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Audrey Tautou: Von wegen zerbrechlich

Sie sieht aus wie eine Porzellanpuppe - aber spielen lässt Audrey Tautou nicht mit sich. Im Gegenteil: Sie bezaubert mit ihrer Eigenwilligkeit. Ende Januar kommt der Star aus "Die fabelhafte Welt der Amélie" wieder in die Kinos - diesmal als "Mathilde".

Ihre großen braunen Augen blicken immer ein bisschen erstaunt. Als habe sie zu lange geschlafen und müsse sich nun erst mal wieder in der Welt zurechtfinden: Audrey Tautou, die leicht versponnene Schönheit aus Jean-Pierre Jeunets Montmartre-Märchen "Die fabelhafte Welt der Amélie". Ein modernes Dornröschen, das die Welt bezauberte und mit einem Augenaufschlag zum Star wurde - mit 175 Millionen Dollar Einnahmen ist "Amélie" einer der erfolgreichsten europäischen Filme aller Zeiten.

Doch Vorsicht, Mademoiselle Tautou ist kein zwitscherndes Postergirl, sondern ein nachdenkliches, fragiles und dennoch recht pragmatisches Wesen. Gerade mal 1,63 Meter groß und seit dem Riesenerfolg von vor drei Jahren eisern bemüht, bei den vielen Drehterminen und dem Hype der Medien ihr Privatleben zu verteidigen. Sie erinnere an eine Schnecke, schreiben französische Journalisten, die sich in ihr Häuschen zurückziehe, sobald sich jemand nähere. Komplimente mag sie nicht hören, lieber stapelt sie tief und trinkt wenig Wein, um ja nichts Falsches zu sagen. "In meiner Familie", so die 26-Jährige, "spricht man nicht davon, angekommen zu sein, wenn man noch 500 Meter vom Haus entfernt ist - schließlich könnte noch etwas passieren."

Schulterfreies Oberteil, Jeans, Stöckelschuhe - so sitzt sie in der Suite eines Pariser Nobelhotels, lächelt ungeschminkt und mag nicht die glamouröse Diva geben. "Mais oui, ich bin ja so berühmt", kichert sie auf dem Sofa vor sich hin. Für den normalen Alltag in der Stadt hat sie sich deshalb eine Tarnung zurechtgelegt. "Da ist Fensterglas drin", sagt sie und zieht eine unansehnliche Hornbrille aus ihrer Handtasche. "Wenn ich dieses hässliche Teil aufsetze, denken alle - mais non, das kann doch nicht Audrey sein."

Audrey - den Vornamen gaben ihr die Eltern als Hommage an die große Audrey Hepburn. Rückblickend eine geradezu prophetische Taufe: So zerbrechlich und elegant, wie sie ihre Rollen spielt, erinnert die junge Französin tatsächlich an die berühmte Schauspielerin aus "Frühstück bei Tiffany" oder "My Fair Lady". Und wie ihre Namensvetterin scheint Audrey Tautou für zarte Hauptrollen wie geschaffen. Nach "Amélie" ist sie jetzt die "Mathilde" in Jean-Pierre Jeunets neuem Film "Mathilde - eine große Liebe", ein 46 Millionen Euro teures Kriegsmelodram, das in Frankreich bereits als "Europas Kinoereignis des Jahres" gepriesen wird und am 27. Januar in Deutschland startet.

Erneut spielt Audrey Tautou eine Lichtgestalt, deren Glaube an das Glück zu Herzen geht. Mathilde setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Manech wiederzufinden, ihren auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs verschollenen Verlobten. In Archiven, mit Hilfe von Detekteien, bei Kriegskameraden - wo immer die leicht gehbehinderte Heldin nach Spuren ihres Geliebten sucht, stößt sie auf neue Hiobsbotschaften und grausige Soldatenschicksale.

Regisseur Jean-Pierre Jeunet

bebildert die brillante Romanvorlage von Sébastien Japrisot ("Die Mimosen von Hossegor", Aufbau-Verlag) mit schwindelerregender Perfektion. Nahe Poitiers ließ er ein Gewirr von Schützengräben und Bombentrichtern nachbauen, und er schreckt nicht davor zurück, das erbarmungslose Gemetzel aus nächster Nähe zu zeigen.

"Während der Dreharbeiten war ich fünf Monate lang wie unter der Erde", erzählt die Schauspielerin, "dauernd verfolgte mich der Gedanke, eine Frau spielen zu müssen, die sich umbringen wird, wenn sie ihren Mann nicht findet." Am schlimmsten waren die ersten drei Wochen. "Da hat Audrey viel geweint", sagt Regisseur Jeunet. Mehrmals am Tag soll sie einfach so in Tränen ausgebrochen sein - nicht ganz leicht für ihre Kollegen, die sich darauf einstellen mussten.

"Ich bin selbst ein bisschen wie Mathilde", sagt Audrey Tautou. Zerbrechlich und stark zugleich. "Ihre Liebe und Entschlossenheit haben mir gefallen, auch die Tatsache, dass sie eine Frau ist, die sich nicht unterwirft, die kämpft und keine Angst hat zu kämpfen."

Wie stark der Druck war, merkten alle erst richtig nach dem letzten Drehtag. Es gab eine Party, und Audrey tanzte die Nacht durch. Danach brauchte sie einige Zeit, um ins normale Leben zurückzufinden. Spielte in ihrem 64-Quadratmeter-Apartment im Pariser Viertel Pigalle viel Klavier und machte einen ruhigen Urlaub - mit dem Zelt in der einsamem Natur Islands. Rucksack-Reisen liebt sie über alles, war schon in Vietnam, Indonesien und der Dominikanischen Republik, meist begleitet von ihrer Schwester. Einen Lebenspartner, die wahre Liebe wie die zwischen Mathilde und Manech, hat sie noch nicht gefunden. "Ich weiß nicht, ob das heutzutage noch möglich ist", sagt sie, "vielleicht schon." Aber irgendwo hat sie gelesen, dass 60 Prozent aller Beziehungen scheitern und ist offenbar voller Sorge, dass das bei ihr auch passiert.

Schon mit 21

kam für die Zahnarzttochter aus der Provinzstadt Montluçon, die nach dem Abitur in Paris eine Schauspielschule besucht hatte, der Durchbruch. 1999 erhielt sie eine Rolle in Tonie Marshalls "Schöne Venus", obwohl sie hoffnungslos verspätet zu den Probeaufnahmen erschienen war. "Ich hatte mich verlaufen", erinnert sie sich, "heulte noch, als ich auf dem Set eintrudelte." Doch der Film, für den sie mit dem Nachwuchs-"César" ausgezeichnet wurde, brachte ihr Glück: Jeunet sah ihr Gesicht auf dem Plakat und lud sie zum Casting für "Amélie" ein.

Mit dem Erfolg bekam Audrey Tautou viele Angebote für ihr hübsches Gesicht, doch nie posierte sie für Werbeaufnahmen. Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen lehnte sie es auch ab, sich als Frankreich-Maskottchen mit Trikolore fotografieren zu lassen. Stattdessen protestiert sie lauthals singend gegen den Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen.

Widersprüchlich und kompliziert sei sie, ist in der französischen Presse zu lesen. Sie selbst sieht ihre Gefühlslage anders: "Melancholisch bin ich nie, höchstens manchmal traurig; und wenn schon traurig, dann richtig traurig. Auch wenn ich glücklich bin, ist das ein sehr intensives Gefühl; und wenn ich Angst habe, dann habe ich furchtbare Angst." Ist doch alles ganz einfach, in der wundersamen Welt der Audrey Tautou.

Tilman Müller / print