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Serien-Kritik

Hacker-Serie "You Are Wanted": Zwei Stunden verschwendete Lebenszeit: Mein vermurkster Abend mit Schweighöfer

Matthias Schweighöfers Serie "You Are Wanted" soll deutsche Serien auf Weltniveau heben - und scheitert nach Einschätzung von stern-Autor Malte Mansholt krachend. Dass er den Hauptdarsteller nicht ausstehen kann, ist dabei das kleinste Problem.

Matthias Schweighöfer in You Are Wanted

In "You Are Wanted" wird der nette Herr Schweighöfer von bösen Hackern geärgert

Ich mag Matthias Schweighöfer nicht. Das muss ich vorwegnehmen. Also gar nicht den Menschen, den kenne ich nicht, sondern den Schauspieler und Regisseur. Ich finde seine Filme belanglos und langweilig. Allerdings denke ich das auch über Til Schweiger und finde trotzdem, dass "Barfuß" damals ein sehr gelungener Film geworden ist. Eine positive Überraschung. Die ist Schweighöfers Hacker-Serie "You Are Wanted" leider nicht. Und Schweighöfer in der Hauptrolle ist das geringste Problem.

Als Schreiber über Digital-Themen kam ich um die Serie schlicht nicht herum. Schließlich soll sie deutsche Serien im Auftrag von Amazon auf Weltniveau heben. Dann noch das Hacker-Thema, das mich bei "Mr. Robot" absolut gefesselt hat. Musste ich mir anschauen, zusammen mit meiner Frau übrigens, die für Schweighöfer-Filme auch schon mal ins Kino geht. Ohne mich allerdings. 


Pappaufsteller statt Charaktere

Meine Erwartungen an ein solches Projekt waren nach Til Schweigers lächerlichen Action-Versuchen im Tatort denkbar niedrig. Und wurden leider unterboten. Das fängt schon bei den Figuren an. Schweighöfers Rolle, Lukas Franke, ist netter Familienvater mit Haus, Frau und Kind, der in einem Edelhotel arbeitet. Dann wird er plötzlich gehackt. Aus hanebüchenen Gründen, wie sich später herausstellt. Was ihn sonst so antreibt oder ihn als Person ausmacht, weiß ich auch nach mehreren Folgen nicht so richtig. Bei den anderen Figuren sowieso nicht. Alexandra Maria Lara ist halt seine Ehefrau und tut Ehefrauendinge wie sich Sorgen zu machen und eifersüchtig sein. Ihre Kollegin redet nur vom Sex, die Kommissarin ist immer schlecht gelaunt, Hacker spielen in dunklen Räumen Egoshooter und mögen keine Leute.

Jede Figur ist ein Pappaufsteller mit einer klaren Funktion. Tiefgang? Hat man trotz sechs Folgen mit einer knappen Dreiviertelstunde Länge keine Zeit für. Muss ja weitergehen, die schnelle Handlung. Sonst fallen die Plotlöcher zu stark auf.

Hacker-Magie

Angeblich hat Schweighöfer mit Hackern gearbeitet, um die Thematik realistisch darstellen zu können. Im Gegensatz zur brillanten Amazon-Konkurrenz von "Mr. Robot" will das aber nicht gelingen. Während Hacker, ihre Methoden und Fähigkeiten dort nahe an der Wirklichkeit - und damit oft ein bisschen unspektakulär - sind, können die Cyber-Magier bei "You Are Wanted" einfach alles übernehmen und etwa ganz Berlin vom Strom abknipsen, nur um es Schweighöfer in die Schuhe zu schieben. 

Eine Phishing-Mail mit verseuchtem Anhang reicht den Hackern, um neben Smartphone und Laptop auch gleich Fernseher und Co. zu knacken. Oder sie können innerhalb von Minuten von außen feststellen, dass ein anderer den BND gehackt hat. Oder aus verschwommenen Videoaufnahmen glasklare Gesichter herausziehen. Das Netz macht sich seit Jahren zurecht darüber lustig, dass es US-Serien wie "CSI" mit Quatsch dieser Art übertreiben. Die nehmen sich dabei nicht mal ernst. 

Wo sind die Untertitel?

Technisch erklären will man die Hacker-Künste natürlich nicht. Das würde nur die Zuschauer verwirren und wäre auch gar nicht so schön gruselig. Ganz wichtig ist da eher der ständig benutzte Hackerslang. Selbst, wenn das Gegenüber den ganz offensichtlich nicht versteht. Ich als Zuschauer übrigens auch nicht, wenn auch aus anderem Grund: In "You Are Wanted" wird schlimmer genuschelt als in jeder anderen Serie. Ich habe ernsthaft erwogen, die Untertitel zum deutschen Ton einzuschalten, nachdem ich eine Szene dreimal ansehen musste. Und ich bin als Hesse in Hamburg wirklich einiges gewohnt.

Natürlich ist nicht alles schlecht. Optisch kann sich "You Are Wanted" wirklich sehen lassen, die Serie muss sich in Bezug auf die Kamera weder vor der internationalen Konkurrenz noch vor Filmen verstecken. Schnitt und Soundtrack sind auch ordentlich. Einzelne Szenen haben durchaus Witz, die meisten Schauspieler bringen ihre schwach geschriebenen Rollen gut rüber. Weil einem die Pappfiguren egal sind, kümmert es trotzdem nicht so richtig, was mit ihnen passiert. Und nachdem dann selbst ein Cliffhanger mit einem überraschenden Toten keine Lust zum Weiterschauen machte, haben sich meine Frau und ich dann zum Abbruch entschieden. Aus Langeweile. Nicht wegen Schweighöfer.

Hinweis: Dieser Text war einer der meistgelesenen Artikel auf stern.de im Jahr 2017 - zum Jahresrückblick spielen wir die besten Artikel in loser Reihenfolge bis zum Ende des Jahres.

Malte Mansholt