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ZDF-Zweiteiler: Hitlers "Titanic"

Der Untergang der "Wilhelm Gustloff" war die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten. Das ZDF hat aus dem Drama einen revisionistischen Event-Zweiteiler gemacht.

Von Stephan Maus

Jetzt gibt es wohl bald jährlich ein Nazikostümfest. 2006 erzählte das ZDF mit der Bombennacht-Schmonzette "Dresden" endlich das Kriegsleid der Deutschen. 2007 erinnerte die ARD mit ihrem Ostpreußen-Melodram "Die Flucht" dann endlich daran, dass auch die Deutschen im Krieg ihr Päckchen zu tragen hatten. Nach der Erinnerungsoffensive zu Boden und in der Luft ist nun wieder das ZDF mit Aufklärung dran, diesmal zu Wasser. Das Schiffsdrama "Die Gustloff" zeigt, dass auch die Deutschen in ihrem Krieg einiges durchzustehen hatten. Endlich! Brachte Ex-SS-Mann Grass in seiner Gustloff-Novelle "Im Krebsgang" den Opfermythos noch sachte seitwärts voran, überbieten sich inzwischen sogar die Öffentlich- Rechtlichen darin, wer die rührseligsten deutschen Opferschicksale in die Wohnzimmer pumpt. Nationales Selbstmitleid bringt Quote. In diesem Rennen liegt das ZDF nun vorn: Mit dem Zweiten verdrängt sich besser. Das neueste TV-Event sieht aus, als hätte der Bund der Vertriebenen zum Kostümball geladen.

"Die Gustloff" erinnert an die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten. Am 30. Januar 1945 versenkte ein russisches U-Boot die "Wilhelm Gustloff", das Paradeurlaubsschiff der NS-Organisation "Kraft durch Freude". An Bord befanden sich 1500 Wehrmachtsangehörige und 8800 Zivilisten. Bei der Katastrophe starben mehr als 9000 Menschen – über sechsmal so viele wie beim Untergang der "Titanic".

Auf dem Weg in den Westen

Die Zehn-Millionen-Euro-Produktion erzählt das Unglück aus der Sicht des Fahrkapitäns Hellmut Kehding, der die Passagiere von Gotenhafen nach Kiel bringen soll. Bei der Einschiffung trifft er seine Jugendliebe Erika Galetschky, die als Marinehelferin arbeitet und mit an Bord kommt. Auf See reißt der militärische Transportleiter, Nazi-Korvettenkapitän Petri, das Kommando an sich. Mysteriöse Funksprüche veranlassen ihn, Positionslichter zu setzen. So wird die "Gustloff" zum leichten Ziel für das russische U-Boot.

Regisseur Joseph Vilsmaier hat das Bild vom Staatsschiff wörtlich genommen und die Schiffskatastrophe als Symbol für das Schicksal Deutschlands inszeniert. "Wir erzählen diesen Untergang als Sinnbild für den Untergang des ganzen Nazi-Regimes", sagt Drehbuchautor Rainer Berg. Dieses Sinnbild verrät nun viel über das Geschichtsbild der Filmemacher: Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als Petri die "Gustloff" in seine Gewalt bringt. 9000 Menschen werden Opfer eines Wahnsinnigen. In Erinnerung bleibt das Bild einer Masse von einfachen Zivilisten im Schiffsbauch, die von wenigen Irren in Geiselhaft genommen werden. Petri gerät zur Nazi- Karikatur mit Schäferhund, wobei der Vierbeiner überzeugender spielt als der Zweibeiner. Vilsmaier verfolgt die Schönfärbe-Strategie, einzelne Nazis besonders böse zu inszenieren, um den Großteil der Deutschen als ihre Opfer und damit als unschuldig darstellen zu können. So funktioniert Exorzismus: Das Böse fährt als grotesker Teufel aus dem Staatskörper, der in bleicher Unschuld übers Meer treibt.

Hauptdarsteller ist der Ostseenebel

Die Schiffssymbolik erlaubt es, Deutschlands Untergang aus dem historischen Zusammenhang zu reißen. Vilsmaiers Hauptdarsteller ist der Ostseenebel, hinter dem alle Ursachen für die Katastrophe verschwinden. Verbrechen der Wehrmacht? Verschwunden im Nebel. Holocaust? Bleibt unerwähnt. Die Opferrolle ist schon von deutschen Zivilisten besetzt. Für Juden ist kein Platz mehr, sorry. Das Gedenken an deutsche Zivilopfer ersetzt nach und nach das Erinnern an den Holocaust. Auf Vilsmaiers Nazi-Traumschiff wird jede negative Figur durch eine positive neutralisiert. Dem faschistischen Korvettenkapitän Petri steht der ehrenhafte Korvettenkapitän Leonberg gegenüber - Wehrmachtimage gerettet. Der tapfere Fahrkapitän Hellmut Kehding entschärft seinen mephistophelischen Nazi-Bruder Harald. Sorgfältig verteilt Vilsmaier sein Nazi-Gegengift über alle Hierarchien und verrechnet das böse Deutsche restlos mit dem guten. Heraus kommt ein moralisches Nullsummenspiel: Auf der "Gustloff" halten sich Gut und Böse exakt die Waage.

Warum muss das Staatsschiff dann kentern? Wegen eines Funkers, der mit den Russen kollaboriert. Mit der Figur dieses linken Widerständlers verlässt Vilsmaier das Terrain des historisch Verbürgten und schifft sich in die trüben Gewässer des Revisionismus ein. Der von Detlev Buck mit viel Vertriebenemgeknödel gespielte Verräter bringt Kapitän Petri mit einem fingierten Funkspruch dazu, die Positionslichter zu setzen. Für den Untergang ist somit der deutsche Widerstand verantwortlich. Vilsmaier greift hier auf eine Verschwörungstheorie zurück, mit der das Militär schon nach dem Ersten Weltkrieg versuchte, seinen Ruf zu rehabilitieren: Laut Dolchstoßlegende war die Wehrkraft zersetzende Linke Schuld am Niedergang Deutschlands. Armes Deutschland! Wolltest doch nur eine Schwimmweste!

Der Zweiteiler "Die Gustloff" läuft am Sonntag, 2., und Montag, 3. März, jeweils um 20.15 Uhr im ZDF

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