HOME

Dustin Hoffman: "Es geht nicht mehr um wilden Sex"

Auch mit 70 Jahren denkt Schauspieler Dustin Hoffman nicht ans Aufhören. Im Interview mit stern.de plaudert der Hollywood-Star über seinen neuen Film "Mr. Magoriums Wunderladen", sein Leben als Großvater und Sex im Alter.

In Ihrem jüngsten Film "Mr. Magoriums Wunderladen" spielen Sie einen Charakter, der 243 Jahre alt ist. Würden Sie gerne im wirklichen Leben so alt werden?

Nun, solange ich gesund bin, warum nicht? Ich bin jetzt 70 Jahre alt. Und ich kann Ihnen sagen, dass ich das Leben nicht mehr in Jahren zähle. Ich sehe es eher als Akt. Wie beim Theater. Die letzte Szene im dritten Akt ist dann gleichzusetzen mit dem Verfall des Körpers, mit der Veränderung unseres geistigen Zustandes.

Wie gehen Sie denn mit dem Alter um?

Ich beobachte alte Leute auf der Straße und sage dann zu meiner Frau: Schau mal, was mit uns passieren wird, wenn wir Glück haben. Ich liebe diese Storys über Menschen, die 100 Jahre und älter werden. Jedes Jahr im Leben ist ein geschenktes Jahr für mich.

Haben Sie ein Geheimrezept für ein glückliches Leben?

Ich verschwende heute kaum noch Zeit. Ich genieße jeden Moment in meinem Leben. Ich bin jetzt 30 Jahre verheiratet und meine Frau hat eine wunderschöne Seele. Ich bin der glücklichste Ehemann auf der Welt.

Sie haben sechs Kinder und diverse Enkelkinder. Wie ist Dustin Hoffman so als Opa?

Es ist wunderbar. Als Elternteil kannst du die Privilegien, die mit Kindern kommen, nicht wirklich genießen, weil du zuviel Verantwortung mit dir herumträgst. Aber als Großeltern können wir die Kleinen jetzt total genießen. Es macht einfach riesigen Spaß.

Was vermissen Sie heute in Ihrem Leben?

Wenn wir auf die Welt kommen, dann umgibt uns eine gewisse Reinheit, die wird uns mit den Jahren immer mehr genommen. Menschen lachen dich aus, weil du anders bist. Uns wird über die Jahre immer mehr beigebracht, dass wir uns anpassen müssen. Diese Reinheit meiner Kindheit vermisse ich manchmal.

Aber Sie haben doch Ihre Karriere darauf aufgebaut, dass Sie immer ein bisschen anders waren als Ihre Kollegen.

Ich habe immer versucht, mich unzensiert auszudrücken. Aber ganz im Ernst: Ich glaube, dass es meine Nase ist, die mir eine Karriere in Hollywood ermöglicht hat (lacht). Schauen Sie sich den Zinken doch einmal an.

Haben Sie jemals an sich gezweifelt?

Ich habe irgendwann einmal gemerkt, dass meine Identität dann am stärksten zum Ausdruck kommt, wenn ich mich in jemand anderen verwandle. Ich werde irgendwann einmal meinen letzten Gang antreten, vor den lieben Gott treten und glauben, dass eine Kamera auf mich gerichtet ist. Wenn wir ehrlich sind, dann suchen wir doch alle ein ganzes Leben lang nach unserem eigenen Ich, oder?

Haben Sie immer noch den Drang, jeden Tag zur Arbeit gehen zu müssen?

Vielleicht nicht jeden Tag, aber ja, ich arbeite immer noch gerne. Künstler hören nicht auf zu malen, nur weil sie das Rentenalter erreicht haben. Autoren hören nicht auf, Bücher zu schreiben im Alter. Ich habe keine Lust, mich in die Pension zu verabschieden, weil meine Kunst mich noch immer sehr begeistert. Ich höre dann auf, wenn mich die Schauspielerei nicht länger erfüllt.

Sie wirken mit Ihren 70 Jahren oftmals noch immer wie ein Kind, das voller Energie nach dem Leben greift. Täuscht dieser Eindruck?

Nein, der täuscht nicht. Spirit und Energie zählen im Leben. Ich mag Menschen nicht, die sich wie Erwachsene benehmen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich weiß um die Verantwortung in der Erwachsenen-Welt, aber ich bin ein großer Anhänger der Freigeistler. Sie können dir das Gehirn rausoperieren, aber deinen "Spirit" kann dir keiner nehmen.

Haben Sie ein Motto im Leben?

Das ist eine schwierige Frage. Unlängst hab ich ein Zitat gelesen, das meinem Motto sehr nahe kommt. Es stammt von Picasso. Er soll gesagt haben: "Sie können mir meine Farbe nehmen, dann male ich mit Buntstiften. Sie können mich nackt ausziehen und in eine Zelle werfen, dann spucke ich in meine Hand und male an den Wänden." Das sagt es ganz gut aus, finden Sie nicht?

Sie spielen oftmals unkonventionelle Charaktere. Sind Sie auch im wirklichen Leben ein unkonventioneller Vater gewesen?

Ich würde mal sagen, dass ich schon eher unkonventionell bin. Wollen Sie wissen, wie ich meinen Sohn aufgeklärt habe?

Ja, unbedingt.

Ich habe einen ganzen Karton Kondome gekauft. Und die habe ich dann auf sein Bett geworfen, als er 15 Jahre alt war. Dann habe ich ihm gesagt, dass er die Dinger bloß benutzen soll. Und das war unser Sex-Talk.

Trauen Sie sich auch mit 70 Jahren noch zu, einen Mann mit gewisser Libido zu spielen?

Nett, wie Sie das Wort Geilheit umgangen haben (lacht). Na ja, ich verrate Ihnen mal etwas: Im Alter geht es nicht mehr nur um wilden Sex. Das ist viel zu sehr Hollywood-Kino. Sex hat für mich etwas mit Kuschelei, mit Anschmiegsamkeit, Streicheln und Lachen zu tun. Das finde ich total sexy.

Hat man denn im Alter überhaupt noch Sex?

Das habe ich mal mit meiner guten Freundin Barbra (Streisand) am Filmset von "Meet the Fockers" diskutiert. Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass wir beide rund siebenmal in der Woche Sex haben. Die Streisand davon sechsmal, ich nur einmal (lacht).

Aber mal im Ernst, wird der Sex im Alter besser?

Absolut. Du wirst einfach viel freier, bist weniger eingeschüchtert, spürst den Druck nicht mehr so. Leider war ich ein Teenager, als ich mit meinem Sexleben begann. Und meine Freundinnen haben sich immer darüber beschwert, dass ich viel zu früh gekommen bin. Wenn du älter bist, kann das ein Vorteil sein. Heute komme ich auch noch zu früh, aber es dauert trotzdem eine gute Stunde (lacht).

Interview: Frank Siering, Los Angeles

Themen in diesem Artikel