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Zitate in antiken Quellen: Klischees in der griechischen Literatur

Griechenlands Ruf ist nicht der Beste. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Schon in der antiken Literatur wurde über die Griechen gelästert und Vorurteile geschürt. Eine literarische Rückschau.

Von Bernhard Zimmermann

Vorbemerkungen: Die Bezeichnung Griechen ist jedenfalls für die klassische Zeit irreführend. Man fühlte sich zunächst als Athener, Korinther, Spartaner etc. Lediglich in Krisensituationen (Perserkriege, also in der Zeit der Bedrohung ganz Griechenlands) gab es das Gefühl einer Zusammengehörigkeit aller Griechen, die aber nach den Kriegen (nach 480) sogleich wieder zerbrach und 431 bis 404 sogar in einem innergriechischen Krieg zwischen Athen (und seinen Verbündeten) und Sparta (und seinen Verbündeten) gipfelte. Aufgrund dieses Partikularismus gab es auch zahlreiche Vorurteile gegen die Nachbarstädte, die für uns in den Komödien des Atheners Aristophanes greifbar sind. In diesen Stücken treten häufig Vertreter anderer griechischer Städte auf, die schon allein dadurch komisch wirken, daß sie in ihrem lokalen Dialekt reden (bis heute ist dies ja eine Quelle der Komik in Comedy shows).

Die Klischees hängen immer entscheidend von der literarischen Form oder Gattung ab, in der sie erscheinen. Sie haben also immer eine wie auch immer geartete Intention oder Funktion (Komik, Ideologie, Propaganda etc.).

Im folgenden Stelle ich einige Texte zusammen, die solche Klischees zum Ausdruck bringen: Übersetzungen immer von mir.

1.

Zum utopischen, unruhigen Naturell der Athener (im Vergleich zum spartanischen Charakter) aus Thukydides, Geschichte des Peloponnischen Krieges (geschrieben um 400): Buch 1, Kap. 70. Es spricht ein Korinther. Die Rede ist keine authentische, wirklich gehaltene, sondern wird von dem Historiker Thukydides, einem Zeitgenossen des Aristophanes (2. Hälfte 5. Jh. v. Chr.), einem Korinther in den Mund gelegt.

"Die Athener sind neuerungssüchtig, sie sind scharf darauf, ständig Pläne zu schmieden, und das, was sie denken, auch in die Tat umzusetzen. …. Sie sind - auch wenn es ihre Kräfte überschreitet - tollkühne Draufgänger und verlieren in gefährlichen Situationen nie den Mut. … Und wenn sie einen Plan nicht in die Tat umsetzen, dann sind sie der Meinung, etwas eingebüßt zu haben, was ihnen eigentlich gehört. Was sie aber erfolgreich angepackt und in Besitz genommen haben, das kommt ihnen als nur wenig vor im Vergleich zu dem, was sie alles noch erfolgreich durchführen und dazugewinnen könnten. Wenn ihnen bei irgendeinem Versuch etwas fehlschlägt, dann überkommt sie sogleich eine neue Hoffnung, mit der sie die Lücke schließen. … Wenn man die Athener mit einem Satz zutreffend charakterisieren möchte, könnte man sagen: Sie sind von Natur aus nicht in der Lage, selbst mal Ruhe zu halten, geschweige denn, die anderen in Ruhe zu lassen."

2.

Die Sicht des einfachen Athener Bürgers auf die Politiker, zum Ausdruck gebracht in den Komödien des Aristophanes, besonders deutlich in den Acharnern des Jahres 425. In dieser Komödie steigt ein rechtschaffener, einfacher Athener mit dem sprechenden Namen Dikaiopolis ("der es recht/gut mit seiner Stadt meint") aus der Gesellschaft aus, in der kein Konsens über einen Friedensschluss herbeigeführt werden kann, und errichtet inmitten der Kriegswirren einen privaten, utopischen Friedensraum. Schuld daran, dass es nicht zum Frieden kommt, sind die Politiker, die allesamt als Kriegsgewinner dargestellt werden.

Szene 1: Eine Gesandtschaft hat sich jahrelang in Persien aufgehalten und sich dort auf Steuerzahlers Kosten verwöhnen lassen; nun nach ihrer Rückkehr beschreibt sie ihre "Strapazen":

Acharner, Verse 65ff.: "Ihr habt uns schon vor Jahren zum persischen König geschickt - mit einem Tagessatz von zwei Drachmen …. Dort wurden wir bewirtet, wurden genötigt, puren süßen Wein aus hölzernen und goldenen Bechern zu trinken. … Denn die Perser halten nur die für wahre Männer, die zu saufen und fressen in der Lage sind."

Szene 2: Der komische Held trifft auf einen General, den er mit seinen hartnäckigen Fragen in die Enge treibt: Acharner, Vers 572ff.:

"General: Wer bist du eigentlich, dass du so mit mir redest? Dikaiopolis: Ein rechtschaffener Bürger, kein Ämtchenjäger, sondern, seitdem Krieg ist, ein wackrer Soldat, du aber bist, seitdem Krieg herrscht, ein Profiteur, der sein Gehalt einstreicht! General: Aber ich wurde doch von den Bürgern gewählt!"

3.

Die Sicht des einfachen Atheners auf die Intellektuellen, die insgesamt als träge Nichtstuer betrachtet werden. Die Schutzgottheiten dieser unnützen Nichtstuer sind die Wolken, da diese wie die Intellektuellen ‚abgehoben‘ sind, keine Bodenhaftung haben, ständig die Form (d.h. die Meinung) ändern usw. Es treffen in diesem Text zwei Vorstellung aufeinander: die aristokratische Oberschicht bezeichnet ihren Lebensstil als apragmosyne, sich aus dem Alltagsgetriebe heraushalten, um Zeit für die schönen Dinge des Lebens, die Kunst und Literatur zu haben; dem einfachen Mann kommt das damals wie heute als snobistische Faulheit vor.

Aristophanes, Wolken 331ff. (zur Gruppe dieser intellektuellen Nichtstuer gehören):

"Die Wolken beschirmen die Intellektuellen in großer Zahl: Seher und Propheten, Ärzte, junge Schnösel mit Ringen an den Fingern und langen Haaren, Dichter moderner Lyrik, ein eingebildetes Volk. Die alle tun rein gar nichts und stehen unter dem Schutz der Wolken, die sie verehren."

4.

Die aristokratische Sicht auf das athenische Volk kommt in einem anonymen Pamphlet (20er Jahre des 5. Jh. v. Chr.) zum Ausdruck. Während wir also in der Komödie die Sicht des einfachen Mannes auf die da oben haben, haben wir hier die Sicht von oben nach unten. Die einzige Triebfeder, die hinter der athenischen radikalen Demokratie steht, sieht der Aristokrat im Neid der Masse gegen die reichen, einflussreichen Athener guter Abstammung:

Kap. 1, 15: "Traditionellen Sport und traditionelle Kultur hat das Volk abgeschafft, da es erkannt hat, dass es nicht in der Lage ist, sich darin zu betätigen. Dafür lassen sie uns Aristokraten jetzt für Sport- und Kulturveranstaltungen zahlen; das Volk nimmt das Geld – und singt und läuft und tanzt und segelt auf den Schiffen – mit dem alleinigen Ziel, sich zu bereichern und uns in den Ruin zu treiben."

5.

In der 388 v. Chr. aufgeführten Komödie der Reichtum (Plutos) des Aristophanes wird ein hochaktuelles Thema verhandelt. Ein Athener namens Chremylos gelingt es, den personifizierten Reichtum (Plutos) von seiner Blindheit heilen zu lassen, damit künftig der Reichtum nicht blindlings, sondern nach Verdienst über die Menschheit verteilt werde. Diesem Vorhaben tritt die personifizierte Armut entgegen, die die Vorteile von Kargheit und Mangel herausstreicht, ohne sich damit allerdings durchzusetzen. Die Bedürftigkeit bringt die Menschen zu Erfindungsreichtum, macht aktiv und spornt an, gleichmäßiger Wohlstand dagegen stoppt jede Initiative:

Aristophanes, Plutos, Verse 510ff.

Wenn der Reichtum künftig, von seiner Blindheit kuriert, gleichmäßig die Güter verteilen würde, Dann würde sofort kein einziger Mensch mehr sich um die Kunst oder um nützliches Wissens bemühen. Keiner wird mehr auf den Gedanken kommen, Zu hämmern, zu schmieden, zu zimmern, zu Schiffe zu bauen und Wagen und Räder, Zu schneidern, zu schustern und Ziegel aus Lehm zu brennen, Stoff oder Leder herzustellen! Wer würde den Acker pflügen, wer den Boden aufhacken, wer Korn aussähen, Wer würde noch die Hand rühren, wenn er statt dessen behaglich in Ruhe herumsitzen könnte?

6.

In der römischen Literatur werden die Griechen - aus der Außenwarte der kulturell sich unterlegen Fühlenden - abschätzig als Graeculi ("Griechlein") bezeichnet, denen man alle schlechten, unrömischen Eigenschaften wie Faulheit, Betrug, Sittenlosigkeit vorwarf. Dies kommt vor allem in den Komödien des Plautus und Terenz zum Ausdruck.

7.

In der Philosophie eines Platon und Aristoteles wird die aristokratische vornehme Zurückhaltung (apragmosyne, siehe oben) positiv zum wahren philosophischen Lebensstil umgedeutet. Der bios theoretikos, der sich philosophischen Betrachtungen widmende Lebensstil (lateinisch otium), ist nur möglich, wenn sich aus dem Geschäften des Alltags heraushält.

8.

Der römische Politiker und Literat Cicero gibt seinen Bruder Quintus im Jahr 59 in einem Brief Verhaltensmaßregeln für den Umgang mit der griechischen Bevölkerung in der Provinz Asia, die Quintus als Prokonsul verwalten soll. Die Ausführungen gipfeln in dem Gedankengang, dass Rom insgesamt und Cicero selbst im besonderen von der griechischen humanitas abhängig sei und die Römer deshalb im Umgang mit Griechen ihnen diese humanitas zurückzahlen müssten (An den Bruder Quintus 1, 1, 9, 27f.). Humanitas ist ein weit gefächerter, mit einem deutschen Wort nicht wiederzugebender Begriff: er umfasst alle Eigenschaften, die den Menschen ausmachen, insbesondere Bildung und Kultur und ein sich daraus ergebendes menschliches Verhalten (Humanität).

Cicero schreibt: "Wir müssen den Menschen, für die wir jetzt die Verantwortung tragen (sc. für die Griechen), die Humanität, die bei ihnen ihre Heimstatt hat und die von ihnen zu anderen gelangt ist, im höchsten Maße zurückerstatten - wir haben sie ja von ihnen erhalten! Denn ich schäme mich nicht zuzugeben: alles, was wir in den Studien und Künsten geschafft haben, haben wir nur durch die Denkmäler und Wissenschaft Griechenlands erreichen können. Deshalb stehen wir – so meine Meinung – neben der allgemein gültigen Verantwortung der Menschen füreinander außerdem in dieser Hinsicht in der Schuld der Griechen: wir sind verpflichtet, bei den Menschen, durch deren kulturelle Errungenschaften wir ausgebildet worden sind, nun offenzulegen, was wir von ihnen gelernt haben."

Professor Bernhard Zimmermann ist Bundesvorsitzender des Deutschen Altphilologenverbands

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