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Transgender Abby Stein sollte Rabbiner werden, Anführer einer jüdischen Gemeinde – heute lebt sie als Frau

"Lass mich dir zeigen, was New York anbietet."


Abby Stein gehört zu New Yorks bekanntesten Gender-Aktivistinnen.


Sie studiert Genderwissenschaften an der Columbia University, wohnt in Harlem, speist koscher.


Früher war sie Mitglied der ultraorthodoxen Parallelwelt der Chassiden in Brooklyn.


Seit ihrem Austritt aus der Gemeinde hat sich ihr Leben komplett verändert.


Die 26-Jährige kam als Junge zur Welt.


Ihr Vater leitet eine jüdische Gemeinde. Abby wird zum Rabbiner ausgebildet und heiratet eine gläubige Frau, die ihrem Ehemann einen Sohn schenkt.


Dann steigt sie aus der Gemeinde aus.


"Statt zu denken, 'Oh mein Gott, so viele Menschen hassen mich', ist es 'Oh mein Gott, so viele Menschen reden darüber'."


Darüber reden, Öffentlichkeit herstellen – das ist Abbys größtes Ziel. Vor ihrer Umwandlung, wusste sie nicht, dass Transsexuelle überhaupt existieren.


An einem Tag im Einkaufszentrum gelangt ein Smartphone in ihre Hand. In der Gemeinde ist es ansonsten praktisch unmöglich im Internet zu surfen.


Sie googelt: Kann man mit dem falschen biologischen Geschlecht geboren werden?


Das Netz sagt: Ja.


"Die formelle Strategie in der Gemeinde ist Intoleranz, Respektlosigkeit und bis zu einem gewissen Maß auch Hass. Doch ich habe früher gescherzt, wenn ich mein Coming-out habe, wäre es mein größtes Ziel, die Chassiden-Gemeinde dazu zu zwingen, Transmenschen zu hassen.


Das bedeutet, wir müssen sie dazu bekommen, dass sie anerkennen, dass wir existieren. Von der totalen Ignoranz zu einer Phase, in der sie uns hassen. Aber zumindest reden sie dann darüber, dass wir existieren."


Das hat sie geschafft: Abby wurde von zahlreichen Medien in New York interviewt.


Ihre Geschichte ist einzigartig: Die erste Person aus der Chassiden-Gemeinde, die sich als Trans identifiziert. In ihrer ehemaligen Nachbarschaft wird sie noch erkannt.


"Ich bin manchmal überrascht, wie viel Unterstützung ich von ultraorthodoxen Menschen bekomme. Doch die Mehrheit, eher nicht. Also auf keinen Fall."


Ihr Leben ist eins der Widersprüche. Sie glaubt nicht mehr an Gott, geht aber immer noch in die Synagoge. Abby hat keinen Kontakt zu ihrer Familie, doch ein Bild ihres Sohnes hängt immer noch an ihrer Zimmerwand.


"Hier ist die Wahrheit: Ich habe nicht die Gemeinde verlassen, weil ich Trans bin. Ich sage nicht, dass es nichts miteinander zu tun hat. Aber als ich die Community verlassen habe, habe ich nicht mehr daran geglaubt. Ich glaube immer noch nicht daran. Ich glaube nicht an diese Lebensweise."


Besonders die beschränkte Informationsverbreitung unter Chassiden kann Abby nicht leiden.


Menschen sollen leben, wie sie wollen. Aber sie sollten zumindest wissen, dass es auch andere Lebensweisen gibt –  ihre zum Beispiel.


"Menschen müssen die Wahl haben. Wenn sich jemand für ein behütetes Leben entscheidet, ist das seine Wahl. Es liegt nicht an mir, zu bestimmen, wie andere Menschen ihr Leben führen. Aber wir müssen versichern, dass die Gemeinde auch nicht bestimmt, wie andere Leute ihr Leben führen sollten. Und genauso wichtig ist es, dass Menschen die Freiheit und das Wissen haben, ihren eigenen Weg zu finden."


Abby hat eine ziemlich klare Botschaft an die Welt: Sei wer du bist.


"Du bist nicht allein. Du schaffst das. Wir alle können das schaffen."
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Abby Stein gehört zu New Yorks umtriebigsten Gender-Bloggerinnen und Aktivistinnen. Dafür musste sie eine ganze Welt aufgeben, in der sie Rabbiner sein sollte, Familienoberhaupt – vor allem aber: ein Mann.

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