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Pro und Contra: Wie dick dürfen Models sein?

Calvin-Klein-Model Myla Dalbesio gilt mit Größe 40 als "Plus Size Model". Unverantwortlich, findet Niels Kruse. Gernot Kramper meint, Leute wie du und ich gehören nicht auf den Laufsteg.

Mode trägt eine gesellschaftliche Verantwortung

Haben Sie schon einmal einen Hollywoodstar in echt gesehen? Oder waren sie schon einmal in einem Fernseh- oder Filmstudio? Falls ja, können Sie sich vielleicht vorstellen, was Optikexperten unter "tonnen- und kissenförmigen Verzeichnungen" verstehen: Die Wirklichkeit ist, anders als auf der Leinwand zu sehen, viel kleiner, schmaler, nicht selten sogar winzig. Der Grund liegt an den Weitwinkelobjektiven der Kameras, vor denen Schauspieler und Kulissen weitaus mächtiger, opulenter und dicker wirken, als sie tatsächlich sind. Auch deswegen sind auffallend viele Schauspieler nur halbe Persönchen.

Noch eine Nummer härter trifft es Models, die ebenfalls vor Kameras arbeiten, aber leider das Pech haben, dass bei ihnen nur eine Qualifikation zählt: ein perfekter Körper. Was perfekt ist, bestimmt die Branche, die, wie andere auch, nach dem Prinzip von Nachfrage und Angebot funktioniert. Wenn Designer und Kunden nach Kleidergröße 34 verlangen, dann bekommen sie Kleidergröße 34. Das ist, abgesehen von einigen Schlankheitsnaturtalenten und ihren wenigen Fans, für die meisten Frauen ein unerreichbarer Zustand. Ein Model wie Myla Dalbesio gilt mit Kleidergröße 40 schnell als "Plus Size Model". Die Vermagerung von Models (und Schauspielerinnen) mag ihre Ursache vielleicht in der Gnadenlosigkeit von Weitwinkelobjektiven haben, sie hat sich aber längst als Gewichtsunterbietungswettbewerb verselbstständigt - und findet statt vor einem Publikum, dass wenig verzeiht, am allerwenigsten ästhetischen "Stillstand".

Das Maß der Dinge ist die Fülle

Zugeben, neu ist das nun wirklich nicht. Die Zeit, als Rubensfrauen noch für Idealmaße standen, sind sehr lange vorbei und vermutlich hätte auch eine gewisse Norma Jeane Baker, würde sie heute irgendwo vorstellig werden, nicht den Hauch einer Chance. Die Haute Couture und ihre Macher leben vom Verkauf von Träumen und nicht vom Verkauf der Realität. Genau wie Hollywood und andere Hochglanzproduktionsstätten.

Modeschöpfer wie Lagerfeld sind Teil eines Systems, das sich längst von allem, was als halbwegs normal gilt, abgekoppelt hat. Aus seiner Welt mögen dicke Menschen verschwunden sein. Im echten Leben sind sie es nicht. Im echten Leben ist Kleidergröße 42 das Maß aller Dinge. Ironischerweise betrug sie vor 20 Jahren noch 40. Die echten Menschen werden also dicker, die Modelmenschen dünner und die Kluft zwischen Realität und Wunsch wird immer unüberbrückbarer. Diese Zerrbilder helfen aber weder den ungesund Dicken abzunehmen, noch den ungesund Dünnen zuzulegen.

Schuld daran sind nicht allein Lagerfeld oder seine Schneiderkollegen. Doch als Avantgarde haben sie eine Vorbildfunktion für die gesamte Branche sowie deren Nacheiferern aus Modeketten, Film, Fernsehen und Hochglanzmagazinen, und an ihnen wiederum verproviantieren sich stilmäßig Herrscharen von Frauen und Männer, Jungs und Mädchen. Die haben etwas Besseres verdient als Modemacher, die gefangen sind in ihrer fragwürdigen Logik nach immer mehr, beziehungsweise immer weniger.

Schöne Frauen werden immer angezickt

Laufstegmodels stehen im Scheinwerferlicht und in der Dauerkritik. Im Volksmund werden sie nur noch Magermodels genannt. Angeblich sind sie schuld an der Magersucht junger Mädchen. Auch wenn der Zusammenhang von Magersucht und Haute-Couture-Shows keinesfalls gesichert ist, ficht das die Kritiker nicht an.

Trotzig verlangen sie, die Werte eines Laufstegmodels müssten im angeblich "gesunden" Bereich des Body-Mass-Index (BMI) liegen. Eine Forderung, die ebenso dumm ist, wie sie laut erhoben wird. Im Vergleich zur normalen Bevölkerung sind Laufstegmodels unendlich groß und bestehen zu einem guten Teil aus Bein. Sie sind die geborene Abweichung von der Norm. Warum sollen sie da Werten entsprechen, die für uns Durchschnittswesen gemacht sind? Das ist ungefähr so, als würde man im "Herrn der Ringe" die edlen Elben aufs knubbelige Hobbitformat bringen wollen.

Nur einmal angenommen, Karl Lagerfeld und andere Propheten des Schlankheitswahns würden auf die vermeintliche Stimme der Vernunft hören und einem fülligeren Frauenformat huldigen. Wäre dann Ruhe? Meine Prognose: Sobald auf dem Laufsteg Frauen wallen würde, die mehr dem westafrikanischen Schönheitsideal entsprächen, wäre die Kritik noch schriller. Eine einzige Beth Ditto wird als Kämpferin gegen die Magersucht gefeiert, aber gäbe es mehr von ihrem Format, würden diejenigen, die Beth jetzt loben, sofort den Fatty-Wahn anprangern. Der Skandal: Dicky-Models treiben junge Mädchen Burgerbratern und Schokoladenherstellern in die Arme!

Das Schönheistideal des Mittelmaßes

Die Berufskritiker werden nicht verstummen. Richtig kann es also nie sein. Das zeigte schon das Beispiel Barbie. Sie ist blond, extrem schlank und langbeinig. Was für ein Frauenbild, wurde sich empört. Solange bis die ethnisch buntgemischte Truppe der Bratz-Puppen als Anti-Barbie in die Läden rollte. Die Kritik wurde noch lauter, denn die Bratz-Girls waren zwar nicht "white and skinny", aber gewagt und kurvig. Und das war ja noch viel schlimmer.

Erfreuen sich alle, die sich über die Bohnenstangen auf dem Laufsteg ereifern, an den gesunden, vollbusigen Models von Bademoden? Und bekommt der aktuelle Schönheitstrend, der großen Wert auf ein mächtiges Gesäß legt, Beifall dafür, dass er entschlossen dem Magerwahn abgeschworen hat? Natürlich nicht. Wieder wird nur gemäkelt. Dem Busenkult werden sinnlose Brustoperationen zur Last gelegt, und dem voluminösen Latina-Po empört entgegengehalten, so würden Frauen nur auf ihren Hintern reduziert.

Es bleibt eine Binsenwahrheit: Mode, Filme und Stars gehören zu Welt der Träume. Leute, die so aussehen wie du und ich, haben darin nichts zu suchen. Oder möchte etwa irgendeine Frau einen James Bond mit Hängebauch und Doppelkinn sehen? Nein, dafür braucht sie nicht ins Kino zu gehen, dafür hat sie ja schon ihren Lebensgefährten.