HOME
stern-Porträt

Debatte um Vergewaltigung: Die Wandlung der Gina-Lisa Lohfink

Gina-Lisa Lohfink ist zum Symbol geworden im Kampf um die Rechte Vergewaltigter. Nahaufnahme einer Frau, die für ihren Traum vom Rampenlicht einen hohen Preis zahlt.

Von Sylvia Margret Steinitz

Gina-Lisa Lohfink

Gina-Lisa Lohfink, 29, in ihrem Wohnort Hainburg im Landkreis Offenbach

Mit so wenig Make-up würde sie sonst nie vor die Kamera treten, sagt Gina-Lisa. Und wie soll das überhaupt gehen – sich fotografieren lassen, ohne zu posen? Was werden denn das für Bilder? Nun, erklärt die Fotografin, das gibt Bilder, auf denen nicht das Model Gina-Lisa zu sehen ist, sondern der Mensch dahinter. Gina-Lisa starrt die Fotografin ein paar Sekunden lang an. "Das will ich aber nicht" , sagt sie dann. Und: "Mich knackt ihr nicht."

Auch wenn sie sich schließlich doch noch weiter fotografieren lässt – dieser Moment beim Shooting verrät mehr über Gina-Lisa Lohfink als die meisten ihrer Interviews. Seit fast zehn Jahren inszeniert sich die heute 29-Jährige als Männertraum und It-Girl, verdient ihr Geld als Reality-TV-Star, Model, Werbe-Testimonial und Partygast.

Zurzeit singt sie mit einem wenig bekannten Mann namens Florian Wess als "Barbie und Ken" Coverversionen von 90er-Jahre-Hits. Unvergessen geblieben ist ihr Auftritt bei "Germany's next Topmodel" im Jahre 2008, wo sie zwar früh rausflog, aber auf unnachahmliche Weise "Zack, die Bohne!" sagte.

Fall Lohfink gerät ins Zentrum der politischen Debatte

Ausgerechnet diese Frau ist nun zur Symbolfigur im Kampf um eine Reform des Sexualstrafrechts geworden. Auch wenn über die Geschichte, die sie zu erzählen hat, bis heute gestritten wird.

Sicher ist: Im Juni 2012 zeigte Lohfink zwei Männer an. Sie warf ihnen vor, dass sie gegen ihren Willen sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen und diese auf Video festgehalten hätten. Die Aufnahmen waren verschiedenen Medien zum Kauf angeboten worden und schließlich im Internet gelandet. Klickzahl: über eine Million.

In der Folge wurde einer der Männer wegen der Verbreitung des Materials verurteilt, der andere ist untergetaucht, das Verfahren gegen ihn vorläufig eingestellt. Für eine Vergewaltigung gab es in den Augen der zuständigen Staatsanwältin keine ausreichenden Beweise. Der Anwalt der beiden Männer behauptete auch kürzlich noch, Gina-Lisa Lohfink habe den Sex mit seinen Mandanten genossen. Sie hingegen argwöhnte schon früh, dass man ihr womöglich K.-o.-Tropfen eingeflößt habe, und bekam im Dezember 2015 einen Strafbefehl wegen falscher Verdächtigung. Zu zahlen: 24.000 Euro. In diesen Tagen nun wird über ihren Einspruch dagegen gestritten, vor dem Amtsgericht Berlin – und auch im Rest der Republik.

Bis zum 8. Juli will der Bundestag ein verschärftes Sexualstrafrecht beschließen. Und so gerät der Fall Lohfink nun ins Zentrum der politischen Debatte, weil er Fragen aufwirft, die weit über die Causa selbst hinausgehen. Wann soll Sex als Vergewaltigung gelten? Was muss das Opfer tun oder sagen, um klarzumachen, dass es nicht will? Wie kann es später beweisen, dass es eben das getan oder gesagt hat? Inzwischen beschäftigen sich nicht nur Boulevard-, sondern auch Qualitätsmedien mit Gina-Lisa Lohfink. Familienministerin Manuela Schwesig hat sich geäußert, Justizminister Maas hat betont, dass er bereits einen neuen Vorschlag für ein modifiziertes Sexualstrafrecht parat habe, in den sozialen Medien wird der bekannte feministische Slogan "Nein heißt nein" verbreitet, und für den nächsten Verhandlungstag in der "Strafsache Gina-Lisa Lohfink" am 27. Juni ist eine Solidaritätskundgebung vor dem Gerichtsgebäude in der Berliner Turmstraße geplant.

Zu den Menschen, die diese Entwicklung gewaltig überrascht, gehört nicht zuletzt Gina-Lisa Lohfink selbst. Nichts in ihrem Leben hatte je darauf hingedeutet, dass sie Thema für Regierung und Feministinnen werden könnte.

Lohfink: "Misswahlen sind wie eine Sucht"

Sie kommt aus Seligenstadt, einem 20.000-Einwohner-Ort in Hessen. Die Mutter gibt ihr den ersten Vornamen, Gina, er klingt nach Glamour und einem besseren Leben. Der Vater bestimmt den zweiten Namen, Lisa, wie das Mädchen aus Bullerbü, einer heilen Kinderwelt, die beide Eltern, so Lohfink, nicht kennen, und die sie auch für ihre Tochter nicht zu schaffen vermögen.

Die Mutter geht zum nächsten Mann und bekommt mit ihm zwei Töchter. Gina-Lisa kümmert sich mit um ihre Halbgeschwister, kocht, putzt, duckt sich. Mit zwölf Jahren zieht sie zur Großmutter, die ihr ein Anker wird. Das Gute im Schlechten suchen, das habe sie von ihr, sagt Lohfink. Und den Vorsatz, "etwas in der Hand haben zu wollen", womit man sein Geld verdienen kann.

Gina-Lisa Lohfink macht eine Ausbildung zur Arzthelferin, arbeitet eine Weile in einem Behindertenheim. Doch der Traum vom Berühmtsein, den so viele Mädchen der Generation Reality-TV träumen, treibt sie in die Discos. Dort werden Misswahlen abgehalten, dort wird man entdeckt. Sie wird "Miss Frankfurt" und "Miss Darmstadt" , setzt das ein, was sie voranbringt: ihr Aussehen, ihre Ausstrahlung, ihren prolligen Humor. Später wird sie sagen: "Misswahlen sind wie eine Sucht."

2008 ist das Jahr, in dem Gina-Lisa Lohfink tatsächlich berühmt wird. Yüksel D., ursprünglich aus der Modebranche, hat sich zu ihrem Helfer aufgeschwungen, fährt sie zu ihren Terminen, kommt ihr näher. Eines Abends haben sie Sex, und D. dreht ein Video. Als sich Lohfink bald darauf bei "Germany's next Topmodel" einen Namen macht, verscherbelt D. das Video an verschiedene Medien. D. beharrt bis heute darauf, dass Gina-Lisa dafür gewesen sei, das Video zu Geld zu machen. Sie sagt: "Ich habe nicht gewusst, dass er das Ding verkaufen will – aber ich wusste auch nicht, was man dagegen machen kann."

Das Mädchen verschwindet hinter einer Fassade

Erst mit den Jahren wird Gina-Lisa Lohfink professioneller. Und macht dicht. Schritt für Schritt verschwindet das Mädchen mit den Sommersprossen und dem blonden Bubikopf hinter einer Fassade, die immer weiter verziert und verstärkt wird: Lippen aufspritzen, falsche Wimpern, Kunstnägel, Silikon in die Brüste. Das C-Körbchen ist Blickfänger, aber auch Barriere. Aus Gesten werden Posen.

2011 hat Lohfink ihre erste Managerin, Alexandra Sinner, Hessin wie sie selbst, sie wird zu einer Art großen Schwester, organisiert Termine in Berlin, Frankfurt, Mallorca, der Türkei, Wien. Lohfinks Auftritte im Reality-TV sind das Gerüst, um das herum ihr eigentliches Geschäft läuft: Man kann sie für Cluberöffnungen oder Produktpräsentationen buchen, dann macht sie eine gute Figur vor Autos, am Arm eines Geschäftsmanns, sammelt Spenden oder ist einfach nur da. Sie ist im "Playboy" zu sehen, fungiert als Safer-Sex-Botschafterin bei der Erotikmesse "Venus". Ein paar Hundert oder auch mehrere Tausend Euro kann so ein Auftritt bringen, je nach aktuellem Marktwert, der nach Sendezeit bemessen wird. Plus Flug, Hotel – und Visagistin. Ohne Visagistin geht gar nichts mehr.

"Ich hab jahrelang nur aus dem Koffer gelebt", sagt Lohfink. Einen Job abzulehnen, das wage sie nicht. "In meinem Geschäft kann es so" – sie schnippt mit den Fingern – "von heute auf morgen vorbei sein."

Ihr Privatleben ist nie privat, denn auch das Private wird in ihrem Business stets Teil der Show. "Du triffst Männer ja auch nur bei der Arbeit. Dann landet das sofort in der Zeitung." Marc Terenzi, der Ex von Sarah Connor, verschiedene Männer aus der Reality-TV-Szene, Fußballer – flüchtige Begegnungen oder Kurzzeitverbindungen. "Das hat alles nie lang gehalten, ich hatte zu viel zu tun, die hatten zu viel zu tun. Liebe und so, das hat in diesem Geschäft nicht viel Platz."

In dieser Art Leben ist es schon anstrengend, einfach nur da zu sein. Bei einem Charity-Event in Dresden, zu dem der stern sie im Februar begleitet, wird Lohfink umlagert wie ein großer Star. Mehr als die Hälfte der Leute, die sie ansprechen, sind junge Frauen. Jede bekommt ein Selfie, ein Autogramm, einen Spruch aufs Handy. "Ich musste ihr ständig die Leute vom Leib halten", erinnert sich ihre Managerin Alexandra Sinner, "Gina-Lisa, ein Foto. Gina-Lisa, ich bin dein Fan. Gina-Lisa, ich will dich. Mehr als einmal musste ich dazwischengehen, weil irgendein Typ sie bedrängt."

"Ich glaube an das Gute"

An jenem verhängnisvollen Abend in Berlin im Jahr 2012 feiern Lohfink und Sinner gemeinsam im VIP-Bereich des Clubs Maxxim. Doch dann schickt Gina-Lisa ihre Managerin weg. "Ich bin jeden Tag in einer anderen Stadt" , meint sie, "ich brauch mal meine Ruhe. Ich bin doch hier sicher, alle sind nett." Sie hat am Abend zuvor einen jungen Mann kennengelernt, Pardis F., Fitnesstrainer und Fußballer, die beiden haben die Nacht zusammen verbracht. Ein Mitarbeiter des Clubs, Sebastian C., schenkt Gratis-Champagner aus. Was danach geschieht, darüber wird bis jetzt vor Gericht gestritten.

Dass Gina-Lisa Lohfink zunächst selbst nicht sicher war, wie sie das nennen sollte, was sie erlebt hatte, das zeigt das Vernehmungsprotokoll aus dem Jahr 2012. "Vergewaltigung, das ist so ein großes Wort" , sagte sie da. "Wie nennt man das, wenn man Sex nicht will?"

Gina-Lisa sei ein herzensguter Mensch, aber leichtgläubig und leicht beeinflussbar, sagt Sinner, von deren Management sich Lohfink diesen Frühling getrennt hat. "Ich glaube immer an das Gute in den Menschen", sagt Gina-Lisa Lohfink über sich selbst, "wenn einer sagt, er meint es gut mit mir, dann will ich das glauben." Trotz ihrer 29 Jahre klingt sie mitunter wie ein kleines Mädchen. Wie ein Kind, das versucht, sich mit jedem zu verbünden. Mit dem Kellner, mit dem Chauffeur, mit der Reporterin. Ein Kind, das gefallen will.

"Nie wieder kein Geld haben"

Hainburg im Landkreis Offenbach. Hier wohnt Gina-Lisa Lohfink in einem Einfamilienhaus mit ihrer Mutter und den zwei jüngeren Schwestern. Sie bezahlt alles für ihre Familie – Essen, Haushalt, Kleidung, das Studium der Jüngeren. "Die sollen alles haben, was ich nie hatte", sagt sie. Ist ihre Familie dankbar für das, was sie ihr gibt? Gina-Lisa Lohfink überlegt lange, während sie die Finger mit den rot lackierten langen Nägeln ineinander verknotet. "Ich weiß es nicht", sagt sie dann und wechselt das Thema.

"Ich weiß, dass die Leute abfällig 'C-Promi' zu jemandem wie mir sagen", sagt sie, "aber das ist ein hartes Geschäft. Wenn du seelisch nicht stark genug bist, dann macht dich das kaputt. Ich habe genug Leute erlebt, die es versucht haben und daran zerbrochen sind. Ständig will wer was von dir, dein Geld, deine Berühmtheit, deinen Körper. Und trotzdem bist du eigentlich immer allein." Ist sie selbst denn stark genug? "Schon", sagt sie, "ich bin hart im Nehmen."

Gina-Lisa Lohfink zeigt ihre Tattoos

Gina-Lisa Lohfink zeigt ihre Tätowierungen. Die erste ließ sie sich 2012 stechen, mittlerweile hat sie rund 20 Tattoos

Warum macht sie eigentlich weiter mit diesem Leben? "Weil dich das mitzieht. Es ist ja schön, bewundert zu werden. Und dann siehst du, was du alles mit dem Geld machen kannst, das du da verdienst. Deine Familie erhalten, dir was Schönes leisten. Als ich jung war, hab ich immer geträumt, mir mal was von Versace kaufen zu können. Ich will das nie wieder, kein Geld haben."

Einen Verein wolle sie außerdem gründen – egal, was jetzt aus der großen Debatte über das Sexualstrafrecht werde. Einen Verein für Frauen wie sie, denen keiner glaubt, wenn sie sagen, sie seien vergewaltigt worden. "Ich bin kein Unschuldslamm" , sagt sie. "Ich weiß, wie Sex funktioniert und das Spiel damit. Aber wenn mir einer wehtut, wenn einer denkt, er kann einfach meinen Körper nehmen und –", sie sucht ein Wort, "mich einfach zu seinem Besitz erklären, als wäre ich eine Puppe, dann wehre ich mich." Sie überlegt. "Ich hab doch Rechte. Und die hab ich unabhängig davon, was sich andere unter richtigem Verhalten vorstellen – oder unter feministischer Korrektheit."

Sie sagt, dass sie von Kindern träume, von einer Familie, von einem ganz normalen Leben. Erst einmal aber hat sie etwas anderes in Angriff genommen. Sie hat begonnen, sich tätowieren zu lassen. Bilder entstehen zu lassen auf dieser Haut, die mindestens eine Million Menschen gegen ihren Willen im Internet betrachtet haben. Rund 20 Tattoos hat sie bereits, sie winden sich den linken Arm hinauf, überziehen Taille, Rücken, beide Oberschenkel: der Name ihrer Oma "Annelie" etwa, aber auch ein "LV" für das Luxuslabel "Louis Vuitton" , ein Cartier-Panther, eine Versace-Medusa, "als Nächstes will ich 'nen Lambo-Stier", sagt sie, das Emblem von Lamborghini. Es sind Symbole für Status und Stärke. Ganz unbedeckt wird man Gina-Lisa Lohfink nie wieder sehen.

Dieses Porträt stammt aus dem aktuellen stern