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19. Jahrhundert Als der Kapitän erkrankte, segelte diese Frau einen Clipper um Kap Horn und überstand eine Meuterei

Bei der Fahrt um Cap Horn wurde das Schiff weit abgetrieben.
Bei der Fahrt um Cap Horn wurde das Schiff weit abgetrieben.
© Atlantic Mutual Insurance Company / PR
Als der Kapitän der "Neptun's Car" erkrankte, stellte sich seine Frau ans Ruder. Über hundert Tage lang führte Mary Ann Brown Patten den Segel-Clipper um Kap Horn nach San Francisco. Doch die Heldentat brachte ihr kein Glück.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebten die Segelschiffe eine letzte Blüte, bevor sie endgültig von den Motorschiffen verdrängt wurden. Nie wurden schnellere Handelsschiffe gebaut als die Clipper, unablässig lieferten sich ihre Kapitäne Wettkämpfe. Wer als erstes im Zielhafen einlief, konnte eine satte Prämie einstecken.  1856 kommandierte Mary Ann Brown Patten, eine Frau, so ein Schiff und sie brachte die "Neptune's Car" sicher in den Hafen von San Francisco.

Die Rennen der schnellsten Segelschiffe

Die "Neptune's Car" wurde am 16. April 1853 von der Werft Page & Allen in Portsmouth, Virginia, vom Stapel gelassen. Es war der größte Clipper, der jemals im Commonwealth gebaut wurde. Clipper waren sehr schnell und damit profitabel. Aber die Renner waren auch fragiler und die Reisen riskant. Im Juli 1856 hatte das Schiff New York verlassen. Marys Ehemann war der Kapitän. Mary Ann Brown Patten hatte ihren Mann schon auf der ersten Reise begleitet. Sie war 16, als sie heiratet. Joshua Patten hatte seiner Frau das Navigieren beigebracht und notierte stolz: "Mrs. Patten ist ungewöhnlich geschickt auf dem Schiff, auch bei schlechtem Wetter, und wäre zweifellos von Nutzen, wenn sie ein Mann wäre."

Doch auf der zweiten Reise erkrankte Joshua Patten schwer. Der erste und der zweite Offizier, die ihn vertreten sollten, waren beide ungeeignet. Der eine konnte weder lesen noch schreiben, der andere saß unter Deck im Schiffsgefängnis.

Frau am Ruder 

Also wollte die schwangere Mary die Aufgaben ihres Mannes übernehmen, doch der erste Offizier versuchte eine Rebellion anzuzetteln. Doch weil er selbst während einer Wache eingeschlafen war und das Schiff darum beinahe auf Grund aufgelaufen war, folgte ihm die Mannschaft nicht, sondern legte ihr Glück in die Hände der Frau des Kapitäns. Hinzu kam, dass Mary die Route fortsetzen wollte, der erste Offizier aber wenden und nach New York zurückkehren wollte. Damit wäre auch für die Mannschaft die Aussicht auf die Prämien für eine geglückte und schnelle Fahrt dahin gewesen. Mary Ann Brown Patten steuerte den Clipper nach San Francisco, dabei passierte sie die Südspitze Amerikas, das gefährliche Kap Horn. Sie musste um Eisberge navigieren und obendrein ihren Mann pflegen. Einen Hafen anlaufen wollte sie nicht. Sie fürchtete, die Mannschaft würde davonlaufen. Dann hätte sie das Schiff und die wertvolle Ladung aufgeben müssen.

Sichere Fahrt 

Als sie am 15. November 1856 San Francisco erreichte, war sie im sechsten Monat schwanger. Mit 136 Tagen konnte sie keinen Rekord brechen, musste sich in dieser Saison aber nur zwei anderen Schiffen geschlagen geben. In einem Brief an die Versicherung betonte sie später, sie habe "die einfache Pflicht einer Ehefrau gegenüber einem guten Ehemann" erfüllt. Heute wird diese Bescheidenheit aus feministischer Sicht kritisiert, aber man darf nicht die Zeitumstände und die besondere Situation vergessen. Denn genau genommen dufte Mary Ann Brown Patten gar kein Schiff führen, nicht weil sie eine Frau war, auch für einen Mann ohne eine nachgewiesene Qualifikation wäre das heikel gewesen. Also musste sie den Eindruck vermeiden, nach der Rolle des Kapitäns gegriffen zu haben, wichtig war der Eindruck, dass die Umstände sie gezwungen hatten.

Unglückliches Ende

In der "New York Daily Tribune vom Februar 1857" heißt es: "Ihre Gesundheit ist durch die Strapazen, die sie durchgemacht hat, sehr beeinträchtigt, und sie steht kurz vor der Zeit der Mutterschaft. Dennoch schont sie sich nicht im Geringsten, sondern ist ihrem Mann treu und beständig zugetan."

Mary Ann Brown Pattens Einsatz wurde weder von der Reederei noch vom Schicksal belohnt. Die Reederei kürzte Preisgeld und Sold, die ihrem Mann zustanden. Der erholte sich nie wieder und starb wenige Monate später. Mary erkrankte an Typhus und Tuberkulose und folgte vier Jahre später ihrem Mann. Der gemeinsame Sohn, den sie zur Welt brachte, verarmte und ertrank mit 41 Jahren.


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