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Boris Becker: Vom Idol zur Lachnummer

Einst verzückte Boris Becker mit seinem Tennisspiel. Nach Scheidung, Steuermurks und Schickeria-Stress gerät der einstige Tennisgott nun immer mehr zur Lachnummer. Vorläufiger Höhepunkt: die Vermarktung seiner Hochzeit mit Lilly Kerssenberg.

Von Ingo Scheel und Julia Mäurer

7. Juli 1985, 17:26 Uhr Londoner Zeit. Ein Leimener landet auf dem Mond - und das mitten in Großbritannien. Mit dem verwandelten, vierten Matchball gegen Kevin Curren auf dem Centre Court des "All England Lawn Tennis and Croquet Club" dreht sich nicht nur die Welt eines 17-jährigen Rotschopfs, nein, die gesamte, deutsche Sportwelt von einer Minute auf die nächste vollkommen anders. Die Tennishistorie wird fortan unterteilt in "vor 1985" und "nach 1985". Vor Becker und nach Becker. Boris wirft den Schläger vor Freude weg, ganz Deutschland tut das Gegenteil und entdeckt den Tennisfreak in sich. "Blitzkrieg Becker" schreiben die englischen Zeitungen, gewohnt martialisch, in Deutschland wird "Bum-Bum-Becker" über Nacht zum dudenfähigen Ausdruck. Und aus dem "Bum" wird ganz schnell der "Boom" - Becker sei Dank erleben Tennisclubs, Sportshops, Vereine und Turniere einen Zulauf wie nie zuvor. Fußball war gestern, der Ball, um den sich alles dreht, ist für die kommenden Jahre klein, filzig und gelb. Deutschland hat einen neuen Volkssport, die Nation einen neuen Liebling und mit Steffi Graf auch gleich ein weibliches Pendant, aber das ist eine andere Geschichte.

Auf dem Weg an die Weltspitze

Bleiben wir beim Bobele: Schnell spaltet sich der Medien-Boris vom Tennisplatz-Boris. Schon wenige Monate nach seinem historischen Sieg sind die Interviews des ewigen Leimeners Legende. Epochal auf dem Platz, eindimensional abseits davon. Stotteranfälle, Lispeln, Sprechpausen rufen schnell die Kabarettisten auf den Plan. Helmut Kohl kann sich zurücklehnen und mit dem Aussitzen beginnen, die Kübel voll satirischer Häme werden fortan auf zwei Köpfe verteilt.

Privat dagegen läuft (noch) alles nach Plan. Auf dem Trainingsplatz hält Coach Günther "Güntzi" Bosch die Fäden zusammen, das Geschäftliche obliegt Ion Tiriac, dem grimmigen Rumänen mit Mini-Pli und Seehundschnauzer. Auf der Tribüne fiebert Mutter Elvira, zuweilen mit Schwester Sabine, während Vater Karl-Heinz fleißig knipst und die heimischen Alben mit Memorabilia füllt. "Boris is' geil" singt das britische Ulkduo Bruce & Bongo 1985, seiner ursprünglichen Bedeutung wird diese Zeile jedoch erst viele Jahre später zugeführt. "Geil" ist Becker zu jener Zeit lediglich auf dem Platz und zwar auf Siege, von späterem Brunftverhalten und Beuteschema ist nur wenig bis gar nichts zu ahnen.

Auf seine erste Freundin, die attraktive Französin Benedicte Courtain, Tochter des Polizeichefs von Monaco, folgt, unterbrochen von einem angeblichen Flirt mit Prinzessin Stephanie, mit Karen Schulz eine burschikose Hanseatin. Die sieht mehr nach einem Becker'schen Doppelpartner als nach exotischer Gespielin aus. Drei Jahre ist sie die Frau an seiner Seite, während sich Bobele Aufschlag um Aufschlag an die Weltspitze des Tennis kanoniert. Gesäumt von Ausrastern, Schlägerwürfen und tränenschwangeren Monologen unter schweißnassen Handtüchern geht Becker seinen Weg und ganz Deutschland schaut ihm dabei zu. Um die Dekadenwende ist er auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Dreifacher Wimbledon-Sieg, Daviscup, Sportler des Jahres, anno 1991 die Nummer eins der Tennis-Weltrangliste, nur ein Jahr später gar die Olympische Goldmedaille. Und das im Doppel mit dem einstigen Intimfeind, dem Elmshorner Michael Stich, damals wie heute der Antipode des Leimeners. Hier der gefühlsbetonte Rotschopf, dort der kühle, zur gepflegten Langeweile neigende Elmshorner. Hier der Partyhengst, der sich gern mal den Weg zur Besenkammer erklären lässt, dort der moralverpflichtete AIDS-Aktivist.

Der Becker-Motor gerät ins Stottern

Doch Stottern hin, ins Netz beißen her, all das verblasst hinter dem epochalen Werdegang des teutonischen Tennisgotts. Sieht man ihm die Verhaltensstörungen doch nur zu gerne nach, solange er Trophäe um Trophäe in die Schränke des DTB schmettert, servt, volliert und die langen TV-Nächte mit verwandelten Matchbällen versüßt. Und auch privat scheint zusammenzuwachsen, was zusammengehört. Anfang der 90er lernt er Barbara Feltus kennen und lieben, 1993 heiraten die beiden. Der 17-Jährige wird endlich volljährig, aus Bobele wird Boris. Happy End. Zumindest für die nächsten Jahre. 1994 wird Sohn Noah Gabriel geboren, Becker zieht sich so langsam vom Court zurück und versucht sich auf Funktionärs- und Business-Ebene, unter anderem als Teamchef des deutschen Daviscup-Teams. Doch der Becker-Motor gerät ins Stottern. Schon 1997 durchsucht die Steuerfahndung seine Münchner Villa und auch das Eheleben, für das Becker nach seinem endgültigen Rücktritt 1999 nun mehr Zeit hat, scheint ihn nicht vollständig auszulasten. Der letzte Volley ist gespielt, das "Bum Bum" in Becker hat von nun an eine andere Bedeutung.

Ins gesellschaftliche Aus katapultiert sich Becker bereits im Juni 1999. Seine damalige Frau Barbara, schwanger mit dem zweiten Kind, liegt im Krankenhaus. Statt ihr beiseite zu stehen, sitzt Becker im Londoner Restaurant "Nobu". Dort trifft er auf eine gewisse Angela Ermakova. Mit dem russischen Model kippt Becker erst ein paar Drinks und landet dann in einem Raum, der später als Besenkammer bekannt wurde. Samenraub, ist ein weiteres Wort, das zwischen Tür und Angel des "Nobu" entstand. Denn das Quickie von Ermakova und Becker dauert nach eigenen Angaben "nur fünf Sekunden". Genug, um Tochter Anna zu zeugen. Den Vaterschaftstest hätte sich Becker sparen können. Das Mädchen gleicht ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.

Alle Frauen nach Barbara sehen aus wie Barbara

Das Intermezzo mit Ermakova kostet Becker am Ende seine Ehe. Barbara reicht die Scheidung ein und zieht mit den beiden Söhnen Noah Gabriel und Elias Balthasar nach Miami. Zurück bleibt Becker, der von einer Firmenpleite in die nächste schlittert, 2002 wegen Steuerhinterziehung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe in Höhe von einer halben Millionen Euro verurteilt wird und Frauen sammelt wie früher Pokale. Das Kuriose daran: Alle Frauen nach Barbara sehen aus wie Barbara. 2001 kuschelt Becker für acht Wochen mit Rapperin Sabrina Setlur. Was die beiden verbindet, ist die Erinnerung an bessere Zeiten. Als er noch als Tennisstar in Wimbledon über den Rasen fegte und sie mit ihrer Musik große Hallen füllte. Nach Setlur turtelt Becker mit der Unternehmerin Patrice Farameh, die nach gut fünf Monaten von der Tänzerin Caroline Rocher abgelöst wird. Drei Jahre - man glaubte schon, Becker sei zur Ruhe gekommen - dauert die Liaison mit der schönen Französin.

Bis Becker mal wieder auswärts spielt und sich die Holländerin Sharlely "Lilly" Kerssenberg angelt. Tatort: erneut ein Restaurant. Dieses Mal in Miami. Dorthin reist Becker in regelmäßigen Abständen, um mit Barbara und den Söhnen eine schreckliche nette Familie zu spielen. Überhaupt, die Familie. Becker glaubt zu wissen, "Was Kinder stark macht". So verspricht es zumindest ein Ratgeber, den er im Herbst 2007 auf den Markt bringt und bundesweit bewirbt. Unter anderem in der Fernsehshow "Wetten, dass…?". Becker will über Kindererziehung und Verantwortung reden - Moderator Thomas Gottschalk über Lilly Kerssenberg. Die hat Becker nämlich wenige Tage zuvor abserviert. Per SMS.

Becker und Meyer-Wölden werden zum Paar der Peinlichkeiten

Was sich mit 160 Zeichen alles anrichten lässt, erfährt Becker rund ein Jahr später. Eine SMS und ihr widersprüchlicher Inhalt beenden seine Verlobung mit Sandy Meyer-Wölden. Der Frau, die so gar nicht ins Becker'sche Beuteschema passt. Allein, sie ist die Tochter von Beckers langjährigem, 1997 verstorbenem Manager Axel Meyer-Wölden. Öffentliches Fummeln auf einer Yacht vor Sardinien und die Verlobung im August 2008 machen Becker und die 16 Jahre jüngere Blondine zum meist fotografierten Paar des Sommer. Und zum Paar der Peinlichkeiten. Denn Beckers öffentliche Demontage ist da bereits nicht mehr zu verhindern und erhält ihren vorläufigen Höhepunkt, als die Verlobung im November nach nur 83 Tagen platzt.

Ob die Liebschaft zwischen Boris und Sandy nun ein PR-Gag war oder nicht, daran scheiden sich die Geister. Nach der Trennung tingelt Meyer-Wölden durch Castingshows, wirbt für eine Billigmodekette und absolviert lokale Laufsteg-Jobs. Becker besinnt sich auf Altbewährtes: Lilly Kerssenberg. Erster gemeinsamer Auftritt nach der Versöhnung: Hoteleröffnung in Dubai, November 2008. Nach dem obligatorischen "Wir–sind-nur-gute-Freunde"-Geplänkel folgt zum Jahreswechsel die Verlobung, bei Entertainer Stefan Raab der erste gemeinsame Fernsehauftritt und drei Wochen später die öffentliche Bekanntgabe des Hochzeitstermins - erneut auf der Couch von "Wetten, dass...?".

Während Becker als Tennisspieler Millionen vor die Bildschirme brachte, verursachen seine heutigen Fernsehauftritte kollektives Fremdschämen. Als Moderator der DSF-Talkshow "Becker 1:1" scheitert er kläglich, sein spätabendliches Plauder-Format "Boris Becker meets..." entpuppt sich als Flop und von Stefan Raab lässt er sich vor TV-Kameras verprügeln. Das ganze nennt sich dann "Schlag den Star". Selbst seine Hochzeit mit Lilly Kerssenberg, die am 12. Juni in St. Moritz stattfinden soll, vermarktet Becker als gesellschaftliches Ereignis. Der Fernsehsender RTL hat sich die Exklusivrechte gesichert und schlachtet das vermeintliche Spektakel an zwei Sonntagen in Folge aus. Vom Ringtausch bis zum Hochzeitskuss - die Kamera wird draufhalten. Wurde Becker früher nur für sein unsicheres Auftreten verspottet, so ist er nun endgültig zur Lachnummer geworden.