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Celine Dion: Queen of Kitsch

"... nur abends ein bisschen singen", nennt sie das! Fünf Jahre lang an fünf Tagen in der Woche schmachtet Celine Dion in Las Vegas vor ausverkauftem Haus in ihrer eigenen Show. Jetzt meldet sich das Goldkehlchen mit neuer CD und einer Welttournee zurück aus dem Exil in der Wüste.

Von Christine Kruttschnitt

Es ist so leicht, Celine Dion zu mögen. Man sollte es öfter versuchen. Zum Beispiel, wenn man im Penthouse des "Caesars Palace" eine Dreiviertelstunde auf sie warten muss. Draußen brät Las Vegas in der Wüstensonne, unten am Sunset Strip flüchten Touristen in die klimatisierte Dämmerung des nächsten Kasinos. Es ist heller Nachmittag, die Diva erst vor Kurzem aufgestanden. Ihr Mann schlendert über die Flure dieser kolossalen Suite und brummt begütigend, Celine sei auf dem Weg.

René Angélil ist ein mittelgroßer, bauchiger Teddybär mit weißem Bart und Spieleraugen; an den Pokertischen der Stadt hat er gut eine Viertelmillion Dollar gewonnen. Ein Klacks natürlich im Vergleich zu den rund 180 Millionen Dollar, die seine Frau in den vergangenen fünf Jahren in Las Vegas ersungen hat. Ein Klacks im Vergleich zu ihren Einnahmen aus 200 Millionen verkauften Platten. Ein Klacks im Vergleich zu den 120 Millionen Dollar aus ihren Parfümkontrakten; und so richtig toll findet sie seine Spielerei sowieso nicht. Angélil verkündet, Celine stehe praktisch schon im Raum, und mümmelt im Weggehen ein paar Schnittchen.

200 Vorstellungen pro Jahr

Ist die 39-jährige Kanadierin die größte Sängerin der Welt? Ihre Bühnenshow "A New Day" im eigens für sie erbauten, 95 Millionen Dollar teuren "Colosseum" ist seit Anbeginn ausverkauft - und das, obwohl in rund 200 Vorstellungen pro Jahr jeden Abend mehr als 4000 Plätze gefüllt werden müssen und die billigsten Tickets fast hundert Dollar kosten; die teuersten gar 350 Dollar. Von Kritikern als "Hohepriesterin des Schmalzes" verspottet, ertrotzt sich die Frau mit der Fünf-Oktaven- Stimme von eben jenen Respekt durch ihren schieren Erfolg. Einem Reporter aus ihrer alten Heimat, der fest entschlossen war, die Dion doof zu finden, und lustvoll einen Verriss aus "Vanity Fair" zitierte (ihre Performance sei "eine Mischung aus Pinocchio und 'Buffy the Vampire Slayer'"), rannen später am Abend die hellen Tränen übers Gesicht, als die Chanteuse in ihrer Muttersprache über die Liebe sang.

Die Diva, endlich eingetroffen, ist ein schmales Persönchen mit gesträhnter Mähne und jenem langen, dünnen Gesicht, das in guten Momenten an die junge Meryl Streep erinnert und in schlechten an die junge Celine Dion. Ihre Wimpern sind so dick, dass man Straßen damit absperren könnte, und ihr rosafarbener Lidschatten strahlt ab bis an den Haaransatz. Las-Vegas- Make-up; die Frau muss heute noch arbeiten gehen. Dass sie magersüchtig sei, wird oft genug behauptet - aber wer vier- bis fünfmal die Woche anderthalb Stunden lang über die Bühne stratzt wie sie, hält kein Fett am Leib.

"Nur abends ein bisschen singen"

Wenn Ende des Jahres der letzte Vorhang für den "Neuen Tag" gefallen ist, eilt Madame gleich weiter: Im Februar 2008 beginnt in Johannesburg eine Tournee, die sie in 100 Städte auf fünf Kontinenten führt, im Juni und Juli 2008 auch nach Deutschland. Vorher bringt sie im November dieses Jahres noch ein Album heraus; nicht schlecht für eine Frau, die von sich behauptet, sie sei in erster Linie Mutter und gehe "nur abends ein bisschen singen".

Und wahr ist natürlich: "Diva" ist so ziemlich das Letzte, was einem zu Celine Dion einfällt. "Diva", das verspricht Grandezza und Zickigkeit auch jenseits der Bühne, aber wenn jemand zu spät zum Interview erscheint, weil er mit dem Kind Knetmasse geformt hat, dann fällt das eher ins Hausfrauenfach. Der Weltstar mit der Wunderstimme sagt im wahren Leben so prosaische Dinge wie: "Um Politik kümmert sich bei uns zu Hause mein Mann." Und: "Gott sei Dank ist mein Mann schon älter, da muss ich nicht mehr so oft ausgehen."

Wie Paris Hilton in den Vatikan

Kein Zweifel: Trotz sexy Print-Kleidchen und Pin-up-Make-up verwandelt sich Celine Dion, kaum dass sie den Mund aufmacht, in Doris Day. Die Familie gehe über alles, Glamour interessiere sie nicht; zu Hause laufe sie immer ungeschminkt und in Jogginghosen herum. Und der Erfolg sei ihr nur wichtig, weil ihr Mann, der seit ihrem zwölften Lebensjahr ihr Manager - und selbstverständlich die Liebe ihres Lebens - ist, ihn so sehr verdient. In Interviews hat sie schon frank verkündet, mit keinem anderen je geschlafen zu haben denn mit dem heute 65-Jährigen. So gesehen passt Celine Dion nach Las Vegas wie Paris Hilton in den Vatikan.

Als sie im März 2003 in "Sin City" landete, glaubte die Branche an das grandiose Ende ihrer Karriere. Las Vegas war damals noch nicht der Ort, an dem sich MTVStars tummeln; erst in den letzten Jahren - und durch den Erfolg der Dion - schmücken sich Popgrößen wie Christina Aguilera, Rapper und Rocker mit Konzerten in der Spielerstadt. Celine wurde zur Institution: Schon am Flughafen hängt meterhoch ihr Porträt, während der Taxifahrt zum "Strip" stolpert man über ihre langen Beine auf Plakaten.

Mit dem Helikopter nachhause

Dabei bekommt sie von Amerikas Sündenbabel nicht viel mit: Mit Angélil und dem knapp siebenjährigen Sohn René-Charles lebt sie in Lake Las Vegas, eine halbe Autostunde östlich der Glitzermeile. Das Haus wird, wie das "Colosseum", künstlich befeuchtet, damit die raue Wüstenluft das Goldkehlchen nicht schürft. Fünf Tage die Woche gegen sechs fährt sie zum "Caesars Palace", um halb neun beginnt die Vorstellung, um elf steigt meist ein Helikopter auf und fliegt den Star nach Hause. René-Charles ist dann noch wach, spielt ein bisschen mit Mutti, gegen zwei gehen die Lichter aus. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Verständlich, wenn Dion ihre Show mit kalter Routine abzöge.

Aber kalt ist nicht ihr Ding. Manchmal weint sie auf der Bühne oder bei Studioaufnahmen, weil sie sich so in ihre Lieder hineingesentimentelt hat. Selbst olle Schmachtfetzen wie den "Titanic"-Song "My Heart Will Go On" lässt sie immer und immer wieder klingen, als gebe es gerade nichts Wichtigeres auf der Welt. Im besten Fall bekommt dann jeder Zuhörer Gänsehaut; im schlechtesten den Verdacht, Celine-Dion-Songs seien nur akustische Ausstellungsräume für ihre Stimme. Eigentlich aber - und insofern passt die Anti- Diva doch wunderbar nach Vegas - sind ihre Liebeslieder stilisierte Liebesspiele, Sex in Dur und Moll: erst zartes Vorspiel, das Organ wird angewärmt, dann der Refrain, dann das Ganze mit mehr Wumm, die Orchestrierung schwillt, dann höchste Erregungsstufe, die Lungenflügel weit gespreizt - und am Schluss wird geballert mit allem, was im Hause ist.

Ein Ensemble aus 14 Kindern

Gesungen hat Celine von Kind an. Vater Adhemar spielte Akkordeon, Mutter Thérèse die Fidel, und wochenends traten "A. Dion et Ensemble" in der Dorfkneipe auf. Das Ensemble bestand aus nicht weniger als 14 Kindern. Die Jüngste zeigte besonderes Talent; mit fünf sang sie bereits auf der Hochzeit ihres Bruders. Der Papa arbeitete als Metzger, später auf dem Bau, es wurde an allem gespart - nur nicht an Liebe, wie Celine emsig versichert. Sie war schlecht in der Schule, weil sie nur Singen im Kopf hatte, und als sie zwölf war, schrieb Maman ein kleines Lied für sie und fuhr mit ihr in die große Stadt. In Montreal arbeitete der Musikmanager René Angélil, dessen Name Thérèse auf der Rückseite ihrer Lieblingsplatte entdeckt hatte. Ein Mann im Anzug, wie Celine andächtig wahrnahm - das kleine spiddelige Ding mit schlechten Zähnen hatte noch nie große Städte und Männer im Anzug gesehen. Und da stand sie also im Büro des freundlichen Fremden und hub an zu singen.

"So fing alles an", sagt Celine. "Es war Schicksal." Angélil sorgte dafür, dass die Kleine Stimmtechnik und Englisch lernte, ließ ihr die Zähne richten und formte sie im Grunde zu einer Superathletin, die eine überwältigende Folge von Auftritten absolvierte, unterbrochen nur von Tagen, an denen sie nicht mal reden durfte, um das Instrument zu schonen. Heute bedauert sie, dass ihre Schulbildung dabei auf der Strecke blieb. Sie ist unsicher, wenn sie über andere Dinge als Musik reden soll. Ihr ganzes Leben bestand aus Bühnen, Hotelzimmern, Tonstudios und Angélil. Als sie mit 20 für die Schweiz den Grand Prix gewann, küsste sie ihn das erste Mal. Heute noch schwingt ein verteidigender Unterton mit, wenn sie über ihre Beziehung spricht. Nie habe sie sich von ihm bedrängt gefühlt, nie habe er sich anders benommen als ein Gentleman.

Wurscht, was die Leute reden

1994 heiraten die beiden in Montreal, 1999 erkrankt er an Krebs. Ein harscher Knick in Celines Lebensgeschichte, die sich bis dahin so wunderbar rosig erzählen lässt. Dann kommt, nach vielen Versuchen, das Wunschkind. Die Klatschpresse ist berauscht von den Umständen - eine künstliche Befruchtung mit Angélils vor der Chemotherapie eingefrorenen Spermien. Celine ist wurscht, was die Leute reden. Sie ist glücklich.

Es geht eine gewisse Sperrigkeit von dieser kleinen Person aus, die man nicht erwartet. Sie sei keine "Celebrity", sagt sie, die sich ganz dem Willen der Öffentlichkeit beugt. Und je älter sie werde, desto weniger wichtig sei ihr deren Meinung. Beinahe 30 Jahre lang hat sie versucht, anderen zu gefallen: "Jetzt will ich mein Leben genießen!"

"Ich will die Mur Chinois sehen!"

Soll heißen: Wenn sie die Tournee auf sich nimmt, plant sie pro Station zwei Tage ein fürs Touri-Programm mit Mann und Kind. "Ich fahre nach China, dann will ich doch die Mur Chinois sehen!" Wenn sie aufgeregt ist, purzeln französische Brocken in ihr nett unperfektes Englisch.

"Und auf meiner neuen Platte singe ich nur, was mir gefällt!", ruft sie beglückt. Soll heißen: nicht nur Songs, die nach Celine Dion klingen. "Taking Chances" - zu Deutsch: was riskieren - ist kantiger als viele ihrer englischen Schmuseplatten, und die Rhythm-and-Blues-Nummer "That's Just The Woman In Me" hört sich gar an wie von Janis Joplin geröhrt. Wie von einer erwachsenen, taffen Frau gesungen, die endlich in ihre Stimme hineingewachsen ist.

Ja doch, es ist leicht, Celine Dion nicht zu mögen. Man vergisst nur immer öfter, warum.

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