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Elizabeth II.: Lebenslänglich Queen

In ihrem Alter sind die meisten Frauen schon lange in Rente: Doch Königin Elizabeth II. denkt nicht ans Aufhören. Drei Generationen hat sie inzwischen geprägt. stern.de-Redakteur Jens Maier erinnert sich an sein erstes Erlebnis mit der Queen.

Der 29. Juli 1981 war ein heißer Sommertag. Ich kam gerade aus dem Schwimmbad und durfte ausnahmsweise mittags Fernsehgucken. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass der Thronfolger eines europäischen Königshauses heiratet. In einer weißen Kutsche fuhren Prinz Charles und Lady Di durch London. Tausende jubelten dem frisch vermählten Paar zu, Millionen verfolgten die Trauung an den Fernsehschirmen. Eine Prinzenhochzeit live - das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Und da war auch sie. In einem himmelblauen Kostüm mit passendem Hut winkte sie neben dem Hochzeitspaar fröhlich vom Balkon des Buckingham Palace herunter: Queen Elizabeth II. Es war das erste Mal, dass ich die britische Königin bewusst wahrgenommen habe. Wo denn ihre Krone sei, fragte ich damals meine Mutter. Danach habe ich mir Königinnen immer wie sie vorgestellt - im himmelblauen Kleid.

Meine erste Begegnung mit der Queen ist mittlerweile 25 Jahre her. Und sie regiert ihr Land immer noch - fast 53 Jahre auf dem britischen Thron. Weder ich, Jahrgang 1974, noch meine Mutter, Jahrgang 1955, haben jemals eine Zeit ohne Queen Elizabeth II. erlebt. Nur meine Oma kann sich noch daran erinnern, wie es damals war, als 1952 König George VI. starb, und seine 26-jährige Tochter Elizabeth Alexandra Königin wurde. Erstmals übertrug das Fernsehen eine Krönung live in alle Welt. Und da meine Oma damals noch keinen Fernseher hatte, hat sie sich das Ereignis bei einem Nachbarn angesehen.

Happy Birthday, Elizabeth II.

Auch heute hat das Fernsehen wieder live die Queen übertragen, wie mittlerweile wohl schon zum mehr als tausendsten Mal. Auch der Anlass ist ein besonderer: Elizabeth II. feiert ihren 80. Geburtstag. Mit einem strahlenden Lächeln nimmt sie vor Schloss Windsor Glückwünsche von ihren Untertanen entgegen. Eine Kapelle spielt "Happy Birthday", als sie durch das Schlosstor tritt. Sie trägt einen himbeerfarbenen Mantel und einen passenden federbesetzten Hut. Hunderte Menschen haben sich versammelt, schwenken britische Flaggen und überreichen der Queen kleine Geschenke. Elizabeth hat allen Grund zum Feiern. Sie ist beliebt wie noch nie. Neun Premierminister hat sie überlebt, und in Umfragen überflügeln ihre Popularitätswerte regelmäßig die aller Politiker. Gebrechlichkeiten sind nicht bekannt, die Königin des Pflichtbewusstseins drückt immer noch Hände in aller Welt. Monarchie-Hasser gibt es auch auf der Insel nach wie vor, aber man hört ihnen nicht zu.

"Wir lieben sie über alles und hoffen, dass sie noch weitere 20 Jahre regiert", sagt die 65-jährige Colin Edwards aus Wales in die Kameras. So denken die meisten Briten. Nach einer Umfrage des Fernsehsenders ITV ist sie das beliebteste Mitglied der königlichen Familie. Nur ein einziges Mal entlud sich ein Sturm der Entrüstung über sie: Als Prinzessin Diana tragisch ums Leben kam, und Elizabeth II. es nicht für nötig hielt, die britische Flagge als Zeichen der Trauer über dem Buckingham Palace auf Halbmast zu setzen. Doch auch diese Krise hat sie überstanden, ebenso wie zahlreiche andere Rückschläge: Gescheiterte Ehen der Kinder und so manche Eskapaden der Enkel kratzten am Image der Royals.

Sollte die Queen zu Gunsten von Prinz Charles abdanken?

Ein Job auf Lebenszeit

Doch all das scheint an ihr abzuprallen. Vielleicht, weil sich Elizabeth in all den Jahren nie eine Pause gegönnt hat, die Regentschaft kam vor Ehe und Familie. Schon als jung verheiratete Prinzessin, als von Pflichterfüllung noch keine Rede war, hat sie ihre vier Kinder den Nannys überlassen. Und ihre Ehe mit Prinz Philip dauert inzwischen 57 Jahre, auch eine Form der Pflichterfüllung. Und als ihre Pflicht sieht die Monarchin es offenbar auch an, ihre Regentschaft bis zum Lebensende auszufüllen. Das Wort Abdankung kam noch nie über ihre Lippen, obwohl ihr Sohn Prinz Charles mit 58 Jahren ebenfalls schon aufs Rentenalter zusteuert.

Lebenslang Königin - so wird es Elizabeth II. nach Einschätzung ihrer Vertrauten, Gräfin Mountbatten, halten. Die Queen werde niemals abdanken, so die 82-jährige Countess im Sender BBC. "Sie sieht ihren Job definitiv als einen Job auf Lebenszeit an." Mit 80 Jahren müsse sie jetzt allerdings etwas kürzer treten, so dass Prinz Charles mehr Verpflichtungen übernehmen werde. Auch Journalist Peter Oborne denkt nicht, dass die Königin zurücktreten wird. Der Autor des britischen "Spectator" schreibt im Magazin "Park Avenue", "sie wird nicht zurücktreten, sondern sie bleibt, solange sie kann." "Für Charles wäre der Rücktritt ein Segen", so Oborne, aber: "Rücktritte haben in der britischen Monarchie keine Tradition." Das Land brauche gerade jetzt eine starke Monarchie.

"Großbritannien ist in einer Zeitmaschine gefangen" kritisiert Mary Riddell im "Observer". Sie argumentiert, dass ihre lange Regentschaft überfällige Reformen der Institutionen verhindert hat. "Obwohl ihre Säulen weggebrochen sind, blieb die Monarchie konserviert. Als Nation leben wir alle in Neverland." Doch das Volk scheint glücklich im Neverland zu sein. 57 Prozent der Untertanen wollen laut einer Umfrage, dass die Königin bis zum Tod auf dem Thron bleibt. Und wenn Elizabeth die guten Gene ihrer Mutter geerbt hat, Queen Mum wurde 101, muss ich noch lange warten, ehe ich wie meine Oma, eine Thronbesteigung eines britischen Monarchen im Fernsehen angucken kann. Und mit ihr wird dann eine Ära zu Ende gehen.

Jens Maier