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Russland: Die Meuterei auf der "Potemkin"

Als 1905 auf Befehl des Kapitäns die im Hungerstreik befindlichen Matrosen an Deck der "Potemkin" erschossen werden sollten, meuterte die Mannschaft und tötete die meisten Offiziere. Doch die Meuterei endete ruhmlos.

Schiffe, die zur Legende werden, fahren selbst nach ihrem Ende weiter. Was für die "Titanic" ebenso galt wie für die "Wilhelm Gustloff" oder die "Andrea Doria", erfuhr auch der "Panzerkreuzer Potemkin". Der war zwar gar kein Panzerkreuzer und auch sonst stimmt an der Legende vieles nicht. Doch der Film von Sergej Eisenstein hat das Schiff unsinkbar gemacht. Die berühmte Meuterei, die in dem Film thematisiert wurde, begann vor 100 Jahren am 27. Juni 1905 (14. Juni 1905 nach dem alten russischen Kalender).

Das Jahr 1905 war für Russland eine höchst unruhige Zeit. Im Januar wurden beim "Petersburger Blutsonntag" friedliche Demonstranten zusammengeschossen, Hunderte starben. Einen Monat später verlor Russland bei Mukden (Shenyang) die bis dahin größte Schlacht seiner Geschichte gegen die Japaner. Im Mai wurde die russische Flotte bei Tsushima versenkt, bevor sie in den russisch-japanischen Krieg auch nur eingreifen konnte. Die Schwarzmeerflotte blieb im Hafen, weil die Türken die Durchfahrt durch den Bosporus verweigerten.

Nach Schikanen und Demütigungen in den Essenstreik

An Bord der "Potemkin" gärte es, schreibt der Marinehistoriker Thies Völker. Das Kriegsschiff war bei Schießübungen in der Nähe von Odessa, als die Mannschaft sich über das Essen beschwerte. Maden waren angeblich im Borschtsch, doch der Schiffsarzt, als Offizier von der Zwei-Klassen-Versorgung profitierend, gab den Eintopf frei. Die Matrosen waren Schikanen und Demütigungen gewohnt, aber jetzt traten sie in den Essenstreik. Der Erste Offizier, als Schinder verhasst, ließ eine Persenning an Bord schaffen. Mit solch einer Plane wurden im 19. Jahrhundert bei Hinrichtungen die Decks vor dem Blut geschützt.

Diese Persenning war der Funke im Pulverfass "Potemkin". Etwa 100 der 600 Matrosen auf dem "Linienschiff" - kein Panzerkreuzer - meuterten und töteten die meisten Offiziere. Auch der Kapitän wurde an Bord aufgestöbert und ermordet. Ein "Schiffsrat" - Rat heißt auf Russisch Sowjet - führte jetzt die "Potemkin" und ihr Begleitschiff, das Torpedoboot "No. 267".

In Odessa tobten damals seit Wochen Unruhen, das Militär ließ Hunderte von Menschen auf der Hafentreppe zusammenschießen - Eisensteins berühmte Kinderwagenszene. Die meuternden Matrosen feuerten einige Zwölf-Zoll-Granaten auf die Militärführung. Nicht eine traf.

Am 30. Juni traf der Rest des Geschwaders vor Odessa ein. Die "Potemkin" dampfte den drei Linienschiffen mit roter Fahne entgegen und mitten in die Formation hinein. In einem Gefecht hätte sie keine Chance gehabt, schreibt der Historiker Völker. Doch zum Entsetzen der Offiziere winkten die Matrosen ihren meuternden Kameraden nur zu statt das Feuer zu eröffnen. Nur eines der Dickschiffe lief allerdings zu den Kameraden über - und wurde bald von Zarentreuen auf Grund gesetzt. Die anderen Schiffe wurden von der Admiralität rasch zurückgezogen, bevor auch sie von dem "roten Virus" befallen werden könnten.

Ruhmloses Ende

Aus der "Roten Flotte" wurde nichts, nur die "Potemkin" und die "No. 267" dampften über das Schwarze Meer. Der Versuch, im rumänischen Constanta (Konstanza) versorgt zu werden, scheiterte. Zudem war ein Zerstörer, besetzt ausschließlich mit freiwilligen Offizieren, unterwegs, um die Meuterer zu versenken. Als ein zweiter Versorgungsversuch scheiterte, öffnete die Mannschaft die Flutventile und bat in Rumänien um politisches Asyl. Die Meuterei war beendet. Das Ende von Schiff und Mannschaft war ruhmlos. Das Schiff wurde umbenannt, eine spätere Meuterei im Keim erstickt. Afanassi Matjuschenko, der Anführer der Meuterer, kehrte 1907 nach Russland zurück, wurde jedoch bald verhaftet und gehängt.

Eine Fußnote der Geschichte, wenn nicht Sergej Eisenstein im Auftrag der Kommunistischen Partei den Propagandafilm "Bronenosez Potemkin" gedreht hätte. Das cineastisch zu den großartigsten Filmen zählende Werk geht zwar mit der Geschichte recht tolerant um und verherrlicht und verteufelt holzschnittartig die jeweiligen Gegenspieler. Doch der gewünschte Effekt war da: Der Film war so aufrührerisch, dass 1926 viele Staaten ihren Matrosen Kinoverbot erteilten. Die "Potemkin" war da schon drei Jahre abgewrackt.

Chris Melzer/DPA / DPA