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TV-Kritik zum Deutschen Filmpreis: Herbst foppt die Selbstbeweihräucherer

Tränen, Danksagungen und müde Witze: In Berlin feierte sich die deutsche Filmbranche auf einer großen Gala selbst. Schade nur, dass der Fernsehzuschauer über weite Strecken außen vor blieb.

Von Christoph Forsthoff

Großzügig verteilte Christoph Maria Herbst kleine rauchende Häuschen im Berliner Friedrichstadt-Palast. "Für den Fall, das Sie sich noch ein bisschen selbst beweihräuchern wollen. Greifen Sie zu, es wird gefördert von diesem Dings, den wir alle so Scheiße finden …" Spätestens da blieb manchen der tiefdekolletierten Damen und befrackten Herren bei der Verleihung des 62. Deutschen Filmpreises dann doch das Lachen im Halse stecken. "Na, wie heißt er noch – vom Staat."

Rabenschwarzer Humor, den der bissige Schauspieler da bewies – und der doch mit seinen ironisch-bitterbösen Anmerkungen diese bizarre Glamour-Veranstaltung um den höchstdotierten deutschen Kulturpreis in ihrem Kern traf. "Die nominierten Filme alle zusammen hatten so viele Zuschauer wie Gottschalk an einem schlechten Vorabend", spöttelte der 46-Jährige weiter. Thematisch stelle sich immer wieder die Frage "Was liegt schwerer im Magen: der Film oder die Nachos?" Ja, laufe gar ein Streifen von Christian Petzold im Kino, "dann kann der Popcorn-Verkäufer gleich nach Hause gehen".

Böse Polemik oder nur ein wenig Selbstironie? Nun, die Herbst-Spitzen stießen so manchem der Gäste übel auf. Denn natürlich feierte und bejubelte sich hier eine Branche vor allem selbst – unabhängig von den Vorlieben des breiten Kinopublikums. Denn das zieht es weder in das zum besten deutschen Film gekürte Krebsdrama "Halt auf freier Strecke" des Regisseurs Andreas Dresen (das insgesamt vier der begehrten Lolas gewann) noch in das DDR-Drama Petzolds, das die Silberne Lola für den besten Spielfilm erhielt.

Der erfolgreichste deutsche Film in Frankreich: "Helga"

Entsprechend bissig fiel denn auch hier der Kommentar Herbsts aus: "Der deutsche Film ist auf einem guten Weg – wir müssen nur weg kommen von diesen monothematischen Filmen", merkte er ketzerisch an und brachte mit dem französischen Kinohit "Ziemlich beste Freunde" über einen Behinderten und einen Afrofranzosen gleich ein gutes Beispiel. "Zwei Randgruppen in einem Film – und acht Millionen Deutsche laufen rein." Um dann gleich noch einen bösen Seitenhieb nachzusetzen: Der erfolgreichste deutsche Film in Frankreich heiße übrigens "Helga" – "ein Aufklärungsfilm von 1967".

Ob der eine oder andere Filmschaffende über den wahren Kern dieser ketzerischen Äußerungen noch nachdenken wird? An diesem Abend jedenfalls nicht, schließlich feierten sich da alle selbst, zählten allein die Zahl der Danksagungen und echten und falschen Tränen in dem sich scheinbar endlos wiederholenden Preis-Prozedere. Nennung der Nominierten samt Filmschnipsel und einiger über den grünen Klee lobender Worte, Öffnung der goldenen Umschläge mit den Gewinnern, Jubel, feuchte Augen, stotternde Sieger. "Danke Mama, Papa, Frau und Kinder, dem ganzen Team, ohne Euch alle wäre ich nichts" – die Unterschiede in diesem Zirkus der Rührungen blieben minimal. Wären dazwischen nicht Redner wie Herbst oder Michael "Bully" Herbig gewesen.

"Bully" sendet Eichinger einen Gruß gen Himmel

Herbig wurde mit dem erstmals verliehenen Bernd-Eichinger-Preis ausgezeichnet und sandte dem verstorbenen großen Mann des deutschen Films einen ebenso ehrlichen wie berührenden Gruß gen Himmel: "Bernd, ich werde deine Liga wahrscheinlich nie erreichen, aber ich werde in deinem Sinne weitermachen" –, vermutlich wäre dieser Abend für den TV-Zuschauer gähnend langweilig geworden. Wie das eben so ist auf Partys, wo sich alle außer einem selbst untereinander kennen und sich entsprechend selbst genügen.

Da tat es der Unterhaltung eben gut, wenn ein Bully Herbig den Gottschalk gab oder der Kabarettist Josef Hader die Anwesenden aufs Korn nahm: "Es muss damit zusammenhängen, dass Sie alle keinen Eintritt bezahlt haben – Sie freuen sich wirklich über jeden, der kommt." Denn welchen normalen TV-Zuschauer interessierte schon wirklich, wer die Lola für den "Besten Schnitt", die "Beste Tongestaltung" oder das "Beste Szenenbild" bekam (um der Chronistenpflicht zu genügen: diese Lolas gingen allesamt an Roland Emmerichs Shakespeare-Thriller "Anonymus", der allerdings lediglich in diesen Nebenkategorien abräumte). Auch die ausgezeichneten besten Neben- und Hauptdarsteller lernte das Fernsehpublikum an diesem Abend kaum näher kennen: Denn ganz gleich, ob Otto Mellies oder Dagmar Manzel, Milan Peschel oder Alina Levshin – alle hatten ihre tief berührten 30 Sekunden, und dann setzte auch schon wieder das Orchester ein.

Der Wulff-Gag war dann doch ziemlich schal

Dass es bei solcher Häppchenkost die eigentlichen Moderatoren schwer haben würden, war absehbar – dass die beiden indes derart blass blieben, überraschte dann doch. Weder Jessica Schwarz noch ihre Kollege Elyas M’Barek offenbarten großen Wortwitz, die Pointen waren nicht nur, sie wirkten leider auch einstudiert, und der Gag über die beiden leer gebliebenen VIP-Stühle für Christian Wulff und seinen Filmproduzenten-Freund David Gronewold war dann doch schon ziemlich schal.

So blieb der Höhepunkt des Abends der Verleihung des Ehrenpreises vorbehalten, den der Kameramann Michael Ballhaus aus den Händen von Iris Berben, Präsidentin der Deutschen Filmakademie, bekam: Sie hielt nämlich nicht nur eine sehr persönliche Laudatio, sondern wusste auch durch einen einzigen schlichten Satz sein Lebenswerk zu würdigen: "Danke für deine wunderbaren Bilder." Der 76-Jährige selbst nahm diese angenehme Zurückhaltung und zugleich doch inhaltliche Vertiefung in seinen Dankes-Worten ebenso auf: "Ich möchte mit Bildern Geschichten erzählen und auch die Gefühle in den Menschen erwecken – vielleicht ist mir das gelungen." Zweifellos. Anders als großen Teilen dieser seltsamen TV-Show.

Christoph Forsthoff