HOME

Petzolds DDR-Drama "Barbara": Nina Hoss in einer Welt des Misstrauens

Mehr als 20 Jahre nach dem Fall der Mauer bringt Christian Petzold eine DDR-Geschichte auf die Leinwand - alles andere als verstaubt. Seine Muse Nina Hoss brilliert als "Barbara".

Kinotrailer: "Barbara"

DDR-Filme malen leicht Schwarz-Weiß. Oder sie versuchen, den Schikanen des Spitzelstaats im Nachhinein mit Ironie beizukommen. Christian Petzold schlägt andere Töne an: Sein preisgekröntes DDR-Drama "Barbara" ist eine hochspannende, dicht erzählte Liebesgeschichte, die wie nebenher die Atmosphäre im einstigen Arbeiter- und Bauernstaat grandios einfängt. Angst und Argwohn beherrschen die Beziehungen, selbst Liebe ist von Misstrauen bedroht.

"Vielleicht kann der Film die Botschaft vermitteln: Lasst uns nicht aufarbeiten, lasst uns erzählen - dass man die DDR nicht als eine Aufgabe betrachtet, die es zu erledigen gilt", sagte Petzold. Bei der Berlinale erhielt er Mitte Februar für seine brillante Regie einen Silbernen Bären. Wäre es nach Publikum und Kritikern gegangen, hätte er sogar die Goldtrophäe nach Hause genommen: "Barbara" war der unumstrittene Festivalliebling - auch und vor allem wegen der großartigen Nina Hoss in der Hauptrolle.

Die 36-Jährige spielt eine junge Ärztin der Berliner Charité, die in die Provinz strafversetzt wird, weil sie einen Ausreiseantrag gestellt hat. Statt klein beizugeben, bereitet sie ihre Republikflucht vor - ständig beschattet von der Stasi. Der Geliebte aus dem Westen (Mark Waschke) kann es kaum erwarten. Doch die Begegnung mit ihrem neuen Chef André (Ronald Zehrfeld) bringt Barbaras Pläne ins Wanken - bis zu einem höchst überraschenden Ende.

Rollen sind "wie eine zweite Haut" für Hoss

Mit ihrem wunderbaren Mienenspiel gibt Hoss ihrer Figur eine solche Dichte und Vielschichtigkeit, dass es einem fast den Atem verschlägt. Nach der Demütigung durch das System hat sie sich in ein Schneckenhaus zurückgezogen, sie reagiert stolz und abweisend. Nur ihre jungen Patienten holen sie aus der emotionalen Starre heraus - vor allem ein entwurzeltes Mädchen, für das sie nach einer Odyssee durch DDR-Kinderheime die einzige Rettung ist.

Auch dem freundlichen und hilfsbereiten Klinikchef gegenüber ist Barbara mehr als verschlossen. Ist er ein Spitzel? Soll er sie beobachten? Steckt er mit dem Stasi-Mann unter einer Decke, der sie auf Schritt und Tritt verfolgt? Nur ganz langsam entsteht etwas wie Nähe, oft nur mit einer Geste, einem Blick. "In dieser Atmosphäre liegt immer ein unterschwelliges Misstrauen. Und trotzdem hat es eine große Wärme", sagt Hoss. "Es gibt in diesem Film keinen moralischen Zeigefinger, sondern es gibt Möglichkeiten."

Für Nina Hoss, die einst als Edelnutte Nitribitt in Bernd Eichingers Remake "Das Mädchen Rosemarie" ihren Durchbruch hatte, ist es nach Filmen wie "Yella" und "Jericho" bereits die fünfte Zusammenarbeit mit Petzold. "Sie traumwandelt durch seine Filme. Die Rollen, die er ihr schreibt, scheint sie überzustreifen wie eine zweite Haut", schrieb die "Süddeutsche Zeitung".

Starke Bilder erzeugen Atmosphäre

Seine besondere Atmosphäre gewinnt der Film auch durch die Bilder. Immer wieder sieht man Barbara auf kleinen Fluchten durch eine weite, unendlich schöne Landschaft radeln, während daheim schon der Stasi-Trupp mit der nächsten erniedrigenden Durchsuchung wartet.

Dass Petzold dieses Ambiente so genau trifft, überrascht auf den ersten Blick. Der Regisseur ist in Nordrhein-Westfalen geboren und hat nie in der DDR gelebt. Doch seine Eltern stammen von dort, sie hätten so oft wie möglich die Verwandten in Thüringen und Sachsen besucht, erzählt er. "Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt und mich immer gefragt, warum wir dort nicht leben."

Von Nada Weigelt, dpa / DPA