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Propheten und Voodoo: Priester als Superstars: Ghanas großes Geschäft mit dem Glauben

Kirchen, Propheten, Voodoo-Hexen: In Ghana ist Religion allgegenwärtig – und Priester sind Superstars. Für uns hat sich ein Atheist den heiligen Mächten hingegeben.

Von Daniel Sippel

Ein Tänzert wirbelt durch einen Voodoo-Schrein.

Die Glatze des Bischofs glänzt fast so stark wie der goldene Altar im Scheinwerferlicht. Seine Stimme dröhnt durch das Kirchenschiff: "Meine Großmutter war eine Hexe, sie hat Voodoo praktiziert. Mit ihren Hexenkünsten hat sie spirituell Krieg geführt. Wisst ihr, wie sie mich immer genannt hat?" Er macht eine Kunstpause. Kurze Stille im Hauptquartier der Action Chapel International in Accra, Ghana.

Es wirkt, als spiele der Bischof Theater, als er sein Gesicht zu einer Fratze verzieht. Dann zischt er wie Voldemort: "Dummer Junge! Dummer Junge!" Aus dem Publikum höre ich Buhrufe. Der Bischof erzählt weiter: "Eines Tages kam meine Mutter zu mir. Sie sagte: Ich habe schlechte Neuigkeiten, mein Sohn. Großmutter ist gerade gestorben."

Meine Gedanken schweifen kurz ab zum alten Musicalfilm "Der Zauberer von Oz". Am Ende hopsen dort alle fröhlich herum und singen: "Ding Dong! The Witch is Dead!" Der Bischof hält sein Mikrofon nun ganz nah an seinen Mund. Seine Stimme klingt tief, als er fragt: "Wisst ihr, was ich gesagt habe?" Er formt seine Hand zur Faust, streckt sie in die Höhe. Dann donnert er ins Mikrofon: "Halleluja!" Die Gläubigen in ihren Anzügen und Kostümen johlen, stehen auf, lachen und klatschen.

Alles ist Gott, wenn du tanzt: Ein Atheist in Ghana – unter Propheten und Voodoo-Hexen
Ein Mann steht mit Mikrofon in der rechten und Bibel in der linken Hand auf dem größten Marktplatz in Accra.

Ein selbst ernannter Evangelist beschallt den größten Marktplatz in Accra. Wenn er gerade nicht predigt, verkauft er Autoteile.

Ich sitze in einem der größten Kirchengebäude Ghanas, einer Pfingstkirche. Ungefähr 2000 Menschen lauschen der Predigt des Bischofs. Die Stimmung ist sonntäglich: lächelnde Brüder und Schwestern, schick angezogen. Der Grillgeruch im Vorhof, der die Geschwister nach dem Gottesdienst zum Verweilen einlädt. Äußerlich erinnert mich vieles an meine Kindheit. Damals war ich sehr gläubig, gehörte einer Freikirche an. Meine Eltern nannten mich "Gotteskind", weil ich den Heiligen Geist in mir hatte. Ich lernte, dass Jesus bald meine Seele errettete und ich in ein Tausendjähriges Friedensreich mit ihm und seinen Engeln einziehen würde. Wenn ich gottwohlgefällig lebe, versteht sich. Ich weiß, klingt ein wenig abgespaced. Für mich war das normal. Mittlerweile gehe ich nicht mehr in die Kirche, wie die allermeisten Deutschen.

Ghanaer hingegen feiern ihre Apostel und Propheten wie Rockstars. Die Gottesmänner haben eigene Fernsehsender, ihre Gesichter und Botschaften hängen auf ­riesigen Plakaten in der Hauptstadt. Die Bischöfe und Propheten gehören zur Elite des Landes wie Politiker und Manager; sie zählen zu den reichsten Menschen Ghanas. Aber wie schaffen die es, ihre Schäfchen für den Glauben zu begeistern – während die Kirchen in Deutschland leerer und leerer werden? Und welche Nachteile hat dieser Religions-Hype?

Kein Rave, sondern ein Gottesdienst: Unser Autor versucht, auf dem Independence Square in Accra cool zu tanzen

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Erzbischof, Buchautor, Millionär, Fernsehstar

Im Hauptquartier der Action Chapel International hat nun Erzbischof Nicholas Duncan-Williams die Bühne betreten. Er dient als ihr religiöser Führer. Jeder kennt diesen Mann in Ghana. Er ist Buchautor, Millionär und Star des Fernsehsenders Dominion TV. Der Sender verspricht "Quality Christian Lifestyle Programs". Doch seine Kirche organisiert auch Kurse, in denen Mediziner zu Geschlechtskrankheiten aufklären. Kirchen in Ghana bieten eben mehr als nur seelische Heimat. Auf Facebook hat Duncan-Williams annähernd so viele Follower wie Joko Winterscheidt, knapp 1,1 Millionen.

Er winkt in die Menge. Die kreischt, als habe gerade Madonna das Kirchenschiff betreten. Eine Kamera an einem Kran begleitet ihn schwebend, während Duncan-Williams sich hinten auf der Bühne auf einen der Throne setzt. Sein Bischof predigt weiter, doch ich kann ihm kaum noch zuhören. Meine Ohren klingeln. Nicht nur, weil sein "Halleluja" unglaublich laut durch den Raum schallte. Sondern weil er vorn verkündet: "Frohlocke, wenn deine Hexen-Großmutter stirbt!" Bisher war ich aus der Kirche nur "Liebe deinen Nächsten" und "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren" gewohnt.

Nach drei Stunden Gottesdienst werden Spenden gefordert

Auf Geldopfer gibt es himmlische Rendite. Versprochen! Mittlerweile hat der Bischof das Thema gewechselt. Es geht um Geld. "Armut ist ein satanischer, dämonischer Geist! Schauen wir, was die Bibel dazu sagt." Auf zwei Leinwänden erscheint ein Bibelzitat. "Er wurde ein reicher Mann und wurde immer reicher, bis er sehr reich war." Nun wird seine Stimme wieder laut, als er wiederholt: "Seht ihr, was da steht? Der Mann war gesegnet, und dann ist er reicher geworden! Reicher und reicher und reicher!" Er fuchtelt dabei mit seinen Händen herum, als dirigiere er die Gemeinde. Die Gläubigen stehen auf, strecken ihre Arme in die Höhe, sprechen jetzt mit ihm im Chor: "Reicher und reicher und reicher!"

Ich kann nicht mitjubeln. Dass ich Gottes Gunst an meinem Reichtum ablesen könnte, scheint mir fremd. Nach drei Stunden Gottesdienst verteilt der Bischof nun Briefumschläge. "Wenn ihr hier eine Spende reintut und die Umschläge abgebt, passiert ein Wunder: Innerhalb von drei Tagen werdet ihr von Gott die dreifache Summe zurückerhalten." Traumzinsen, ­denke ich. Dann stehe ich auf und verlasse die Kirche.

Weil viele Ghanaer den Erfolg der reichen Kirchenfürsten kopieren wollen, gründen selbst Straßenprediger ihre eigenen Kirchen. Oft nutzen sie eine App zum Management ihrer Gemeinden. Sie heißt Asoriba, wurde in Accra entwickelt. Das Motto des Start-ups: "Gewinne Seelen mithilfe von Technologie." Es scheint mir, es gehe aber nicht nur um den Gewinn von Seelen. Sondern um den Gewinn von Dollars. Experten sprechen gar von Religion als "Motor des Kapitalismus" in Ghana: Die Prediger motivieren ihre Schäfchen dazu, reicher zu werden und zu konsumieren. Wohlstandsevangelium in Reinform. Wer mehr hat, wurde mehr gesegnet, hat besser gelebt. Religion ist in Ghana also ein Symptom der Modernisierung.

"Die christlichen Kirchen gedeihen hier wie verkackter Mais!"

Hier ist es üblich, nicht nur an den christlichen Gott, sondern zugleich auch an die traditionellen Götter zu glauben. Der christliche Gott hat Konkurrenz – nicht nur von Allah, sondern auch von den Traditionalisten. Doch die traditionellen Praktiken, vor allem Voodoo, werden von den Christen als "teuflisch" gebrandmarkt. Und deswegen tauft der Bischof seine Oma "Hexe". Experten nennen das "Diabolisierungsarbeit".

Die Sängerin Azizaa kämpft gegen diese Schmutzkampagne. Ich treffe sie und zwei ihrer Freunde in einem Hotel in der ghanaischen Hauptstadt. Ich sehe nur Weiße mit ihren Laptops herumsitzen, versammelt um einen Pool.

Die Sängerin Azizaa lernt Voodoo-Künste in einem Tempel

Die Sängerin Azizaa lernt Voodoo-Künste in einem Tempel

Azizaa sticht heraus: Sie trägt einen riesigen Sonnenhut, traditionellen ghanaischen Schmuck und schimpft laut: "Das Christentum ist gefährlich für Afrikaner. Ich meine, die christlichen Kirchen gedeihen hier wie verkackter Mais!" Solche Sätze kann sie sagen, weil sie einige Zeit in New York gelebt hat. Dort hat sie Abstand bekommen zur beliebtesten Religion ihres Landes. Doch das gefällt den gläubigen Ghanaern überhaupt nicht. Sie kokettiert damit, Voodoo zu praktizieren: Ihr beliebtester Song heißt "Voodoo Pussy". Darin singt sie, verkleidet als traditionelle Priesterin: "Wir kochen, wir putzen, wir kämpfen, wir ficken / Tätschel sie und nenne sie Voodoo Pussy." Ihr geht es darum, zu provozieren und zu kämpfen: für selbstbewusste Frauen und dafür, dass die afrikanischen Religionen wieder populärer werden. Denn für sie ist das Christentum in Afrika ein Überbleibsel der Ko­lonialisierung. Vor allem seit Mitte der Achtziger, als der ­Kapitalismus nach Ghana kam, kamen auch Pfingstler aus Amerika – zusammen mit der Öffnung der Märkte. Sie brachten eine Religion mit, die kompatibel war mit dem neuen Streben nach Reichtum.

"Die glauben doch selbst nicht, was sie predigen"

Azizaa nennt den christlichen Gott übrigens spöttisch "Sky Daddy". Irgendwie ist sie mir damit sympathisch. Ich mag, wie mutig sie ist. Das muss sie auch sein. Zwei christliche Missionare griffen sie schon in einem Bus an, weil sie traditionell-religiösen Schmuck trug: Einer rammte ihr seinen Ellbogen in den Bauch. Daraufhin zückte sie ihr Messer, erzählt sie. Einschüchtern lässt sich diese Frau nicht. "Dieser Glaubensquatsch bringt Wohlstand für den Pastor, das war’s. Die glauben doch selbst nicht, was sie predigen. Und es hilft den Leuten auch nicht. Die glauben am Ende, dass sie nicht hart arbeiten müssen, sondern nur beten sollten."

Die Christen fühlen sich nicht nur von ihrem Messer bedroht, sondern auch von ihren dunklen Künsten. Zumindest behauptet sie das. Wenn sie will, sagt sie, könne sie ihre Feinde damit terrorisieren. Schon ihr Großvater habe Sklavenhändler mithilfe von Voodoo vergiftet. Er sei durch Wände gegangen, um Gift in die Abendessen der Händler zu mischen. Ich muss schmunzeln. Glaubt sie das wirklich? "Es funktioniert halt", sagt Azizaa trocken, und ihre Freunde nicken eifrig. Für mich klingt das ein bisschen nach Harry ­Potter.

Trommeln und Gesang aus der Ferne

Ich will die Kraft von Voodoo selbst erleben, um das glauben zu können. Ich fahre Richtung Osten, nach Dzita, einem Dorf in der Nähe der togolesischen Grenze. Dort darf ich zusammen mit der Fotografin und unserem Übersetzer eine Zeremonie beobachten – die 25. Geburtstagsfeier des Schreins. Es ist das spirituelle Zentrum des Dorfs. Azizaa hat erzählt, dass dort sogar christliche Priester hinpilgern: "Die laufen in traditionelle Schreine, um sich Kräfte zu besorgen. Dann nutzen sie natürlich die Hintereingänge, damit niemand sie sieht. Oder sie haben ihre verdammten Schreine hinter ihren Kirchen versteckt."

Wir werden von einem stattlichen Mann mit ernster Miene begrüßt – ein Dorfoberhaupt. Durch heißen Sand laufen wir, vorbei an weiß gekalkten Lehmhütten. Das ganze Dorf wirkt wie unbewohnt. Die Luft steht, es ist still. Nur zwei tapsende Hühner treffen wir auf unserem Weg. Dann hören wir Trommeln und Gesang aus der Ferne. Schweiß rinnt mir den Rücken herunter, als wir den Schrein in der Mitte des Dorfs erreichen. Zehn Hütten umsäumen einen Innenhof. Sie sind bunt bemalt mit Elefanten und Giraffen, mit Palmen und Oasen und den Namen der Götter: Nana Tongo, Mami Wata und Kitikata. Es sind die Tempel des Schreins.

Mit Schwarzpulver auf dem Kopf tanzt es sich am besten

Hier haben sich etwa 50 Dorf Bewohner versammelt. Sie stehen vor den Tempeln, um den Innenhof herum. Dort wirbeln Tänzer ekstatisch im Sand. Eine ältere Tänzerin steckt Schwarzpulver in ihre Kopfbedeckung und zündet es an. Eine kleine Explosion, es raucht. Sie tanzt weiter, verlagert ihr Gewicht vom linken auf den rechten Fuß und bewegt sich in Richtung einer älteren Dame. Die Schrein-Priesterin sitzt auf einem Plastikstuhl und verfolgt das Treiben. Sobald die Tänzerin vor ihr steht, verneigt sie sich, berührt den Boden und deutet in den Himmel. Die Priesterin tut es ihr nach. Dann ergreift die Tänzerin ihre Hände, schüttelt sie in Trance. Sie packt den Kopf der Priesterin, zieht sie näher zu sich und flüstert ihr etwas ins Ohr. "Sie spricht in Zungen, in den Sprachen der Götter. Prophezeiungen, Verheißungen ...", erklärt mir das Dorfoberhaupt. Dazu spielt eine Musikgruppe auf Rasseln und Trillerpfeifen, schlägt auf Trommeln und Klanghölzer. Alle tragen bunte Gewänder. Jede Farbkombination repräsentiert eine Gottheit. Den ganzen Tag tanzen und spielen sie. Immer wieder eilen Dorfbewohner aus dem Publikum herbei, um die Haut der Tänzer mit Hand­tüchern zu trocknen und ihnen Wasser zu reichen.

Gemeinsam ehren sie die Götter, danken ihnen für ihren Schutz und werden von ihnen besessen. Zumindest glauben sie das. Nun fragt mich das Oberhaupt, ob ich eine Gottheit treffen möchte. Nachdem ich den Tänzern stundenlang zugeschaut habe, bin ich sicher: In diesem Schrein ist alles möglich. Selbstverständlich will ich einen Gott kennenlernen. Der Eintritt für den Tempel beträgt 20 Ghanaische Cedi: "Genug für ein Huhn!", erklärt mir das Oberhaupt. Ich frage mich, was eine Gottheit mit einem Huhn anstellt. Dann trete ich ein. Eine hüfthohe Mauer teilt den Innenraum des Tempels. Hinter der Mauer dösen, wie versteinert, drei Krokodile. "Huch, wie sind die denn hierhin gekommen?", frage ich. "Das ist ein Geheimnis der Gottheit, die in den Krokodilen wohnt", sagt das Oberhaupt. Später erzählt mir ein Dorf bewohner, die Krokodile seien im Tempel aufgewachsen. Sie lebten schon als Babys dort.

"Ein Gott hat durch sie gesprochen. Es ist nicht sicher, heute nach Accra zurückzukehren"

Es dämmert schon, als die Tänzer zu wirbeln aufhören. Wir müssen aufbrechen – unser Übersetzer sagt, wir sollten nicht im Dunkeln zurück nach Accra reisen. Auf dem Weg zur Straße werde ich verfolgt. Eine junge Frau, gestützt von zwei Männern, läuft hinter uns her. Gerade tanzte sie noch im Schrein, jetzt scheint es, sie habe Kreislaufprobleme. Ihr Gesicht schimmert grünlich. Das Dorfoberhaupt bleibt stehen, macht ein ernstes Gesicht. "Sie ist besessen", sagt er nur. Ich dachte, sie sei betrunken.

Die Frau stellt sich vor mich, nimmt meine Hände in ihre und schüttelt sie rhythmisch nach oben und unten. Dabei murmelt sie etwas. Nach viel zu langer Zeit lässt sie mich los. Das Oberhaupt tritt vor, und mit heiligem Ernst sagt er: "Ein Gott hat durch sie gesprochen. Es ist nicht sicher, heute nach Accra zurückzukehren." Ich schaue verständnisvoll und denke, dass wir ganz sicher heute Abend nach Accra zurückkehren sollten. Dann fragt das Oberhaupt: "Hast du eine Freundin?" Ich nicke. "Du musst sie verlassen. Sie ist nicht gut für dich." Ich erstarre, versuche zu verstehen, was gerade passiert. Und wie ich darüber denken sollte. Wie konnte das Orakel von meiner Freundin wissen? Konnte es gar in die Zukunft sehen?

Als wir das Dorf endlich verlassen haben, frage ich unseren ghanaischen Übersetzer, was wir tun sollten. Er ist 74 Jahre alt, schlurft neben mir her und hat ein Herrenhandtäschchen dabei. Doch jetzt sagt er aufgeregt: "Wir können nicht nach Hause. Du hast doch das Orakel gehört!" Ich verdrehe innerlich die Augen. "Und meinst du, ich sollte auch meine Freundin verlassen?", frage ich. Er sagt: "Zeig mir mal ein Foto." Er holt seine Brille aus einem Etui und studiert ihr Telegram-Profilbild. "Nein", sagt er. "Mach das nicht. Sie sieht nett aus."

Diese Geschichte stammt aus der aktuellen Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu finden auch hier.