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Kommentar

Coronakrise: Eine vorbildhafte Anführerin: Warum die Rede der Queen so eindrucksvoll war

Wegen der Coronakrise hat Queen Elizabeth II. die erst fünfte außerplanmäßige Rede ihrer Regentschaft gehalten. Und sie trifft genau den richtigen Ton.

Queen Elizabeth II.

Queen Elizabeth II. in Windsor

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Seit 68 Jahren sitzt sie auf dem britischen Thron, ist Oberhaupt von derzeit 16 Commonwealth-Staaten - aber hätte man die Queen noch vor kurzer Zeit gefragt, was in ihrem langen Leben als Staatsoberhaupt die größte Herausforderung war, hätte sie sicher geantwortet: "Als ich zusehen musste, wie meine britischen Untertanen in den Krieg ziehen und vielleicht ihr Leben lassen müssen, wie 2003 im Irak-Krieg, insbesondere aber 1982, als mein Sohn Andrew im Falkland-Krieg dabei war und 2007 mein Enkel Harry in Afghanistan." Für sie, die ihre erste Rundfunkansprache vor 80 (!) Jahren noch als Teenager-Thronfolgerin hielt, um 1940 mitten im Zweiten Weltkrieg von ihren Eltern getrennten Kindern überall in Großbritannien Mut zu machen, gab es bislang nichts Schlimmeres, als die Bedrohung durch Bombenhagel eines feindlichen Landes.

Die Queen hält wegen der Coronakrise eine Rede

Doch weil sich Großbritannien und die Welt in diesen Monaten unversehens einem anderen Feind gegenüber sehen, hielt die fast 94-jährige Monarchin gestern Abend auf Bitte der britischen Regierung eine ihrer seltenen aktuellen TV-Ansprachen – die fünfte erst seit 1952, abgesehen von ihrer jährlichen Weihnachtsrede.

Die Menge der Covid19-Infizierten – darunter auch der älteste Sohn der Queen, Thronfolger Prinz Charles, der inzwischen wieder genesen ist – und die Zahl der Todesfälle war auf der Insel gerade in der letzten Woche immer schneller gestiegen. Man befürchtete, dass wegen des immer schöner werdenden Frühlingswetters und der bevorstehenden Oster-Feiertage viele Menschen die gerade erst eingeübten Vorsichtsmaßnahmen wie Kontaktsperren, Reiseverbot und Hygienemaßnahmen zu schnell wieder außer Acht lassen könnten.

Aufgenommen in Windsor

So schickte der britische TV-Sender BBC Ende letzter Woche einen komplett mit Schutzkleidung vermummten Kameramann nach Windsor, der die Königen dort während der rund fünfminütigen Aufzeichnung im Weißen Salon filmte, während die anderen Redakteure und Techniker in einem Nebenraum bleiben mussten. Denn natürlich gehört Elisabeth II. aufgrund ihres Altes zur am meisten gefährdeten Risikogruppe und hatte sich deshalb vorsorglich, aber natürlich auch, um anderen älteren Briten ein Beispiel zu sein, bereits vor zwei Wochen zusammen mit ihrem 98-jährigen Prinzgemahl Philip auf der Windsor-Stammburg bei London in Selbstisolation begeben. Persönlichen Kontakt hatte sie seitdem nur mit ihm und drei ihrer engsten langjährigen Angestellten gehabt.

Königin Elisabeth II. hat die Rede selbst geschrieben

Die 523 Worte ihre Ansprache hatte sie Palastquellen zufolge selbst geschrieben, mit Unterstützung ihres Mannes und ihres Privatsekretärs Sir Edward Young. Premierminister Boris Johnson, der selbst durch das Virus erkrankt ist, hatte zwar einmal drüber geschaut, aber der Queen, anders als immer wieder bei ihrer Rede zur Parlamentseröffnung, keine Worte in den Mund gelegt.

Und wahrhaft souverän war die Ansprache: Es gelang der Königin, das für die Briten im nationalen Bewusstsein immer noch sehr präsente einmalige Gemeinschaftsgefühl, das es während des Zweiten Weltkrieges im Land gab, und das massiv zum Sieg beigetragen hatte, wieder in Erinnerung zu rufen; zum Durch- und Zusammenhalten trotz aller erlebten Härten aufzurufen und den Menschen Mut zu machen.

Großes Feldlazarett im New Yorker Central Park soll Entlastung bringen

Das Schlimmste wäre zwar noch nicht so bald überstanden, so die Königin, aber man solle der Hoffnung Gewiss sein, dass es am Ende für die Allermeisten ein Wiedersehen mit Familie und Freunden geben würde. Bis dahin müsse man möglichst ruhig und positiv bleiben, damit künftige Generationen von Briten mit Stolz und Hochachtung auf diese Zeit zurückblicken könnten, so setzte die Monarchin die jetzige Krise geschickt in einen größeren geschichtlichen Zusammenhang.

Eindrucksvoll auf den Punkt formuliert

So eindrucksvoll und auf den Punkt formuliert gelang der königliche Appell an den Kampfgeist und das Selbstbewusstsein der Nation, dass sogar aus dem Nicht-Commonwealth-Ausland danach viele Stimmen laut wurden, die sich offen ein solch' einigendes Staatsoberhaupt, eine solch' glaubwürdige und vorbildhafte Anführerin wie sie in der Pandemie-Krise wünschten.

In den letzten Jahren hatten auch der Monarchie wohlmeinend gegenüberstehende Politiker und Journalisten im Hinblick auf die Zeit nach Elisabeth II., und wie man ihre Regentschaft im Nachhinein beurteilen würde, oft ein wenig abschätzig geurteilt. Sie habe zwar immer sehr diszipliniert und zuverlässig als Landesmutter gewirkt, aber als ein zweites "elisabethanisches Zeitalter" würde man ihr Wirken mangels herausragender Eigenleistung dann eher nicht bezeichnen.

Das könnte sich seit gestern Abend geändert haben. 

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  • Catrin Bartenbach
    Catrin Bartenbach