HOME

Carla Bruni: Madame Naïve

Es war Carla Brunis Geschenk zum Valentinstag: Ein paar hübsche Liebeserklärungen. Dafür brauchte Première Dame keine Postkarte, sondern nutze das Magazin "L'Express". Doch statt Liebeserklärung geriet das Interview zum Angriff auf die Medien, die Sarkozys Privatleben genau unter die Lupe nehmen.

Von Astrid Meyer, Paris

Entschuldigung und Zerknirschung der First Lady folgten auf dem Fuß, wenige Stunden nach Veröffentlichung des langen Interviews: Es tue ihr leid, die Methoden der Internet-Sites mit denen der rechtsradikalen Presse während des zweiten Weltkriegs verglichen zu haben. Sie habe niemanden verletzen wollen. Der Vergleich war freilich seltsam und irritierend: Sie unterstellte, in Zeiten der Judenverfolgung hätten die Websites, die so viel Hass und Häme ihr gegenüber formulieren, sicher auch jüdische Bürger denunziert und ausgeliefert.

Was viel von ihrer eigenen Verletztheit zeigte, aber wenig Fingerspitzengefühl und politisches Verständnis. Die jüdischen Organisationen Frankreichs, die am besten platziert wären, um Carla Bruni zurecht zu weisen und ihr den Unterschied zwischen Mord und Rufmord klar zu machen, haben freilich zum Vorfall bisher geschwiegen. Am fixesten reagierte das Nachrichtenmagazin "Nouvel Observateur", das Nicolas Sarkozy gerade wegen Fälschung vor Gericht zerrt, weil es auf seiner Website ein angebliches SMS des Präsidenten an seine Ex-Frau zitierte, sie möge doch zu ihm zurück zu kommen.

Sarokzys Umfragewerte konnte Bruni nicht retten - im Gegenteil

Jetzt wird viel über die Frage diskutiert, was von der Veröffentlichung einer solchen Information, wenn sie denn richtig war, zu halten sei. Carla Bruni hat in ihrem Interview nicht nur den "Nouvel Observateur" angegriffen, sondern allgemein die Internet-Gerüchteküchen, wo in Blogs böse und lustvoll über alles und jeden hergezogen wird. Reagiert haben bisher das Satire-Magazin "Bakchich" (zu deutsch "Schmiergeld") und seine Website, der - im Gegensatz zu den zahlreichen Blogs - ihr Ruf auch nicht egal ist.

Die Popularitätswerte ihres Mannes, die innerhalb von zwei Monaten um 20 Prozentpunkte gefallen sind, hat die First Lady durch das Interview wohl nicht retten können. Trotz keuschen, grauen Jäckchens und der Erklärung, das Album, das sie jetzt aufnehme, werde während der Amtszeit Sarkozys das Letzte sein. Aber ihr ist ausgerechnet gelungen, was sie am ungeschicktesten angepackt hat: Den Finger auf einen wunden Punkt der französischen Presse-Landschaft zu legen. Es hat dort System, Behauptungen und Informationen, die die seriösen Medien nicht zu bringen wagen, ins Internet abzuschieben.

Am offensichtlichsten ist es beim "Nouvel Observateur", der mittlerweile auch zu Protokoll gegeben hat, dass die Veröffentlichung der angeblichen SMS des Präsidenten so nicht hätte geschehen dürfen; es gehe halt im Internet alles zu schnell, die Kontrollen seien nicht ausreichend gewesen. "Die Angelegenheit ist sehr peinlich, aber heilsam", schreibt das Magazin. "Für uns und für die Presse ganz allgemein". Dem Journalisten drohen immerhin bis zu drei Jahren Haft. Zwar steht die Redaktion offiziell hinter ihm, aber geschrieben hat er in der letzten Ausgabe nichts mehr.

Ertsmals wird ein Journalist von einem Präsidenten strafrechtlich verfolgt

Die Website "Bakchich" hat sich ebenfalls hinter den "Nouvel Observateur" gestellt: Es sei schließlich nicht gleichgültig, einen emotional derart instabilen Präsidenten zu haben, angesichts der Tatsache, dass er der Oberkommandant über die Atomraketen Frankreichs sei. Das Problem von "Bakchich" ist das Gleiche wie das von beispielsweise "rue.89": Systematisch veröffentlichen dort Journalisten Informationen und Thesen, die sie in den klassischen Medien nicht zu vertreten wagen, geschützt vom schlechten Ruf des Mediums. Doch Sarkozys Angriff auf den Kollegen vom "Nouvel Observateur" hat gezeigt, dass der virtuelle Raum keine sichere Spielwiese mehr ist. Es ist das erste Mal, dass ein Präsident einen Journalisten strafrechtlich verfolgt, also nicht nur auf Schadensersatz oder Gegendarstellung klagt.

Nun ist die Vereinigung "Reporter ohne Grenzen" der angeklagten Zeitschrift zur Hilfe geeilt. Im gestern veröffentlichten Jahresbericht heißt es, der Informantenschutz, auf den sich auch der "Nouvel Observateur beruft", sei in Frankreich nicht ausreichend. Die Freundschaften Sarkozys mit Pressemagnaten seien beunruhigend.

Was Madame Bruni-Sarkozy betrifft, hat sie noch viel zu lernen: Dass Authentizität in ihrer Position nicht bedeuten kann zu reden, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, beispielsweise. Wenn sie das denn lernen will. Schließlich ging der Interview-Text fünf Tage lang zwischen ihr und der Redaktion hin und her. Eines ist wahrscheinlich: Ihr Mann und seine Berater haben sich da herausgehalten. Die hätten ihr die seltsame Formulierung kaum durchgehen lassen.