Amsterdam Der Untergang eines Nobelpuffs


Amsterdam schließt eines der bekanntesten Bordelle Europas: Yab Yum, in den 70er Jahren Treffpunkt der Hautevolee, war einst das Vorzeigeetablissement in Holland. Den Behörden scheint die lange Tradition des Hauses jedoch egal zu sein.
Von Albert Eikenaar, Amsterdam

Eine schönen Blondine gießt sich mit laszivem Blick langsam ein Gläschen Champagner ein. Dann trinkt sie einen Schluck. Die Kamera zoomt auf ihre vollen roten Lippen. Hier geht's nicht um eine Getränkewerbung, sondern um Sex. Millionen von Niederländern lernten durch diesen sexuell angehauchten Fernsehspot das beste, feinste, teuerste Bordell des Landes kennen: Yab Yum, an der Singel, mitten im sogenannten Grachtengürtel von Amsterdam. Das Traditionshaus steht kurz vor der Schließung. Grund sind zwielichtige Geschäfte der neuen Besitzer.

Die Blütezeit des Yab Yum begann 1976, als Puffs noch offiziell verboten waren, ganz zu schweigen von Werbespots für ein Etablissement. Trickreich hat Yab Yum sein 15-Sekunden-Filmchen so gestaltet, dass jeder den Wink mit dem Zaunpfahl verstand, obwohl nichts gezeigt wurde. Zeitungen, Magazine, Fernsehnachrichten und Radioprogramme berichteten bald über die Nobelchampagnermarke, die man(n) ausschließlich im Yab Yum Club erwerben konnte. Basispreis: 600 Deutsche Mark, Lady inlusive. Sogar aus Japan und den USA reisten Reporter an, um das Konzept hautnah zu erleben. Yab Yum galt schnell als das beste Bordell der Branche - in ganz Europa.

Kesse Studentinnen gesucht

Seinen Aufstieg zum ersten Haus am Platz hatte das Borell vor allem seinem Besitzer zu verdanken: Theo Heuft. Der ehemalige Perückenverkäufer verstand es besser als kein anderer, seinen "Sexladen" an den Mann zu bringen. Im Leidener Universitätsblatt warb er Studentinnen für den bezahlten Sex in nobler Umgebung an. Ein betriebswirtschaftlicher Volltreffer. Yab Yums Personalanzeige kostete fast nichts, der Aufschrei in den Medien war jedoch riesig. "Schande über ihn", zeterten die Moralritter in den Schlagzeilen der Zeitungen. Und tatsächlich meldeten sich bereitwillige Studentinnen in Scharen.

Und auch zahlungskräftige Kundschaft kam. Immobilienmakler, Aktienhändler, Finanziers und Investoren schlossen tagsüber Millionendeals und begossen sie abends im Yab Yum. Das "Entspannungszentrum" bot alles für den gehobenen Gentleman und versprühte einen Hauch von Luxus - mit reichlich Blattgold, Marmor und schickem Design. Die Herren der Superklasse sollten sich in diesem Ambiente wohlfühlen und genießen. Die schönen Ladys gehörten selbstverständlich dazu.

Aids und kriminelle Gestalten verhagelten das Geschäft

Die ersten Probleme tauchten Anfang der 80er Jahre auf. Angezogen von viel Geld, tauchte zwielichtiges Publikum auf, das aus dem Nobellkokal eine Art "Klubhaus" der Amsterdamer Unterwelt machte. Ganz allmählich verschwand dadurch die feine Kundschaft der ersten Garnitur. Heuft hatte größte Mühe, sein ursprüngliches Konzept umzusetzen. Außerdem nahm die Gefahr von Aids vielen Männern die Lust auf Sex mit unbekannten Mädels, auch wenn diese noch so strahlend, sauber, nett und elegant aussahen.

Um die gut betuchten Geschäftsmänner nicht zu verlieren, erhöhte Heuft das Niveau. Er richtete im Haus eine eigene Klinik ein mit Ärzten, die alle seine Damen ständig auf Geschlechtskrankheiten kontrollierten. Kondome waren ab sofort Pflicht - vor 25 Jahren ein absolutes Novum. Außerdem setzte Heuft auf echte Damen, die professionell arbeiteten und nicht im Entferntesten nuttig aussahen. Das Honorar war entsprechend hoch. Es gab Frauen, die an einem Abend ein gutes Monatsgehalt verdienten.

Theo Heuft träumte davon, Sex in seinem Etablissement in den Hintergrund zu stellen. Seine Idee: der Kaviarclub. Dort konnten Männer ganz entspannt mit einer Klassefrau nach Wahl leckere Häppchen schlemmen. Der Höhepunkt war dann kulinarischer Art: Beluga-Kaviar. Der Sex war nicht inbegriffen. Die Idee scheiterte. Denn als die Herren der Schöpfung für die kulinarischen Leckereien Tausende Gulden hinblättern mussten, begehrten sie mehr: "een wipje" - und zwar gratis.

Verkauf zum Spottpreis ruft Steuerfahnder auf den Plan

In den 90er Jahren gewann die Unterwelt dann doch die Oberhand. Fast jeden Abend organisierten zwielichte Gestalten feuchtfröhliche Feste. Gewinne aus dem Drogenhandel und anderen krummen Geschäften sprudelten. Geld spielte keine Rolle. Heufts Kasse stimmte zwar - er war längst Millionär - aber ihm verging die Lust, noch länger als der "gesellschaftlich akzeptierte Zuhälter" gefeiert zu werden. Er hatte die Nase voll. 1999 verkaufte er Yab Yum - viel zu billig, wie die Branche munkelte - für einen Spottpreis an einen Kollegen, der einen Swingerklub betrieb und der in die professionelle Welt der Prostitution einsteigen wollte.

Genau diese Transaktion rief jetzt die Amsterdamer Justiz auf den Plan. Der Kaufpreis sei so niedrig gewesen, dass die Fahnder Geldwäsche vermuten. Die Differenz zwischen dem wirklichen Wert und der bezahlten Summe soll schwarz abgerechnet worden sein, lautet der Vorwurf der Finanzbehörden. Heuft verneint das. Ob Schwarzgeld mit im Spiel war, klärt jetzt ein Gerichtsverfahren.

Das Bordell selbst steht vor dem Aus. Die Behörden weigern sich, eine neue Getränke- und Gastwirkschaftskonzession zu erteilen. Ermittlungen hätten ergeben, dass die Gefahr bestünde, dass die Lizenzen für das "Begehen von Straftaten" und "illegale Praktiken" verwendet werden. Die Kripo vermutet, dass Yab Yum das Bindeglied einer Geldwäschekette ist. Heufts Nachfolger legte gegen den amtlichen Beschluss zur Schließung Berufung ein. Solange die zuständigen Richter kein Urteil gefällt haben, bieten die Mädels von Yab Yum noch ihre teure Liebe an.


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