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Älteste Chirurgin Russlands: Alla ist 90, operiert jeden Tag und denkt nicht ans Aufhören

Jeden Tag operiert die zierliche Alla Levushkina vier Patienten. Die kleine Oma benötigt dazu einen Tritt, um an den Operationstisch zu kommen. Sie will und kann nicht aufhören, denn die Kranken müssen versorgt werden.

An vier Tagen in der Woche gehört der Operationssaal Alla.

An vier Tagen in der Woche gehört der Operationssaal Alla.

Alla Ilyinichna Levushkina ist mit 90 die älteste Chirurgin der Welt. Sie tritt jeden Tag ihren Dienst im Krankenhaus von Rjasan an. Genau wie vor 68 Jahren. 1949 kurz nach dem Krieg und noch in der Stalin-Ära griff sie zum ersten Mal zum Skalpell. Im Mai wird Alla Ilyinichna Levushkina 90 Jahre alt, aber auch dann wird sie nicht aufhören. Sie sagt, wenn sie nicht mehr zum Dienst erscheine, wer wird dann operieren?

Russland hat ein öffentliches Gesundheitssystem, das über die Steuern finanziert wird. Es kostet keine weiteren Abgaben wie unsere gesetzlichen Krankenkassen und steht jedem offen. Das ist gut, aber das System ist unterfinanziert und leidet darunter, dass Ärzte und Pfleger heutzutage woanders mehr verdienen können. Also können sich Ärzte aus der Sowjetzeit wie Alla Ilyinichna Levushkina nicht zur Ruhe setzen. Jeden Tag liegen durchschnittlich vier Patienten bei ihr unter dem Messer. Insgesamt schätzt Alla, habe sie mehr als 10.000 Menschen operiert. Über Zweihundert im letzten Jahr und nicht einer sei ihr gestorben.

Klein aber zäh

Dabei ist die Ärztin körperlich kein Herkules. Sie ist zart und außerordentlich klein. Alla misst nur 150 Zentimeter und benötigt einen speziellen Tritt, um die Patienten auf dem Operationstisch überhaupt zu erreichen. Möglich ist das nur, weil Alla Ilyinichna Levushkina zwar viele Falten bekommen hat, aber ihr Körper nach wie vor enorm leistungsfähig ist. Alla vergleicht sich selbst mit einem  "Rennpferd". Sobald sie zum Skalpell greift, fühle sich wie ein Pferd auf der Rennbahn. Dann würde sie einen unglaublichen Energiestoß spüren. Ihr macht es nichts aus, jeden Tag in voller Konzentration im Operationsraum zu stehen. Ihre Kollegen bescheinigen ihr eine extrem ruhige Hand. Ein Patient dachte, sie sei zu klapprig. Da hat Alla ihn mit ihrem festen Fingern in den Bauch gestoßen. "Danach waren alle Zweifel verflogen."

Der Ruf der Oma-Ärztin ist legendär. Viele Patienten wollen sich wegen ihrer Erfahrung nur von ihr operieren lassen. Auf der Straße wird sie von Unbekannten begrüßt. Ehemalige Patienten, an die sie sich nicht immer erinnern kann.

Hunger in der Nachkriegszeit

Als sie für ihre Arbeit bei einem Festakt in Moskau ausgezeichnet wurde, erzählte sie der Zeitung "Kommersant", wie hart das Leben als Studentin in der Nachkriegszeit gewesen sei. "Wir haben gehungert. Einmal im Monat bekamen wir Mediziner eine Flasche Alkohol. Die verkauften wir auf dem Markt und tauschten sie gegen Lebensmittel." Ihre Eltern hätten ihr ab und zu ein paar Kartoffeln schicken können. "Andere Studenten bekamen Speck oder Weizen, so schlugen wir uns durch. Einmal brachte ein Mädchen einen großen, fetten Karpfen mit. Ein Traum! Davon lebten wir eine ganze Woche." Erst ab 1951 sei das Leben besser geworden, es habe Lebensmittel gegeben, alles sei billiger geworden. Aber sie erinnert sich auch: "Es gab damals keine Familie, in der nicht jemand unter der Verfolgung gelitten hat."

Arbeitsbeginn um acht Uhr

Heute beginnt jeder Tag mit der Sprechstunde und der Vorbereitung um acht Uhr. Um elf Uhr steht sie im Operationssaal. Jahrzehntelang hat sie als Ärztin in der Wildnis Sibiriens gearbeitet. Als sie jung gewesen sei, hätten die älteren Ärzte diese Arbeit nicht machen wollen, weil sie Furcht vor den täglichen Flügen im Hubschrauber gehabt hätten. In ihre Heimatsstadt Rjasan kehrte sie erst im Pensionsalter zurück. "Ein Arzt zu sein, ist kein Job, es ist eine Art zu leben", sagte sie "Lite FM". Und überhaupt: "Warum sollte ein Chirurg leben, wenn er nicht helfen will? Wenn ich aufhören sollte, wer würde dann all die Menschen operieren?"

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