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Sexismus-Debatte Der Fall Weinstein: Das Monster ist weg - was bleibt?

Harvey Weinstein
Jahrzehntelang kam Harvey Weinstein mit unvorstellbarem Verhalten durch, jetzt kommt Bewegung nach Hollywood
© Pacific Press/Getty Images
Es war das Jahr, in dem die Frauen ihr Schweigen brachen: Nach dem unfassbaren Belästigungsskandal um Hollywood-Mogul Harvey Weinstein schwappte eine Welle der Empörung um die Welt. Doch was bleibt davon?

Kürzlich geriet der britische Moderator John Oliver mit Hollywoodstar Dustin Hoffman in einen öffentlichen Streit. Hoffman soll vor Jahren einer minderjährigen Praktikantin am Set an den Hintern gefasst haben, eine weitere Frau wirft ihm sexuelle Belästigung vor. Der Schauspieler tat die Vorwürfe als harmlos ab, gab an, dass dieses Verhalten nicht seinen Werten entspräche. Damit war die Sache erledigt. Für ihn zumindest.

Denn Oliver bohrte nach - und Hoffman wurde merklich wütend. Irgendwann in dem Gespräch sagte Oliver: "Es macht mir auch keinen Spaß, diese Konversation zu führen. Aber du und ich, wir sind nicht die Opfer hier." Er sprach etwas Wichtiges an: Veränderung kommt nicht durch einfache Hashtags und Tweets, Veränderung kommt nur, wenn es vorher unangenehm wird.

Was kommt nach dem Weinstein-Skandal?

Der Skandal um den Film-Produzenten Harvey Weinstein, der jahrzehntelang Frauen belästigt haben soll, hat dieses Jahr nicht nur in Hollywood, sondern weltweit für Aufsehen gesorgt. Auch in Deutschland machte der #MeToo-Hashtag die Runde - nach #Aufschrei, #Ausnahmslos oder #ImZugPassiert ein weiteres Sammelbecken für den Alltagssexismus auch bei uns. Sie helfen, sich nicht alleine zu fühlen, geben einen Überblick auf das schiere Ausmaß der Vorfälle. Aber was bleibt davon im Alltag hängen? 

Viel wichtiger als die Hashtags im Netz sind die Debatten im echten Leben. Und diese Debatten sind anstrengend, oftmals entmutigend und unbequem. Natürlich ist es leichter, einfach alles beim Alten zu lassen. Achselzuckend "boys will be boys" zu sagen, und über Klischee-Witze mitzulachen. Und die betroffenen Frauen als Männerhasser darzustellen, die nur Rache und Geld wollen oder sich wegen Kleinigkeiten anstellen. 

Es muss unbequem werden - in der Öffentlichkeit und im Freundeskreis

Denn ja: Im Vergleich zu den Weinstein-Vorwürfen hören sich Hoffmans Vergehen erst einmal harmlos an. Die Versuchung ist groß, nicht wie John Oliver zu bohren, sondern darüber hinwegzulächeln. Es ist immerhin Dustin Hoffman. Oscar-Gewinner! "Tootsie"-Darsteller! Jemand, den man mögen will. Aber Hoffman bedient und festigt mit seinem Verhalten das vergiftete Muster von einem Mann mit Macht, der glaubt, sich alles erlauben zu dürfen. Wenn es okay ist, über Frauen herzuziehen und ihnen ungefragt an den Hintern zu fassen, dann ist ein Umfeld geschaffen, in dem sexuelle Gewalt nicht weit weg ist. Der Respekt fehlt. Und genau deshalb konnte John Oliver nicht schweigen.

Die Weinstein-Affäre hat dazu geführt, dass viele Menschen das Ausmaß des Schreckens vor Augen haben - und wie John Oliver nicht länger stillschweigend mitmachen können. Steven Spielberg forderte jüngst einen Verhaltenskodex für die Filmbranche, ein britischer Minister musste wegen Belästigungen zurücktreten, das "Time"-Magazine kürte die Frauen, die das Tabu brachen, gemeinschaftlich zur Person des Jahres. Das ist bemerkenswert und zeigt, dass sich gerade etwas tut in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von alltäglicher Frauenfeindlichkeit. Doch damit das Ganze nachhaltig ist, müssen diese unbequemen Gespräche, in der Öffentlichkeit wie auch im Familien- und Freundeskreis, immer wieder geführt werden. 

Es wäre so viel leichter, Dustin Hoffman weiter für seine Filme zu feiern, Kevin Spacey für cool zu halten, Bill Cosby zu mögen. Oder die sexistischen Witze vom Cousin/Kumpel/Arbeitskollegen lächelnd zu ertragen. Des lieben Friedens willen. Es wäre leichter, aber es geht nicht mehr. Vielleicht ist es genau das, was bleibt von #MeToo und Co. Und das ist keine Kleinigkeit.

Harvey Weinstein: Chronologie der Vorwürfe sexueller Belästigung und mutmaßlicher Vergewaltigung

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