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Unecht schön hier!: Warum die Wirklichkeit im Urlaub vollkommen überbewertet wird

Die Wirklichkeit wird vollkommen überbewertet: Wer braucht schon echten Sandstrand, wenn sich der Fake genauso gut anfühlt? Der Fotograf Reiner Riedler hat jahrelang Menschen beobachtet, die richtigen Urlaub im falschen machen.

Von Nele Justus

Richtig urlauben
Brandenburg, Deutschland: Die Südsee, 60 Kilometer von Berlin entfernt. Im "Tropical Islands" ist das Wasser piwarm, so wie es sein soll. Und der Ferienflieger ist auch gerade am Abheben.

Brandenburg, Deutschland: Die Südsee, 60 Kilometer von Berlin entfernt. Im "Tropical Islands" ist das Wasser piwarm, so wie es sein soll. Und der Ferienflieger ist auch gerade am Abheben.

Es ist ja so: Nichts ist uns im Urlaub mehr verhasst als schlechtes Wetter, schmutzige Strände, Staus und andere Touristen. Eigentlich sind wir immer auf der Suche nach einem authentischen Erlebnis. Wir wollen dem Mainstream entfliehen und nicht nur im übertragenen Sinn ausgetretene Pfade verlassen. Und dafür nehmen wir so einiges in Kauf: Wir zwängen uns neben andere schwitzende Touristen über Stunden in die viel zu engen Sitzreihen der Ferienflieger, schleppen uns mit 20 Kilo schweren Backpacks ab, stehen noch vor Sonnenaufgang auf, um dieses eine Foto zu schießen, auf dem wir den Schein erwecken können, wie wären ganz allein irgendwo am Arsch der Welt. Stolz wie Bolle posten wir das dann auf unseren Social-Media-Kanälen, nur um feststellen zu müssen, dass das exakt selbe Bild auch tausend andere schon vor uns hochgeladen haben. Jetzt mal Hand aufs Herz: Ist es das denn wirklich wert? Urlaub ist doch zum Entspannen. 

Künstlich ist eigentlich ziemlich genial

Da können wir uns die Birne durchfegen lassen, den Reset-Knopf drücken. Wieso legen wir also im Urlaub auf einmal andere Maßstäbe als in unserem Alltag an?

Schließlich schmeckt doch nichts besser als eine Tiefkühlpizza, wenn man mal eine Nacht durchgesoffen hat, oder als ein Erdbeerjoghurt, der nur noch sehr, sehr weit entfernt etwas mit Frucht zu tun hat. Künstlicher geht’s gar nicht – und künstlich ist eigentlich ziemlich genial. 

Urlaub ist doch eh nur ein Gefühl. Da ist es schon fast egal, ob der Palmenwedel aus Plastik und der Sand importiert ist. Die Realität ist meist auch nicht besser als die künstliche Inszenierung. Stattdessen bleibt sie oft hinter unserer übersteigerten Erwartungshaltung zurück. Deswegen ergibt es doch genau genommen totalen Sinn, sich von dem ganzen Urlaubssnobismus freizumachen und das wahre Paradies vor unserer Haustür zu suchen. In Themenparks, Freizeitparks – da ist das gute Wetter gleich inklusive, und die Leute sind alle so dermaßen fantastisch drauf, dass man denken könnte, man hätte ihnen etwas ins Getränk gemischt. Das Ganze kostet dann auch nur einen Appel und ein Ei. Den Kredit könnt ihr euch dann also fürs Eigenheim aufsparen, von dem ihr jetzt noch sagt, dass ihr es bestimmt nicht haben wollt, aber wartet mal ab. 

Palmenstrand zum Feierabend

Fake Holidays unter aufgemaltem Sonnenuntergang sind richtig heißer Scheiß. Und ihr müsst dafür noch nicht mal ans andere Ende der Welt reisen. Den Palmenstrand gibt es quasi schon zum Feierabend. Nur den Selfiestick müsst ihr noch selbst einpacken. Findet ihr alles zu platt? Das ist nicht so euer Ding? Macht euch mal locker. Wir halten es jedenfalls ab sofort mit Guns N’ Roses: "Take me down to the paradise city / Where the grass is green and the girls are pretty." Die Jungs wussten schon damals, wovon sie reden.

Diese Geschichte stammt aus der vierten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.

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