Sie als ...?

Hartmann: Na, als Joker natürlich.

Loos: War ja klar.

Hartmann: Und dann, als der Joker nach Hause kam, sagte mein Vater: Junge, die Mauer ist offen. Und ich dachte: Na, der war ja heute in seiner Handballkneipe. Der hatte wohl ein Bier zu viel. Aber dann machte er den Fernseher an, und ich sah alle diese glücklichen Menschen. Das hat mich wahnsinnig berührt. Richtig gepackt. Ich war Zeitzeuge eines überwältigend positiven Ereignisses.

Loos: Ich lebte damals bei meiner Tante in Wedel. Zwei Jahre vorher war ich ja aus der DDR abgehauen. Am Abend des 9. November probte ich mit meiner Schulband. Und  plötzlich kam der Hausmeister in den Proberaum gerannt und rief: "Anna, du sollst ganz dringend zu deiner Tante kommen." Ich bin sofort los und dachte, es wäre irgendwas Schlimmes passiert. Und zuhause fand ich meine Tante heulend vorm Fernseher. Und dann kapierte ich, was geschehen war.

Was haben Sie empfunden?

Loos: Vor allem grenzenlose  Erleichterung,  dass das alles gewaltlos abgelaufen ist. Das hatte ich nicht zu hoffen gewagt. Und als dann noch drei Stunden später meine Eltern vor der Tür standen, war ich nur noch glücklich.

Sie hatten Ihren Eltern ja damals nicht eingeweiht, als sie mit 18 Jahren beschlossen zu fliehen.

Loos: Ja, ich habe es niemanden erzählt. Auch meinen Eltern nicht. Damit sind sie erst mal nicht gut klar gekommen. Kann ich auch verstehen. Ich habe einfach morgens meine Sachen gepackt und bin über Tschechien und Ungarn rüber. Ganz allein, aber zu allem entschlossen.

Warum?

Loos: Weil ich absolut keine Perspektive für mich mehr in diesem Land sah. Ich wusste: Hier geh ich kaputt.

Sie beide spielen in "Weissensee" das tragische Paar Vera und Falk Kupfer - den gefühlskalten Stasi-Mann und dessen unglückliche Frau, die schließlich zur Oppositionellen wird. Aus Liebe wird irgendwann Hass. Es gibt da sehr intensive Szenen. Wie war das beim Drehen miteinander? Konnten Sie die Rollen im täglichen Umgang wieder abstreifen?

Hartmann: Ja, das wirkt bei mir nicht nach. Und ehrlich gesagt: Bei soviel negativen Energien, die dieser Falk Kupfer hat, musste ich aufpassen, dass ich mich in dieser dunklen Wolke nicht verliere. Da brauche ich in den Drehpausen eher das Entlastende, Lustige. Da albere ich dann mit Anna rum.

Loos: Ist bei mir genau so. Ich kann es auch überhaupt nicht ausstehen, wenn Leute ihre Rollen nicht ablegen können oder wollen. Das ist nicht meins. In dem Moment in dem ich spiele muss für mich, in meiner Rolle, alles real sein, davor und danach lebe ich sehr gern als Anna.

"Weissensee" ist großes Kino im TV. Es drängt sich da allerdings die Frage auf, warum die neuen Folgen nicht letztes Jahr zum Jubiläum des Mauerfalls liefen? Warum dauert es jedes Mal so lange, bis die Serie fortgesetzt wird?

Loos: Das müssen Sie die ARD fragen. Die letzte Staffel hat unsere Produzentin Regina Ziegler ja sogar vorab auf DVD rausgebracht, weil der Sender für die Ausstrahlung so lange gebraucht hat.

Hartmann: Zwei Jahre vom Dreh bis zur Sendung hat das damals gedauert. Alle loben dauernd die tollen US-Serien und sagen: Wir Deutschen kriegen ja so was nicht gebacken. Aber was machen wir, wenn wir mal gute Serien haben? Wir lassen sie erst mal liegen.

Loos: Ich weiß auch nicht, warum man nicht sagt: So, schnell, es geht ins TV damit und dann sechs Wochen jeden Dienstag im Ersten "Weissensee". Und danach die neue Serie soundso. Punkt. So bekäme man die Leute auch wieder vor die Fernseher. Verlässlich und planbar Qualität liefern. Das wäre für die Zuschauer gut und für die Filmmacher ebenso.

Hartmann: Dieses Gehudel um die tollen US-Serien strengt mich ein wenig an. Ich hab noch nicht mal "Breaking Bad" gesehen. Die erste Staffel liegt bei mir zuhause rum. Ich hab' die noch nicht geguckt. Vielleicht, weil alle sagen: Mann, das musst du gucken.

Loos: Muss du aber, Jörg. Das ist einfach gut. Und stilprägend. Muss man kennen, sich gute Sachen anschauen ist nie verkehrt.

Hartmann: Sehen Sie? Genau das meine ich.

Herr Hartmann, wie schafft man es, so lange Zeit einen so zutiefst unsympathischen Menschen wie Falk Kupfer zu spielen?

Hartmann: Klar ist das ein fieser Typ. Aber Falk ist eben auch ein aktiver Charakter, der die Geschichte vorantreibt. Das ist reizvoll. Da steckt Energie drin. Und ich versuche ja auch, ihn nicht nur als Bösewicht zu zeigen. Der ist auch ein Zukurzgekommener, der nach der Anerkennung des Vaters hungert.

Man fragt sich, Frau Loos, warum Sie sich als Vera überhaupt in diesen Typen verlieben konnten.

Hartmann: Na, weil der eine Granate im Bett ist!

Loos: (lacht) Das hat Jörg beim Drehen auch immer gesagt. Aber im Ernst: Falk Kupfer war ja nicht immer so. Ich habe mir immer vorgestellt, dass Falk auch mal eine Stütze für diese problembehaftete Vera war. So habe ich mir auch meine Figur gebaut. Die hat den mal geliebt. Und so was verschwindet nie ganz.

Frau Loos, sie spielen oft Frauen, die Probleme haben, die Lasten tragen müssen. Was schätzen Sie am Schweren?

Loos: Ich mag es als Schauspielerin, wenn etwas nicht zu offensichtlich ist. Wenn da mehr ist als ein Abziehbild. Ich neige nicht zur Schwermut, im Gegenteil, aber ich kenne niemanden, der nicht irgendwelche Probleme hat. Jeder hat seine Dämonen, mit denen er kämpft. Und das sollten auch Filmfiguren tun. Sie kriegen dann einfach mehr Tiefe und somit mehr Glaubwürdigkeit. Mich persönlich beschäftigen Tiefschläge auch viel mehr als Erfolge. Die Tiefschläge zu verarbeiten - daran wächst man.

Herr Hartmann, auch Sie scheinen mit gebrochenen, schwierigen Charakteren mehr anfangen zu können.

Hartmann: Nee, stimmt nicht. Das denken Sie jetzt, weil ich diesen etwas wahnsinnigen "Tatort"-Kommissar spiele und den fiesen Falk. Gute Rollen, klar, aber man hat mir bislang noch nicht die Chance gegeben, die andere Seite zu zeigen. Das Leichte liebe ich genau so. Ich würde irre gern mal in einer Komödie spielen. Ich war in der Schule der Klassenclown. Hallo, Fernseh-Redakteure, Casting-Leute, Regisseure - bitte aufmerksam lesen. Jörg Hartman will auch mal lustig sein. Und er kann's!

Loos: Bei mir ist das anders. Mich interessiert die deutsche Komödie wenig. Ich kenne auch kaum gute. Und das Frauenbild in den meisten ist eine Katastrophe. Ich habe keine große Lust auf die meisten dieser Rollen.

Herr Hartmann, trotzdem können Sie die fiesen Typen einfach verdammt gut. Sie haben ja schon mal im Mehrteiler "Die Wölfe" sehr überzeugend einen Stasi-Mann gespielt. Wie nähern Sie sich diesem Typus Mensch?

Hartmann: Mich interessiert, was einen dazu bringt, so ein Mensch zu werden. Der Glaube an die Sache? Ehrgeiz? Was bringt ihn dazu, über Leichen zu gehen? Das treibt mich um. Ich versuche, diese Leute irgendwie zu verstehen, mich in sie hineinzuversetzen.

Stimmt es, dass Sie sich mit echten Stasi-Verhörprotokollen auf die Rolle vorbereitet haben?

Hartmann: Ja, ich hab auch Doktorarbeiten von Stasi-Offizieren über Vernehmungstaktik gelesen. Das hat mir sehr geholfen, mich auf die berufliche Seite des Falk vorzubereiten. Ich wollte das realistisch machen. Nicht unter- und nicht übertreiben.  Ich finde, man hat da eine Verantwortung. Zumal die Opfer und die Täter noch leben.

Gab es da in den Protokollen so einen sanften Teufel wie Falk Kupfer?

Hartmann: Das war ja Methode. Wenn man diese Doktorarbeiten über Vernehmungstaktiken liest, dann denkt man nicht, dass man hier ein Dokument des Bösen in der Hand hat. Das klingt alles wahnsinnig plausibel.  Das könnte von einem heutigen Kommissar der Polizei stammen.

Inwiefern?

Hartmann: Der zu Vernehmende, heißt es da, muss ernst genommen werden. Er muss an die Hand genommen ihm Hilfe angeboten werden. Ich habe auch Tonbänder abgehört. Das war meist kein Gestapo-Gepöbel. Die haben da anders gearbeitet. Viel subtiler. Dem Gefangenen wurde suggeriert, dass der Stasi-Offizier die einzige Bezugsperson ist, der man sein Herz ausschütten kann, die hilft, wenn man einsieht, dass man vom Weg abgekommen ist. Der richtige Weg war die Zusammenarbeit. Die Leute wurden isoliert und weichgekocht. Mehr Zuckerbrot als Peitsche. Zumindest auf der Ebene, auf der Falk Kupfer arbeitete. Ich will absolut nicht bestreiten, dass es auch Gewalt gegeben hat. Das wird ja auch thematisiert in "Weissensee".

Loos: Ich muss dazu noch mal was sagen. Also, ich habe selten mit jemandem gearbeitet, der so gut vorbereitet war wie Jörg. Der wusste soviel über die DDR. Teilweise standen Leute wie ich und Uwe Kockisch, beide aus dem Osten, daneben, hörten ihm staunend zu und sagten: Echt? So war das damals bei uns?

Hartmann: Mann, wie das klingt. Ich bin halt gern vorbereitet. Manchmal vielleicht zu gut. Das kann auch hemmen, wenn man das alles im Kopf mit sich rumschleppt. 


Manche Szenen in der Stasi-Zentrale haben einen Hauch von Führerbunker. Draußen zerfällt das Land und Falk Kupfer trinkt Sekt aus Anlass seiner Beförderung.

Hartmann: Ja, die ersehnte Beförderung. Aber zum denkbar falschen Zeitpunkt. Da steht Falk allein in seinem riesigen Büro und prostet imaginären Kollegen zu. Großartige Szene. Das zeigt den Realitätsverlust großer Teile der damals Herrschenden.


Was glauben Sie? Wie hätten Sie beide als heutige Erwachsene mit Mitte 40 auf das System DDR reagiert?

Hartmann: Ganz schwer zu beantworten. Heute kann man vieles behaupten. Ich wäre hoffentlich auch mutig genug gewesen, mich dem System zu widersetzen. Aber ich weiß es nicht. Vielleicht hätte ich mich auch in irgendeiner Nische eingerichtet und dauerhaft überwintert.

Loos: Also, ich wäre entweder im Knast gelandet oder abgehauen. Was anderes kann ich mir nicht vorstellen.


Uwe Kockisch sagt in einer der neuen Folgen als geläuterter Stasi-Mann "Ich will nicht, dass dieses Land untergeht". Können Sie diesen Satz nachvollziehen?

Hartmann: Absolut. Das meint ja, wenn dieses Land untergeht, geht auch die Idee einer gerechteren Gesellschaft unter. Auch, wenn die DDR das natürlich nie hingekriegt hat. Aber die Debatte über Alternativen zum Kapitalismus war damit ja dann tatsächlich vorüber. Ich bin kein Sozialist, höchstens Sozialdemokrat, aber so wie das jetzt bei uns und in der Welt läuft ... na,ja, das kann es irgendwie doch auch nicht sein.


Wie meinen Sie das?

Na, ja, wir beuten diese Welt und ihre Menschen gnadenlos aus. In jeder Hinsicht. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.

Loos: Ich bin sehr froh, dass es die DDR nicht mehr gibt. Aber ich verstehe diesen Satz. Uwe Kockisch spielt ja einen Mann in den 70ern. Das ist die Generation meiner Eltern. Die haben 40 Jahre in diesem Land gelebt. Und trotz aller Kritik, auch von ihrer Seite, hatte das auch was mit Identität zu tun. Und dann ging praktisch über Nacht alles unter. Auch das, was nicht schlecht war. Meine Mutter war Oberschwester in einer Poliklinik. Die wurde erst mal dicht gemacht und die Leute entlassen. Und sieben Jahre später haben die an der gleichen Stelle da ein neues Ärztezentrum gebaut. Aber die Leute waren ihre Jobs los.

Hartmann: Man muss sich das doch mal vorstellen, wie das damals für viele Ostdeutsche war. Alles war auf einmal schlecht. Selbst die Spreewald-Gurke war irgendwann verdächtig.

Loos: Wie gesagt: Ich bin aus diesem Land abgehauen. Ich trauere dem nicht nach. Aber ich kann verstehen, dass meine Eltern Probleme damit hatten, wenn ihnen gesagt wurde: Hey, Leute, die letzten 40 Jahre, die ihr gelebt hat, das war alles Schrott, denn das stimmt nicht.

Hartmann: Die letzten Folgen von "Weissensee" thematisieren ja auch, wie viele ältere DDR-Bürger durch Geschäftemacher über den Tisch gezogen wurden. Versicherungen, Kredite, Ratenzahlungen. Volksverarsche im großen Stil. Auch das gehört zur Wahrheit über die Wende.


Stimmt es, Herr Hartmann, dass gleich nach der Wende ein Ostdeutscher in Ihr Elternhaus eingezogen ist?

Ja, wir hatten noch vor dem Mauerfall in einem Urlaub ein paar junge Leute kennengelernt. Man kam ins Gespräch. Adressen wurden ausgetauscht, und dann im Januar nach der Wende stand dann plötzlich einer von denen mit seiner Frau vor unserer Haustür und fragte: Können wir bei euch wohnen?


Und?

Hartmann: Na, dann haben die beiden zwei Wochen bei uns im Haus gewohnt. Mein Vater, der bunte Hund, der so viele Leute kannte, hat ihnen dann eine Wohnung und Arbeit besorgt.


So etwas nennt man heute Willkommenskultur. Aktuell getragen von vielen Deutschen.

Loos: Mich begeistert das. Ich bin ja selber mal geflohen und wurde mit offenen Armen empfangen. Wir alle müssen unsere Ängste überwinden und nicht auf anonyme Zahlen schauen, sondern auf die Menschen, die in unser Land kommen und ihnen begegnen.

Hartmann: Es macht mich wütend und traurig, wenn ich bei einigen Menschen sehe, wie aus der Angst, zu kurz zu kommen, Hass und Rassismus werden. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, wollen nichts von unserem Kuchen klauen, die müssen ihr nacktes Leben retten. Verglichen mit dem Horror, vor dem diese Menschen fliehen, sind die Probleme in unserem schönen Deutschland ein anstrengender Kindergeburtstag. Und welcher Kuchen, wenn nicht unserer, ist üppig genug, um großzügig davon abzugeben?"

 

"Weissensee" läuft am 29.9, 30.9 und 1.10 jeweils um 20.15 Uhr im Ersten

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