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Nach dem Tod der Queen Adelsexpertin Julia Melchior: "Ich kann mir vorstellen, dass Charles abdanken würde"

König Charles III.
König Charles III. beim Staatsbegräbnis für seine Mutter, Queen Elizabeth II.
© James Manning/PA Wire / DPA
Als Adelsexpertin ist Julia Melchior regelmäßig im TV zu sehen, zuletzt bei den Trauerfeierlichkeiten für Elizabeth II. Mit dem stern sprach sie über ihre Erinnerungen an die Queen, die Regentschaft von König Charles III. und eine mögliche Rückkehr von Harry und Meghan.

Julia Melchior, was hat Queen Elizabeth II. für Sie und Ihre Karriere bedeutet?
Persönlich habe ich sie nie kennengelernt. Andere Familienmitglieder schon, aber die Queen habe ich nur 2015 beim Staatsbesuch in Berlin erlebt. Wenn man über Royals spricht, denkt man zuerst an die Königin von England. Es gibt viele Königinnen, aber es gab nur eine einzige Queen. Jeder auf der Welt verbindet etwas mit ihr. Unser Beruf lebt davon, nicht ausschließlich über die Queen zu berichten, aber eben auch über sie. Ich habe eine geliebte Protagonistin verloren.  

Wie bleibt sie für Sie in Erinnerung?
Als absolutes Vorbild in puncto Disziplin und Amtsverständnis. Ihr Pflichtgefühl finde ich bewundernswert. Sie war wie ein strahlender Stern mit globaler Reichweite, an dem man sich orientieren konnte. Der lässt sich nicht ersetzen, nicht durch jemanden aus Großbritannien, noch aus anderen europäischen Königshäusern.  

Der ein oder andere prophezeit, dass jetzt der Niedergang der britischen Monarchie bevorsteht.
Das sehe ich nicht so. Das, was wir gerade erleben, passiert seit tausend Jahren in Großbritannien. Dass die Königswürde von einer Generation auf die nächste übergeht. Ich erwarte, dass das Land nach den Trauerfeierlichkeiten in eine Katerstimmung verfallen wird. Aber es herrscht keine Verzweiflung. Man darf auch nicht zu viel auf diese eine Person projizieren. Es wird sicherlich große Herausforderungen für den neuen König geben, um das Königshaus und damit auch die Staatsform Monarchie zukunftsfähig zu machen. Das betrifft die Familie, das betrifft das Haus und auch das Selbstverständnis der Monarchie, aber es wird weitergehen – wie in den letzten tausend Jahren. 

König Charles hat man in den vergangenen Jahrzehnten häufig vorgeworfen, dass er sich zu oft in die Politik eingemischt habe. Dabei sollen die Royals eigentlich neutral bleiben und sich nicht politisch äußern. Seine Zustimmungswerte steigen zwar seit dem Tod der Queen, aber kann er wirklich beliebt beim Volk werden?
Er wird nie das Ansehen seiner Mutter erreichen können. Aber in den vergangenen Jahren hat er an Beliebtheit dazugewonnen. Mittlerweile wird er für die Punkte, für die er lange belächelt und kritisiert wurde, geschätzt. Er gab sich immer als das Gewissen der Krone, wurde als "Umweltaktivist" und "Ökolandwirt" verspottet. Das hat sich geändert. Gerade auch junge Leute erkennen, dass Charles in Umweltfragen nicht einfach auf einen Zug aufgesprungen ist, sondern dass er seit Jahrzehnten mahnt und sich aus Überzeugung engagiert. Der zweite Punkt ist das Thema Diana und Camilla. Für den Ehebruch wurde er gehasst und gehetzt. Heute sieht man die Beziehung zu Camilla mit anderen Augen. Charles hat sein Leben lang nur diese eine Frau geliebt. Diese Beständigkeit spricht für ihn. Der dritte Punkt, weshalb man ihn lange Zeit nicht ernst genommen hat, war seinem Schicksal als ewiger Thronfolger im Schatten der Königin geschuldet. Aber dieser Langmut, sich mit dem Leben in der zweiten Reihe arrangieren zu können, ist auch eine Leistung. Ich glaube, diese Eigenschaft ist Charles' große Chance, dass er als König zwischen einer großen Vorgängerin und einem populären Nachfolger gut klarkommen wird. Wenn wir ehrlich sind, ist er ja nur ein Interimsregent. Er besetzt die Staatsspitze nur übergangsweise, bis eines nicht ganz so fernen Tages sein Sohn William an der Reihe ist. Dabei kann ich mir vorstellen, dass er – anders als die Queen – abdanken würde.  

Wirklich? In seiner ersten Rede nach der Thronbesteigung hatte er noch verkündet, dass er den Rest seines Lebens dem Dienst der Krone widmen werde.
Gerade weil es um die Krone geht, also um die Institution, muss er dafür empfänglich sein, dass der richtige Zeitpunkt für einen Thronwechsel vielleicht auch schon zu seinen Lebzeiten ist. Wir erleben ihn als einen Mann, der offen für die Strömungen der Zeit ist. Und er hat gesehen, wie erfolgreich die Abdankungen in Belgien, den Niederlanden, Spanien und Japan für die Monarchien waren. Eine neue Generation tut den Monarchien gut. Ich würde es Charles zutrauen, weil er sich selbst nicht zu wichtig nimmt, sondern eben an die Krone denkt. 

Es kann also ein Weiter so nicht geben?
Nein, es muss etwas passieren. Denn wie heißt es schön, "um zu bleiben, wer man ist, muss man sich verändern". Charles muss manche Themen anpacken. Zum Beispiel werden die sogenannten Staatsräte, die den König in seinem Amt vertreten dürfen, von seiner Frau Camilla und den vier ranghöchsten Erwachsenen in der Thronfolge gestellt. Das sind abgesehen von Prinz William dessen Bruder Harry, Prinz Andrew und dessen Tochter Beatrice. Die drei sind aber allesamt keine "working royals" mehr. Diese Besetzung lässt sich nicht vertreten. Es gibt dringenden Reformbedarf im Königshaus.  

Kommen wir zu Harry und Meghan: Der Herzog und die Herzogin von Sussex waren auch während der Zeit seit dem Tod der Queen immer wieder präsent. Dennoch scheint der Zwist nicht gelöst. Was sagen Sie dazu?
Eine Versöhnung ist schwierig, solange zu befürchten ist, dass aus Kalifornien immer neue Anschuldigungen kommen und Familieninterna preisgegeben werden. Offenbar geht William mehr auf Distanz als sein Vater. Man sieht, dass Charles versucht, Harry und Meghan die Hand zu reichen. In seiner Ansprache an die Nation am Tag nach dem Tod der Queen hat er seine Liebe zu Harry und Meghan zum Ausdruck gebracht. Es war zu erwarten, dass er seine Ehefrau und das Thronfolgerpaar anspricht, weil die eine Rolle bekleiden. Aber weitere Familienmitglieder und dann so persönlich, das war schon sehr bemerkenswert. Eine größere Brücke könnte er den Sussexes gar nicht schlagen. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich über den Tod jetzt wieder versöhnen – sie brauchen einander. Meghan und Harry hätten wichtige Leistungsträger für die Monarchie sein können. Sie hätten viele neue Kreise für das Königshaus gewinnen können. Es war ein riesiger Verlust, aber sie waren nicht aufzuhalten.  

Hat man nicht auch nicht genug getan, um sie zu halten?
Da haben Sie recht. Man hat nicht genug getan, um Meghan zu integrieren. Das Königshaus war auf eine Frau von Meghans Format nicht ausreichend vorbereitet und Meghan war auf das Königshaus nicht vorbereitet. Meghan ist eine gestandene Frau, selbstbewusst, ehrgeizig, egozentrisch. Das Königshaus hätte ihre globale Plattform werden können, um ihre Themen in die Welt zu tragen. Aber eben nach den Regeln der Institution, die dem Staatsoberhaupt dient. Es ging vielleicht alles zu schnell und dann hat sich da eine Eigendynamik entwickelt.  

Wie erleben Sie die Stimmung in England Meghan gegenüber?
Die britischen Medien gehen recht brutal mit Meghan um. Sie haben einen klaren Standpunkt und der ist Anti-Meghan. Aber aus dem Grund, weil sie sich wagt, zum eigenen Nutzen dem Königshaus und der Royal Family zu schaden. Dafür fehlt den Briten das Verständnis. Meghan bekommt kaum noch eine Chance. Jede Geste, jeder Blick wird eigentlich zu ihrem Nachteil ausgelegt. 

Ich stelle die These auf: Wenn William den Thron besteigt, wird er versuchen, seinen Bruder wieder zurückzuholen.
Ich hoffe, das passiert vorher schon. Wie willst du die Monarchie modernisieren, wenn du in der relevanten Generation nur auf William und Kate zurückgreifen kannst? Das reicht nicht. Sie könnten Meghan und Harry wirklich gut gebrauchen, um das Königshaus zeitgemäß zu positionieren. Sie brauchen sich nicht nur aus PR-Zwecken und als Teammitglieder, sondern eben auch als Familie. Es kann sehr einsam im Königshaus sein.  

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