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Bond sein statt Bond sehen: Wie ich für einen Tag zu James Bond wurde

Einmal so lässig sein wie James Bond: Unser Autor Heiner Walberg tauschte für 24 Stunden den Kapuzenpulli gegen Anzug und Fliege. Mit erstaunlichen Erkenntnissen.

Von Heiner "007" Walberg

Vorher: Heiner Walberg als Surferboy. Nachher: Heiner "007" Walberg.

Vorher: Heiner Walberg als Surferboy. Nachher: Heiner "007" Walberg.

Ich kenne jeden Bond-Film, kann die meisten Dialoge mitsprechen und bin der festen Überzeugung: James Bond ist der coolste Typ der Welt. Warum ich bisher noch nie auf die Idee gekommen bin, meinem Idol nachzueifern weiß ich nicht. Höchste Zeit, das endlich nachzuholen. Ich nehme mir vor, für einen Tag in die Rolle des britischen Geheimagenten zu schlüpfen.

Die richtigen Voraussetzungen?

Mit 37 Jahren bin ich im besten Agentenalter, als Surfer bin ich auch körperlich ganz gut in Form. Dumme Sprüche sind ohnehin seit vielen Jahren meine Kernkompetenz - ich bilde mir ein, dass ich für die Metamorphose vom stern-Redakteur zum Geheimagenten nicht schlecht gewappnet bin. Ein Anruf in der Lifestyle-Redaktion des stern offenbart, was ich mit einem Blick in den Spiegel selber nicht für möglich gehalten hätte: Ich habe weder Style, noch eine Frisur.

Meine Haare haben seit Jahren keine Bürste mehr gesehen und auch der Kapuzenpulli ist allem Anschein nach nicht wirklich "Bond-like“. Fremde Hilfe muss her. Der international erfahrene Hamburger Friseur Jörg Oppermann verpasst mir den perfekten Bond-Look. Gut eine Stunde später sieht meine Frisur schon mal aus wie die von Daniel Craig. Ein schicker Anzug findet sich in meinem Kleiderschrank, die passende Fliege gibt es bei H&M. Meinem Tag als Bond steht nichts mehr im Weg.

Zottelfrisur adé. Friseur Jörg Oppermann macht aus mir einen James Bond. Nur den Bart, den wollte ich unbedingt behalten.

Zottelfrisur adé. Friseur Jörg Oppermann macht aus mir einen James Bond. Nur den Bart, den wollte ich unbedingt behalten.


Mal sehen, wie die Menschen auf einen gut gestylten Typen mit Anzug und Fliege reagieren. Zurück in der Redaktion kriege ich vor allem verwunderte Blicke. Da ich normalerweise im Ressort Automobil arbeite, nennt man mich hier eher "Auto-Boy" und nicht James Bond. Schade eigentlich. Die Vorfreude auf den Feierabend wird größer und die Spannung steigt: Wie kommt mein neues Ich in freier Wildbahn an.

Anzug statt Kapuzenpulli - auf den Spuren von James Bond

Anzug statt Kapuzenpulli - auf den Spuren von James Bond


Ich habe lange überlegt, wie mein Feierabend aussieht. Einen Freund bei der CIA habe ich nicht. Da internationale Terroristen seit vielen Jahren einen Bogen um Hamburg machen, gibt es für mich keine Arbeit. Ich werde mich also alleine in eine Bar setzen und ein paar Wodka-Martini in mich hinein gießen – das würde der echte James Bond auch machen. Mal sehen, wie das bei den Frauen ankommt. Ich bin hochmotiviert.

Möchtegern-Bond in freier Wildbahn

Den ersten Drink nehme ich in der Hotelbar vom Hotel Atlantic, einem der Schauplätze von "Der Morgen stirbt nie". Die Ernüchterung: Im Anzug falle ich hier überhaupt nicht auf, lediglich die Fliege fällt etwas aus dem Rahmen. Frauen schmeißen sich mir keine an den Hals, aber die Business Lady an der Bar hat es mir angetan. Mitte 40, groß, elegant, strenger Blick - könnte glatt eine feindliche Agentin sein. Ich gehe zu ihr und denke mir dabei "kommt der Hund zum Knochen, oder der Knochen zum Hund?" – eigentlich ist das ein bisschen falsche Welt. Ich bin doch James Bond, der begehrteste Junggeselle der Welt. Naja, was solls: Ich erzähle ihr, dass ich für die britische Regierung arbeite und muss dabei selber lachen. Lüge aufgeflogen. Als ich mit der Wahrheit rausrücke und auch nicht verschweige, dass ich im Sommer lieber im VW-Bulli schlafe, als im Hotel, dreht sie sich gelangweilt von mir weg. Ich spiele anscheinend nicht in ihrer Liga.

Ehrlich gesagt bekomme ich ein bisschen Fluchtgefühle und will mich wieder in mein gewohntes Umfeld begeben – das Hamburger Univiertel. Ich mache mich auf den Weg in die "Pony Bar", ein schrammeliger Laden mit Wohlfühlatmosphäre. Auf dem Weg dahin falle ich doch noch auf, eine Horde Jugendlicher ruft mir zu: "Ey Digger, geh doch nach Eppendorf" und gibt mir damit zu verstehen, dass ich unpassend gekleidet bin. Ich fühle mich nicht ernstgenommen und frage mich, wo die Lizenz zum Töten ist, wenn man sie mal braucht. Also gut, Ärger runtergeschluckt und rein in die Bar.

Zwischen den Welten

Nächstes Problem: Es gibt keinen Wodka-Martini. Na gut, im Jahr 2015 darf James Bond auch mal mit Ritualen brechen. Während Daniel Craig in "Casino Royal" schon die Frechheit besessen hat, sich nicht dafür zu interessieren, ob sein Drink geschüttelt oder gerührt ist, gehe ich noch einen Schritt weiter und bestelle mir ein Bier. Nach und nach vergesse ich den Anzug und lege damit wahrscheinlich auch die antrainierte Bond-Attitüde ab. Meine Nachbarin an der Bar gefällt mir, wir unterhalten uns. Wir reden nicht über den Agentenalltag, sondern über Wassersport und das Leben an der Küste. Als ich ihr erzähle, dass ich den Aston Martin schon lange gegen einen rostigen 1989er VW-Bus eingetauscht habe, wirkt sie irgendwie erleichtert. Ich komme zu der Erkenntnis, dass ich lieber ein echter Heiner, als ein falscher James Bond bin. 

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