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Erfinder Werner Dutz: Mit einem Butterspender zum Millionär?

Utopisten, Genies, Pioniere: Von Erfindern erwartet man Geistesblitze zur Lösung der großen Probleme dieser Welt. Tüftler Werner Dutz dagegen schuf einen Butterspender - das kleine Glück in der Krise.

Von Olga Kuhlbrodt

Wer kennt es nicht, am Frühstücksbuffet: matschige Butterklumpen in Eiswasser oder geschmolzen mit Leberwurstresten vom Vorgänger. Bisher einzige Alternative: fettige Finger und verzweifelte Fummelei an der hygienischen Miniaturbutter. Für Werner Dutz aus dem niedersächsichen Werlte war das Maß voll, als sein Vordermann in die Butter nieste. Durch das Gegenlicht durfte er beobachten, wie die Tropfen langsam rieselten. Seine Erfindung gegen die Schmierschlacht: ein Butterspender. Ein echter Abräumer.

Denn die Alltäglichkeit avancierte auf der Internationalen Erfindermesse im April 2009 zum Liebling der Messebesucher. Den Publikumspreis aus Genf erhielt damit erstmals eine deutsche Erfindung. Praktisch, bodenständig und ein wenig bieder. Ein Apparat, dessen Name sich anhört wie der Titel zu einem Sketch von Loriot. Mit ihm gewann Werner Dutz auf dem Schweizer Genie-Gipfel außerdem eine Goldmedaille und das Prädikat "Mit höchsten Empfehlungen des Preisgerichtes". Besser kann's kaum laufen. Besonders der Publikumspreis ist wichtig: Er gibt den Tüftlern sofortige Rückmeldung darüber, wie ihre Produkte bei den Verbrauchern ankommen, wo die größte Nachfrage besteht. Findet eine Idee großen Anklang, bedeutet das für den Erfinder Investoren, Produktionspartner, und irgendwann auch Gewinne.

Warum aber stößt gerade eine Küchenbanalität auf solche Begeisterung? An mangelnder Konkurrenz auf der Messe kann es nicht gelegen haben: 710 Erfindungen aus 45 Ländern waren dort ausgestellt. Gleichzeitig haben "diverse potenzielle Investoren und Produzenten ihre Teilnahme wegen der großen Finanzkrise kurzfristig abgesagt", wie der Präsident der Messe Jean-Luc Vincent dem "Tages-Anzeiger" verriet. Viele Erfinder plus wenig Investoren - das machte es noch schwieriger, Interessenten zu finden.

Acht Jahren für einen Butterklacks

Dennoch hatte Dutz Erfolg: Während Erfinder häufig ihrer Zeit voraus sind, ist Werner Dutz in seiner fest verankert. Der Butterspender ist zwar eine Banalität, aber eine, die auf ein Bedürfnis trifft. Das Gerät erinnert an eine Kaffeemaschine. Mit jenem unverwechselbaren Großküchendesign aus Edelstahl und Plastik-Hartschale. Hinein passen mehrere Kilo Butter, die zu Kleinportionen verarbeitet werden. Kurz vor der Ausgabe erwärmt der Spender das Fett, damit es streichfähig zu bändigen ist. Drückt der glückliche Hotelgast außen den Knopf, plumpst die Portion auf seinen Teller. Ein Klacks, wenn man weiß, wie's geht. Nach einer Lösung für das Butterproblem sucht die Branche seit Jahren, Herr Dutz brauchte acht. Vor allem das Prüfungsverfahren beim Europäischen Patentamt nahm viel Zeit in Anspruch. Jetzt aber hat Dutz umfassenden Patentschutz und kann unliebsame Nachahmer gründlich vom Tisch wischen.

Acht Jahre für einen Butterspender. Ein Kraftakt. Manch anderer hätte das Handtuch geworfen. Dutz hat überlebt, mit einem Arsenal an Lebensweisheiten. Eine davon: "Man zeigt erst dann etwas vor, wenn es fertig ist." Die Entwicklungskosten hat der auf Strategie, Organisation und Marketing spezialisierte Unternehmensberater durch Eigeninvestition finanziert. Seine Firma ilotec diente dem Zweck, das Gerät zu entwickeln. Die Leute im Dorf wunderten sich. Keiner wusste, was der Dutz da im Geheimen trieb. Dann endlich der Durchbruch und ein Platz in der Öffentlichkeit: Im November 2008 gewinnt er bereits auf der deutschen Erfindermesse iENA in Nürnberg die Goldmedaille.

Eine Wüste, die bebuttert werden will

"Die acht Jahre waren eine Ochsentour an der Grenze der Leistungsfähigkeit", erinnert sich Werner Dutz. "Eine technisch anspruchsvolle Erfindung tatsächlich umzusetzen, ist sehr ernüchternd. Es braucht viel Zeit und noch mehr Geld. Erst am Ende weiß man: Wird es ein Erfolg? Lohnt sich das investierte Geld? Wie weit geht der patentrechtliche Schutz? Wenn ich mich frage, ob ich das noch mal machen würde, ist die Antwort eher 'Nein'."

Das braucht er wahrscheinlich auch nicht, denn der Butterspender könnte sich als Goldgrube erweisen. Solch ein Produkt gab es noch nie und es trifft auf eine Marktlücke. Doch die Vermarktung durch ilotec steht erst am Anfang. "Die richtigen Investoren und Produzenten zu finden, ist zwar nicht leicht“, erklärt Dutz, "aber mit dem Triumph auf der Messe in Genf und dem immer größer werdenden Medieninteresse im Rücken werden sich jetzt auch die richtigen Partner finden. Es gibt schon sehr konkrete Kontakte und Verhandlungen." Er strotzt vor Optimismus, gibt Einblicke in seine Welt: ein neuer, großer Markt. Eine Wüste, die bebuttert werden will. Abnehmer rund um den Globus: Hotels, Kreuzfahrtschiffe, Kantinen, Mensen, Fast-Food-Ketten, Altersheime, Ganztagsschulen, Molkereien - und Dutz mittendrin.

"Eine gesunde Mischung aus Donald und Dagobert Duck"

"Die Marktaussichten des Butterspenders sind schwindelerregend", sagt Werner Dutz und bekommt dabei einen kleinen Höhenkoller. "Das Produkt hat gewaltige Umsatzperspektiven." Er schwärmt, schwelgt in Zahlen: "Wenn das gelaunched wird, knallt's am Markt: allein in Europa gibt es rund 200.000 Hotels." Und ein Vielfaches davon weltweit. Dutz erwartet Millionengewinne. Hört man zu, wird einem auch ein wenig schwindelig. Fast möchte man ihm den Triumphzug um die Erde glauben. Seine Begeisterung ist ansteckend. Der Butterspender als Virus, das die Weltbevölkerung infizieren könnte.

Wenn Dutz über die wirtschaftliche Ausbeute seiner Erfindung spricht, wirkt er weniger wie ein Erfinder. Mehr wie ein Marketing-Chef, der die Werbetrommel rührt. Seine Vokabeln sitzen: "Weltneuheit, Umweltnutzen, Imagetransfer, realistische Vermarktungsperspektiven, echte Wertschöpfung." Es regnet Worte. Dutz präsentiert sich als einer, der Probleme erkennt und Lösungen sucht. Selfmade-Man statt Vordenker. Pragmatismus statt Avantgarde. Thomas Edison? Fehlanzeige. Auch Daniel Düsentrieb ist keine Figur, die er besonders gerne mochte: "Vogelnester auf dem Kopf sind nichts für mich. Eine gesunde Mischung aus Donald und Dagobert Duck entspricht mir mehr." Den Dagobert nimmt man dem gelernten Groß- und Außenhandelskaufmann, der vor seiner Selbständigkeit zum Geschäftsführer aufstieg, schon mal ab. Auch Fernseh-Comedian Alfons, der auf der Messe sein Späße trieb, sagte Dutz das ins Gesicht: "Sie sehen eher aus wie ein Bankvorstand."

Dutz ist in keinem Erfinder-Club, hat kaum Szenekontakt, nur zwei Patente und eine Internetseite. Und trotzdem Erfolg - oder gerade deswegen? Sein Tipp fürs harte Leben: "Es ist wichtig, dass man weiß, was man will - Weltverbesserung oder eine marktgerechte Idee. Dann Kreativität und Stehvermögen. Sie glauben gar nicht, wie viel Frustration da war, bis die Butter das gemacht hat, was wir wollten."

Aber wieso sollten Investoren so versessen sein auf die Eroberungs-Pläne aus der Provinz - gerade in Krisenzeiten? Dutz hat sogleich die Antwort parat: "Für ein produzierendes Unternehmen ist der Butterspender reizvoll, weil es eine sichere Investition ist. Etwas Handfestes, keine Luftblase."

Anscheinend ist der Erfolg eines banalen Küchengeräts vor allem eine Frage des Sicherheitsdenkens. Keine Experimente, dafür Bodenständigkeit. Dass ausgerechnet Butter dabei eine zentrale Rolle spielt, verwundert nicht. Denn der Zusammenhang zwischen Krise und Butter ist nicht neu: Seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es den Ausdruck "gute Butter". In Kriegs- und Krisenzeiten war sie ein kaum erschwingliches Mangelprodukt. Man griff stattdessen auf Margarine oder Ersatzfettkombinationen zurück. Butter kam nur bei besonderen Gelegenheiten auf den Teller. Bis heute steht sie, psychologisch betrachtet, für Genuss, Kraft, Wohlstand und Erfolg. Ein dick mit Butter bestrichenes Brot ist außerdem Ausdruck mütterlicher Wärme. Man tut sich etwas Gutes mit dem kleinen Glück in der Hand. Butter wird zum Messwert: Solange es sie gibt, ist das Leben in Ordnung. Butter gibt Halt und das, wonach Menschen sich sehnen.

Der Butterspender von Werner Dutz funktioniert im Kopf. Gerade richtig für krisengeschüttelte Zeiten. Falls es aber soweit kommen sollte, dass Butter wieder Mangelware wird: kein Problem, der Butterspender läuft auch mit Margarine. Dutz hat vorgesorgt, für alle Fälle.