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Big Brother und Co.: Privates wird zum Allgemeingut

Ob in Doku Soaps, im Internet oder in Psycho- Sendungen im Radio. Viele breiten heute in einem Ausmaß Privates über sich in der Öffentlichkeit aus, das vor einigen Jahren noch undenkbar war.

Intime Küsse auf der Mattscheibe, persönliche Krisen im Psycho-Talk, Geheimnisse im Internet: Freiwillig geben immer mehr Menschen Privates von sich preis. Millionen Zeitgenossen stellen Details aus ihrem Alltag, ihrem Leben zur Schau. Im Fernsehen mit seinen unzähligen Doku-Soaps, aber auch in allen anderen Medien lässt sich mit dem ganz Privaten ordentlich Geld verdienen.

Intime Geständnisse im Netz

Im Internet dienen hunderte Webtagebücher, Mailinglisten und Blogs - Seiten mit ständig neuen Kurztexten - der Preisgabe eigener Gedanken und Gefühle. Die Berlinerin Claudia Klinger etwa hat vor sechs Jahren mit ihrem privaten Nichtraucher-Tagebuch begonnen. "Es gibt wenig von mir, was ich den Leuten nicht zeigen will", sagt Klinger heute. Ihr Web-Diary (www.claudia-klinger.de) über ihre Erlebnisse und Ansichten vom Leben genießt inzwischen Ansehen im Netz - und hat sich zudem zu einer zündenden Geschäftsidee entwickelt.

In Klingers Schreibkursen auf eigenen Homepages können sich Interessierte online zum Beispiel in "Liebe und Erotik, im Leben und im Schreiben" einweisen lassen. Hobbyautoren "von Berlin bis Bangkok" machen mit, sagt Klinger. "Jeder Einzelne muss wissen, was er von sich offenbaren will", warnt die Netz-Autorin. Schließlich könnten auch Kollegen und entfernte Bekannte Intimes oder Probleme mitkriegen, wenn die erst im Internet ausgebreitet sind.

Noch weniger Schamgrenzen kennt das Fernsehen

Wachsende Heerscharen von Laiendarstellern führen ihre Privatangelegenheiten auf allen TV-Kanälen vor. Das Personal der fünften Staffel von "Big Brother" (RTL II) kämpft notfalls mit dem Einsatz von Strip- und Sex- Einlagen gegen die Abgestumpftheit der Zuschauer. Vor allem wegen solcher Formate geißeln Kritiker "die krampfhaften Zuckungen einer Gesellschaft, die sich planvoll entblößt" ("Die Zeit"). Andere Sender begnügen sich mit Einblicken in den wirklichen Alltag: den einer "Geburtsstation" oder "Hundeschule" etwa (Arte), oder jene beim "Häuslebauer" (Vox).

Die eigene Biografie enthüllt

Dezenter kann man etwas von sich enthüllen, wenn man einen der rund ein Dutzend professionellen Biografen in Deutschland engagiert. Autoren wie der Münchner Martin Buttenmüller beschreiben im Auftrag von Großvätern oder Firmenchefs beispielsweise Lebensleistungen oder Kriegserlebnisse. Im Zentrum der dann in Familie oder Firma verteilten Bücher, oft aufwendig gebunden: stets das ganz Private.

"Bei Biografien gibt es immer auch Dinge, die schmerzhaft sind, ein verlorener Sohn, eine kaputte Beziehung", sagt Buttenmüller, "danach fragt man als Biograf, aber der Kunde bestimmt, was dann in einem Buch auch ausgearbeitet wird."

Den eigenen Roman bestellen

Der Hamburger Schriftsteller Norbert Klugmann bietet als erster jetzt sogar "Den privaten Roman" an. Er schreibt völlig fiktionale Stoffe, auf Wunsch freilich mit etwas eigenem Hintergrund seiner Kunden. "Früher ließ man Bilder von sich malen, ab jetzt kann man sich auch ein Buch schreiben lassen", sagt der Autor, von dem unter anderem mehrere Krimis erschienen sind. "Wenn das Buch fertig ist, laden der Kunde und ich 20, 30 Leute ein und wir machen eine Lesung."

Der Essener Professor für Kommunikation Jo Reichertz hat untersucht, warum Menschen - anstatt Scheu zu zeigen - Privates gerne vor mehr oder weniger großen Zuschauergruppen ausbreiten. "Wir leben in einer Kultur des Angesehen-Werdens", sagt er. Für viele gelte: Je mehr zusehen, desto stärker steigt das eigene Selbstwertgefühl.

Basil Wegener
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