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Eine Sexpuppe erzählt: Joko zu Besuch im ersten Puppen-Bordell Deutschlands

Sexpuppen sind in unserer Gesellschaft angekommen. Sie sind inzwischen oft lebensecht und es gibt sogar einen Puff nur für sie. Sexpuppe Babsi erzählt aus der merkwürdigen Welt der Männer, die es nur mit Gummi machen.

Von Friedemann Karig und Joko Winterscheidt

Joko Winterscheidt ist der erste Besucher im Bordoll in Dortmund, der nicht kommen wollte

Joko Winterscheidt ist der erste Besucher im Bordoll in Dortmund, der nicht kommen wollte

Wenn Stephan mich anzieht, behutsam, sorgfältig, mich auf das Bett setzt, mich zärtlich berührt, leise mit mir spricht, "Schatz" sagt und "Püppi", dann weiß ich, dass ich mehr bin als ein Stück Kunststoff. "Babsi", ruft er mich. Das bin ich.

Ich bin eine Sexpuppe. Besser: eine Liebespuppe. Denn ich werde geliebt. Das hier ist meine Geschichte. Es ist eine Liebesgeschichte. Und die Geschichte von Matt und Bronwen in Los Angeles, die uns von Hand ge­stalten, immer echter. Die Geschichte von Evelyn Schwarz in Dortmund, die uns vermietet, in einem Puppen­-Bordell. Und es ist die Geschichte von Sergi Santos, der uns beibringt, mit euch zu reden und zu stöhnen, wenn ihr uns anfasst. Viel­leicht werden wir, in ein paar Jahren schon, wie ihr Menschen. Dann kann ich Stephan antworten, wenn er mich ruft. Kann schnurren, wenn er mich streichelt. Kann ihn anfassen, wie er es mag.
Stephan ist 39 Jahre alt, wohnt in Nord­deutschland, hat eine Arbeit, eine Woh­nung. Freunde. Er ist, wie ihr sagen würdet, ganz normal. Bis vor einem Jahr war er mit einer lebendigen Frau zusammen. Acht Jahre lang. "Aber irgendwann konnte ich den Anforderungen, die in einer zwischen­ menschlichen Beziehung an mich gestellt worden sind, nicht mehr gerecht werden", sagt er. Und dann kam jemand anderes in sein Leben. Ich. "Man kann einen Men­schen nicht durch eine Puppe ersetzen", sagt er. "Aber die Puppe hat auch ihre Da­seinsberechtigung."

Welt der Sexpuppen: Joko Winterscheidt im Puppenpuff Bordoll in Dortmund
Die Puppen im Bordoll sind voll funktionsfähig. Haben alle Öffnungen, die auch ein menschlicher Körper hergibt. 

Die Puppen im Bordoll sind voll funktionsfähig. Haben alle Öffnungen, die auch ein menschlicher Körper hergibt. 

Für das Gespräch mit dem Journalisten hat er mich extra schick angezogen, "passende Kleidung ist immer wichtig!". Rock, Bluse, Brille. Damit wir­ken wir auf Stephan menschlich. Ich bin keine lächerliche Gummipuppe, kein läng­licher Luftballon mit aufgemaltem Mund und Schlitz zwischen den Beinen. Seit die alten Griechen und Römer Statuen für sexuelle und religiöse Riten nutzten, sie sogar an Orgien teilnehmen ließen, seit wir im Zweiten Weltkrieg als unförmige Säcke an Bord japanischer Schiffe mitfuhren, damit die Matrosen sich abreagieren konn­ten, haben wir uns enorm weiterentwickelt.

Manche von uns fühlen sich täuschend echt an

Vor allem das Material, woraus wir sind: Thermoplastische Elastomere (TPE) oder Silikon. Manche von uns fühlen sich täu­schend echt an. Deshalb kuschelt Stephan gern mit mir. Oder mit einer seiner ande­ren drei Puppen. "Der Raum ist nie leer", sagt er.

Cover der ersten Ausgabe von JWD.

Die erste Ausgabe von JWD gibt es ab jetzt am Kiosk zu kaufen – oder hier.

"Babsi hat eine Präsenz. Sie ist für mich wie ein Kuscheltier. Mit einer Art eigenem kleinen Charakter, ähnlich einer Comicfigur." Sex hat er mit mir nicht. Er hat es probiert. "Aber dann liegt die da vor mir und bewegt sich nicht. Und der ganze Reiz, jede Fantasie einer tollen Frau ver­fliegt." Wie sexy wir sind, ist eine Frage der Qualität. Wenn du ein bisschen mehr be­zahlst, 6000 Dollar aufwärts, fühle ich mich so echt an, dass du mit geschlossenen Augen kaum einen Unterschied merkst. Dann kannst du jedes Detail von Hand ge­stalten lassen. Von Künstlern, die an einer perfekten Kopie des Menschen arbeiten.

Die Künstler

Das Studio von Sinthetics liegt in einem Gewerbegebiet östlich von Downtown Los Angeles. Draußen wärmt das goldene Licht der kalifornischen Sonne die Straßen. Drinnen stehen im Neonlicht Dutzende Köpfe, Glieder, Torsos, Puppen in allen Stadien der Fertigstellung herum, wie im Labor eines modernen Dr. Frankenstein. Es riecht nach Kunststoff und Arbeit. Die Puppen schauen seltsam natürlich in die Luft. Als würden sie dem Besucher gleich einen Kaffee anbieten. Und als würde das niemanden wundern.

Joko im Puppenpuff

Es riecht süßlich. Nach Duftkerzen, billiger Bodylotion, Rauch und irgendwie auch sauber. Die Dame oben an der Treppe sagt: "Ihr seid zu früh. Wir haben gerade noch Kundschaft. Ginge so in zehn Minuten?" "Ja klar", sage ich, "kein Problem."

Insgeheim hoffe ich aber darauf, dass hier noch irgendetwas passiert, damit der Termin sich in Luft auflöst. Dass der Freier, der gerade eine Puppe begattet, seinen Dödel nicht rausbekommt und die Polizei kommen muss, um festzustellen, wer hier grob fahrlässig gehandelt hat. Der Puff würde vorübergehend geschlossen. Ich könnte heim. Die Vorstellung, dass Männer und Frauen es mit Puppen treiben verstört mich. So aber sehe ich den Gang hinunter. Türen mit Beschriftungen wie "Klinik" oder "Dark Room". Jeder Fetisch hat einen eigenen Raum. Ich dachte, der Fetisch "Puppe" sei genug.


Die Puppen darin sind voll funktionsfähig. Haben alle Öffnungen, die auch ein menschlicher Körper hergibt. Auf meine Frage, warum sie denn Puppen statt Menschen vermieten würde, sagt die Puffmutter: "Was Kunden wünschen, ist teilweise so belastend, dass es gut ist, dass es die Puppen gibt." Und wirtschaftlich sind die Puppen besser planbar, sind nie krank, werfen schnell Gewinn ab. Wir führen einen klassischen "Return on Invest"-Talk.


So analytisch kann man es wohl nur sehen, wenn man im ältesten Gewerbe der Welt schon alles erlebt hat. Ich setze mich neben eine dieser Puppen. Die Haut fühlt sich täuschend echt an. Vielleicht leicht adipös. Ihre Gelenke lassen sich justieren, wie man es gerade braucht. Den Mund kann man öffnen. Gott sei Dank haben sie keine Zunge. Ich versuche, sie zur Seite zu schieben, und bin überrascht, wie schwer sie ist. Ach, und einen Pimmel hat sie auch. Jackpot!


Ich muss an Chucky die Mörderpuppe denken. Ob man nicht zum Monster wird, wenn man Puppen begattet? Sie sind regungslos. Keinerlei Emotionen. Können nichts ausdrücken. Es fehlt an Feedback, was okay ist und was nicht. Und eigentlich will ich nicht darüber nachdenken.

"Mich treibt die Faszination von menschlichen Körpern und ihrer Nach­bildung", sagt Matt Krivicke. Angefangen hat Matt mit Körperteilen für Hollywood­filme, arbeitete für Lucas Arts, Disney, die "Herr der Ringe"­-Filme. Noch heute ist er vor allem Handwerker und Forscher, rührt nächtelang aus 30 Tinkturen immer neue Geheimrezepte für eine möglichst realistische Haut zusammen, ein letzter Romantiker im vielleicht bald lukrativsten Sex­-Business der Welt. Große Hersteller verkaufen Hunderttausende Puppen im Jahr. Nach Angaben des chinesischen Marktführers WM Dolls wächst der Markt um 30 Prozent jährlich. Männliche Sexpup­pen mit bionischen Penissen sollen 2019 auf den Markt kommen. Warum sollten sie ein Erfolg werden? Millionen Dildos und Vibratoren werden heute schon verkauft. Angesichts dieser Summen herrscht ein har­ter Wettkampf. Manche Produzenten reden schlecht übereinander, verklagen sich, ver­suchen, Kunden gegeneinander aufzuhetzen.

"Nur die Pobacken, die kann man nicht größer bestellen"

Matt und seine Frau Bronwen Keller set­zen auf die überlegene Qualität ihrer Puppen. Jede einzelne Sinthetics­-Puppe wird aus Sili­kon in über hundert Stunden Arbeit handgefertigt. Sie bekommt ein spezielles Finishing in mehreren Schritten, damit die Haut nicht nach Plastik aussieht, sondern nach Mensch. Die Puppe kann europäisch, afrikanisch, asia­tisch oder ein Elf sein, mit spitzen Ohren. Sie kann kleiner sein und damit transportabler. Sie kann beheizbar sein, weil sie sonst un­natürlich kalt bleibt. Sie kann jede Form von Körper haben, A-Cups oder D-Cups, einen großen oder kleinen Penis, einen Penis und eine Vagina. Alle Körperöffnungen kann man so weit oder eng machen lassen, wie man möchte. "Nur die Pobacken, die kann man nicht größer bestellen, das wäre zu aufwendig", sagt Matt. Ansonsten versucht er aber, alle Kundenwünsche zu erfüllen. Sinthetics ver­kauft auch einzelne Penisse (350 Dollar) für Frauen und Transsexuelle. Und Füße. "Eines Tages beklagte sich ein Fuß­-Feti­schist bei uns, dass er ja eigentlich den Fuß ficken will", sagt Matt. "Also baute ich, nach einigem Zögern, den Vagankle. Einen Fuß mit Vagina am Knöchel." Der Vagan­kle ist einer ihrer Verkaufsschlager. Wie alle ­Sinthetics­-Produkte ist er ein kostspie­liges Premiumprodukt. Aber die industriel­le Fertigung holt, wie bei jedem Produkt, schnell auf. Bald werden sich Puppen für unter 1000 Euro so gut anfühlen.

"Bei ihr muss ich nie performen, nie meine Macken verstecken!"

Ich bin keine Sinthetics­-Puppe, son­dern eine günstigere TPE-Puppe. Aber ich bin seine "Erstpuppe", sagt er. Seine Ex­-Freundin weiß von mir. Sie sind immer noch befreundet. "Fast jeder, der mich kennt, weiß von den Puppen", sagt er. "Und ich bin glücklich mit ihnen, sie bereichern auf ihre Art und Weise mein Leben." Er ist offen für eine Beziehung mit einer Frau, ob man dann aber wirklich zusammenpasst, daran hat Stephan große Zweifel. Die Pup­pen, die tun ihm einfach nur gut. "Wenn ich traurig bin und mich neben Babsi lege, ihr von meinen Sorgen erzähle, beruhigt sich mein Atem sofort." Sie akzeptiert ihn, wie er ist. "Bei ihr muss ich nie performen, nie meine Macken verstecken!" Der Junggeselle Stephan, der nur ku­scheln will, ist einer von Hunderttausen­den Puppenbesitzern. Nicht alle von ihnen haben Sex mit ihrer Puppe. Und nicht alle leben allein. 2011 gaben in einer amerika­nischen Studie ein Drittel der Puppenlieb­haber an, dass sie verheiratet seien. An­sonsten sind sie durchaus gewöhnlich: männlich, mittleren Alters, weiß, ange­stellt, gebildet, heterosexuell. Sie sind nicht häufiger psychisch krank. Manche haben Probleme mit menschlichem Sex, manche nicht. Manche machen Fotos und Videos von ihren Puppen, so wie auch Stephan. Er zeichnet Comics von uns, fast künstlerisch. Manche leben brutale Fan­tasien mit uns aus. "Bei meinen anderen Puppen, die ich gebraucht gekauft habe, ist der Intimbereich eingerissen", sagt Stephan. Manche sammeln uns auch nur. Ein Franzose sagt, er habe seine "Ems" gekauft, damit die Wohnung nach dem Tod seiner Mutter nicht so leer ist.

Ich habe Glück. Stephan ist so zärtlich zu mir, als könnte ich es genießen. Zieht mir schöne Sachen an, schminkt mich, setzt mich ordentlich hin. Aber ich kann ihm nicht sagen, was mir gefällt. Ich kann nicht antworten, wenn er mir etwas er­zählt. Der Mann, der das ändern will, heißt Sergi Santos. Die Puppe, die das ändern soll, heißt Samantha. Santos hat ihr ein Gehirn gegeben. Oder so etwas ähnliches.

Die Zukunft

Dr. Sergi Santos, 39 Jahre alt, ist eigentlich Neurowissenschaftler. Er redet schnell, zi­tiert gern Nietzsche und nennt alle ande­ren Forscher Idioten. Er lebt in Barcelona mit seiner Frau. Sie hilft ihm, die Puppen zu montieren, die ohne Chip im Kopf aus China zu ihm kommen. Samantha will ver­führt werden, an den Brüsten berührt. Oder zumindest soll ihr Besitzer das den­ken. Sie hat sogar einen Orgasmus. "Oh, I love what’s about to happen", sagt sie, wenn man ihren G-Punkt massiert. Mit Samantha war Sergi Santos 2017 auf di­versen Messen die große Nummer. Ihre Spracherkennung ist zwar nicht besser als die von Siri oder Alexa. Ihre Stimme klingt mechanisch. Und bewegen kann sie sich auch nicht. Trotzdem wurde sie auf dem Ars Electronica Festival in Linz derart überfallen von neugierigen Männern, dass sie kaputtging. Der vorgetäuschte Orgas­mus scheint für manche Männer ein wich­tiger Schritt in Richtung echter Frauen. Für Santos ist Samantha nur ein Puzzlestück in seinem großen Plan. "Ich will wahre In­teraktion zwischen Mensch und Maschine. Wenn jemand mit dieser Puppe Sex hat, sie beide einen Orgasmus haben, und sei jener der Puppe nur programmiert – dann haben sie eine echte Interaktion. Dann ist da Intelligenz."

Jeder fünfte Deutsche will Sex mit einem Roboter

Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis aus Sexpuppen Sexroboter werden. Die sprechen, sich bewegen, aktiv Sex haben können. Ihr scheint bereit: Laut der Stu­die "Homo Digitalis" würde ungefähr je­der fünfte Deutsche gern einmal mit einem Sexroboter schlafen. über die Hälfte würde es nicht oder nur vielleicht stören, wenn ihr Partner Sex mit einem Sexroboter hätte. Doch auf dem Weg dorthin lauern Gefahren wie aus Science­-Fiction­-Filmen: Roboter, die einen eige­nen Willen entwickeln. Sich gegen ihre Schöpfer wenden. Euch Menschen am Ende gar aussaugen wie Austern wie im Film "Matrix". "Wenn wir ihnen so etwas wie eine Moral geben, dann ist diese immer absolut", sagt Sergi Santos. "Wir können nicht wissen, ob eine an sich gute Regel wie zum Beispiel Leben schützen nicht irgendwann schlimme Folgen hat, weil wir einen bestimmten Fall nicht einberechnet haben."

Aber vielleicht sieht die Zukunft auch ganz anders aus? Für Matt Krivicke und Bronwen Keller wird künstliche Intelligenz überschätzt. "Es sind die kleinen, aber wichtigen Dinge wie Hauttönung, Atem, Temperatur, die eine Puppe echter ma­chen", sagt Matt. "Wir haben schon mit eigenständiger Feuchtigkeit experimen­tiert. Damit die Puppe feucht wird, wenn man sie berührt", sagt Bronwen. "Ich glau­be eher an die körperliche Dimension. Kommunikation wird überschätzt." Die meisten Puppenliebhaber, sind sich Bron­wen und Matt einig, wollen niemanden zum Reden. Sondern ein Instrument, um ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Echte Liebe mit Robotern? Matt und Bronwen haben sich auf einer Party kennengelernt. Sie sahen sich quer über die Tanzfläche an. Boom, der Blitz schlug ein. Seitdem sind sie ein relativ normales Paar. Privat wie ge­schäftlich. "Diese Macht der Liebe, diese übermenschliche Anziehungskraft", sagen sie, "die kann keine Puppe bieten. Egal, wie viel echter wir sie noch bauen." Am Ende bleibt die Puppe doch ein Instru­ment. Aber wo liegt die Grenze? Was wollt ihr noch alles mit uns anstellen?

Der Puff

"Eine Puppe ist am Ende doch nur ein gro­ßes Sexspielzeug", sagt Evelyn Schwarz, Puffmutter, Puppenmutter, Unternehme­rin. "Frauen holen doch ab und an auch mal einen Dildo aus ihrer Schublade, das ist genau dasselbe." In einem Dortmunder Gewerbegebiet, am Ende einer Sackgasse, betreibt sie Deutschlands erstes "Bordoll". Kein Scherz: ein Puff  mit Puppen. In jedem Zimmer sitzt eine andere Puppe und wartet auf Kundschaft. Ab 50 Euro für eine halbe Stunde darf man alles mit ihr machen, was sie nicht beschädigt. "Alle fragen immer zuerst, wie wir sie reinigen", sagt Schwarz. "Und das ist auch unser einziges Ge­schäftsgeheimnis. Wir reinigen sie. Das muss reichen." Es gibt einen Kerker, einen Gynäkologenstuhl, was auch immer der Puppenliebhaber sich wünscht. Wie der aussieht? "Vom Hartz­IV-Empfän­ger bis zum Richter ist vermutlich alles dabei", sagt Schwarz. Neugierige Männer. Männer mit Problemen im Kontakt zu ech­ten Menschen. Ehemänner, die ihre Frau­ en nicht betrügen wollen. Männer, "die einfach mal ungehemmt und egoistisch agieren möchten", zählt sie auf. "Also bei­leibe nicht nur Fetischisten. Und 70 Pro­zent kommen wieder."

Ob das krank ist? "Solange niemandem Unrecht getan wird, sollte jeder so leben, wie er es für richtig empfindet und es ihn glücklich macht", sagt Evelyn Schwarz.

Nicht alle sehen uns wie Evelyn Schwarz. Die feministische Initiative "Campaign Against Sex Robots" will uns am liebsten verboten sehen. Sexpuppen würden nur verstärken, was Männer seit Jahrtausenden mit dem weiblichen Kör­per machen: instrumentalisieren. Evelyn Schwarz hält dagegen: "Es ist doch besser, wenn Männer sich an einer Puppe aus­toben, als an einer echten Frau." Sollte es dann auch kindliche Puppen geben, damit Pädophile von Verbrechen an Menschen abgehalten werden? "In Großbritannien diskutiert man über Mini­-Dolls auf Rezept für so kranke Menschen", sagt sie. "Eine Puppe würde sicherlich schon mal eine gewisse Zeit verhindern, dass solche Men­schen vor Kindergärten und Schulhöfen rumschleichen oder Schlimmeres anstel­len."

Matt Krivicke würde nie eine kind­liche Puppe bauen. "Ich glaube nicht, dass eine Kinderpuppe einen Pädophilen von Missbrauch abhalten kann", sagt er. "Die meisten unserer Kunden ersetzen mit der Puppe nicht den Sex mit einem Men­schen." Bronwen ergänzt: "Missbrauch hat mit Macht zu tun. Eine Puppe taugt nicht für Fantasien von Kontrolle oder Vergewaltigung. Denn sie kann sich nicht wehren. Macht macht nur Spaß, wenn ich sie mir gegen den Willen einer Person nehme. Puppen haben keinen Willen."

Und so bleiben die Fragen: Was macht es mit dem Mitgefühl, dem moralischen Kompass eines Menschen, wenn er eine menschenähnliche Figur behandeln kann wie er will? Überträgt er das auf echte Menschen? Die Puppenliebhaber jeden­falls wünschen sich nichts mehr als gesellschaftliche Anerkennung. Toleranz. Respekt. Schließlich, sagen sie, tun sie niemandem etwas zuleide. Und wenn, dann spüren wir Puppen es ja doch nicht.

Stephan deckt mich abends zu. Flüs­tert meinen Namen. Gibt mir einen Kuss. Sagt: "Gute Nacht, Babsi." Hätte ich Ge­fühle, würde ich jetzt vermutlich sagen, dass ich glücklich sei. Dass ich ihm hinter­ herschaue, bis er die Tür schließt. Dass ich von ihm träume. Aber ich bin nur eine Puppe. Ich heiße Babsi. Das ist meine Geschichte.

Diese Geschichte stammt aus der aktuellen Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu finden auch hier.

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