John Irving Aufgetaucht aus der Vergangenheit


Die Kindheit ohne Vater und ein sexueller Missbrauch haben Bestsellerautor John Irving immer verfolgt. Dann begann er, einen Roman darüber zu schreiben - und die Wahrheit holte ihn ein. Fast wäre er daran zerbrochen.

Das Ende, sagt John Irving, kommt immer zuerst. Die letzten Seiten seines neuen Romans "Until I find you" hatte er schon vor sieben Jahren geschrieben - doch alles, was noch davor kommen sollte, wurde schwieriger. Viel schwieriger als bei seinen anderen Büchern, Welterfolgen wie "Garp und wie er die Welt sah" oder "Das Hotel New Hampshire". Immer wieder musste er abbrechen und das Manuskript auf dem Schreibtisch zurücklassen. "Die Pausen waren absolut notwendig", sagt er. "Wenn ich dieses Buch nicht ab und zu weggelegt hätte, wäre es mein direkter Weg in die Depression gewesen."

Wie er da

in seinem Arbeitszimmer sitzt, ist es fast so, als könnte man ihm den Kraftakt noch ansehen. Seine Jeans sind ein bisschen sehr weit über das Poloshirt hochgezogen. Früher war Irving Ringer, in der Amateurklasse zwar, aber mit professionellem Anspruch. Jetzt ist sein athletischer Körper schmal gewor-den - 15 Kilo hat er abgenommen, eine Folge der Ereignisse, die das Entstehen seines neuen Romans begleitet haben.

"Until I find you" ist am Ende ein gewaltiges Buch geworden: sieben Zentimeter dick, mehr als 800 Seiten stark. Der Roman, der im Sommer in den USA erschien und im nächsten Frühjahr auf Deutsch herauskommen soll, erzählt die Lebensgeschichte des vaterlosen Jack Burns. Es ist die Geschichte einer Suche - nach dem verschwundenen Vater und nach sich selbst. Es ist die Geschichte von John Irving.

Der Roman sollte für ihn eine Art therapeutische Lebensbeichte werden

. "Man reiht in jedem Buch seine Dämonen auf wie Schießbudenfiguren", sagt er, "und dann versucht man, eine nach der anderen abzuknallen." Die sexuellen Obsessionen, die überstarken Frauen, der abwesende Vater - all das kennt man schon aus Irvings früheren Romanen. Und sicher hätte das mit dem Abknallen der Dämonen auch dieses Mal funktioniert - wäre nicht plötzlich das wahre Leben in die Fiktion eingebrochen.

Im Dezember 2001 bekam er den Anruf eines Assistenten der Universität von Iowa, an der John Irving studiert und später gelehrt hatte: "Ich habe eben eine Stunde lang mit einem Mann telefoniert, der behauptet, Ihr Bruder zu sein. Und so viel kann ich sagen: Er hörte sich nicht an wie ein Spinner."

Gemeldet hatte sich Chris Blunt

, ein Investmentbanker aus New York, der erzählte, dass sich sein Vater eines Tages zu ihm gesetzt und gesagt habe: "Als ich in deinem Alter war, habe ich eine Frau geschwängert. Ich habe das Kind nie gesehen." Das war's. Nun aber hatte Chris ein Fernsehinterview gesehen, in dem Irving von seinem verschwundenen Vater erzählt und seinen Geburtsnamen erwähnt hatte - John Wallace Blunt. Chris rechnete nach, verglich Geburtsjahr und -ort und ahnte: Der Schriftsteller John Irving musste dieser Halbbruder sein.

Die beiden trafen sich. Irving erfuhr, dass er noch drei weitere Halbgeschwister hat. Sein Vater hatte viermal geheiratet und war 1996 mit 77 Jahren gestorben. Am Ende litt er unter schweren psychischen Problemen - genau wie der Vater von Irvings Romanfigur Jack Burns. Erstaunlich: Schon bevor er seinen Halbbruder traf, hatte Irving den verlorenen Vater als einen psychisch kranken Mann konzipiert, verrückt, aber sympathisch. "Ohne meinen Vater zu kennen, hatte ich einen Mann erschaffen, der ihm glich", sagt der Schriftsteller. "Mein Vater war manisch-depressiv und extrem schwermütig."

Irvings Leben begann

sich immer stärker mit seinem neuen Buch zu vermischen. Und die Dämonen der Kindheit drangen wieder an die Oberfläche. "Niemand hat je mit mir über meinen leiblichen Vater gesprochen", sagt Irving. "Das war kein Fehler meiner Mutter - Trennungen wurden nur einfach nicht diskutiert. So war das damals. Aber ich habe mir als Kind ausgemalt, dass mein Vater ein sehr schrecklicher Mensch sein müsse. Warum sonst hatte er nicht einmal nachgesehen, wie es mir ging?"

Als sein Stiefvater Colin Irving ihn mit sechs Jahren adoptierte und seinen Namen von John Blunt in John Irving änderte, war er erleichtert. "Endlich war ich diesen Typen los, über den keiner reden wollte." Aber der Typ verschwand nicht aus seinem Kopf. Als Teenager bei den Ringermeisterschaften stellte Irving sich vor, sein Vater säße im Publikum und beobachtete ihn.

Die Mutter brach ihr Schweigen erst, als John 39 Jahre alt und gerade dabei war, sich von seiner ersten Frau scheiden zu lassen, inzwischen berühmt durch den Roman "Garp und wie er die Welt sah". Wie zufällig vergaß seine Mutter ein Bündel Briefe auf dem Küchentisch, aus dem Jahr nach seiner Geburt - 1943.

Es waren Briefe

seines Vaters, aus Indien und China, wo er als Pilot bei der Luftwaffe kämpfte. "Es ging darin nur um eines: Wie leid es ihm tue, dass er nicht mehr mit ihr verheiratet sei, wie sehr er dennoch hoffe, eine Beziehung zu seinem Sohn aufbauen zu können", berichtet Irving. "Meine Mutter hat es ihm nicht erlaubt. Ich will das gar nicht bewerten, ich habe nicht in ihrer Haut gesteckt, damals in den 40ern, in einer amerikanischen Kleinstadt."

Was die Briefe schon intoniert hatten, konnte ihm seine neue Familie nur bestätigen: "Ich weiß jetzt, dass meine Geschwister ihn geliebt und als guten Vater erlebt haben. Das bedeutet mir viel."

Wenn der Erzähler

seine Familiengeschichte zusammenfasst, in seinem gepflegten Ostküsten-Amerikanisch, wird sein Redefluss fast zum Sprechgesang. Vor ihm auf dem Schreibtisch lehnt an der elektrischen Schreibmaschine eine Postkarte mit dem Spruch "Nicht mal einem Tier mag man das Leben zumuten". Kurt Vonnegut, der große alte Mann des US-Romans und Irvings Lehrer, hat sie ihm geschickt.

Der Satz könnte von Irving selbst stammen, der in seinen Büchern immer wieder Außenseiter zu Helden macht. Regelmäßig brechen über seine Charaktere Katastrophen herein, deren Ausmaß sie kaum begreifen. So auch über Jack Burns: Als Zehnjähriger wird er von einer ziemlich gewichtigen portugiesischen Kickboxerin verführt, die ihn immer wieder dazu bringt, mit ihr zu schlafen - obwohl er gar nicht will.

Solch bizarre Sexualität

gehörte schon immer zu Irvings Inventar. Doch Jack Burns ist auch in dieser Hinsicht Irvings Alter Ego. Der Sex mit einer viel Älteren ist die zweite autobiografische Enthüllung des neuen Romans.

"Ich war elf Jahre alt", sagt Irving ruhig, "als ich Sex mit einer älteren Frau hatte. Sie war damals Anfang 20, eine Frau, der alle Erwachsenen in meiner Familie vertrauten. Ich war so jung, dass ich noch nicht einmal begriff, dass das, was wir taten, Sex war. Sie führte, und ich folgte. Wir hatten ein gemeinsames Geheimnis. Niemals hätte ich das Wort Missbrauch benutzt. Ich schwärmte für die Frau. Und ich glaubte, dass sie das Kind John anbetete. In den Sommern 1953 und 1954 passierte es immer wieder. Und als es aufhörte, vermisste ich sie. Ich wusste nicht, wie sehr ich missbraucht worden war, bis ich alt genug war, um Sex mit einem Mädchen meines Alters zu haben. Da habe ich begriffen: Oh, das ist nicht das erste Mal. Das war es damals also."

Irving hat lange darüber geschwiegen. "Ich habe es meiner ersten Frau nicht erzählt. Erst mit Janet habe ich darüber gesprochen", sagt Irving und meint seine jetzige, zweite Frau, mit der er den 14-jährigen Sohn Everett hat. Die beiden Söhne aus erster Ehe, Colin und Brendan, sind lange aus dem Haus. "Aber als meine Söhne zehn oder elf wurden, habe ich sie gewarnt. Ich sagte ihnen: Da ist etwas, das ihr wissen sollt. Es könnte passieren. Ihr müsst euch darüber im Klaren sein, dass es Auswirkungen auf euch haben wird, wenn eine Frau sich euch so nähert. Selbst wenn ihr es eigentlich ganz nett findet."

"Die Folgen des Missbrauchs bemerkt man erst später", fährt Irving fort, "wenn man plötzlich viel ältere Frauen attraktiv findet und noch nicht mal weiß, warum. Ich war an den Müttern meiner Freundinnen meist mehr interessiert als an den Freundinnen selbst. Ich wusste, dass das nicht richtig war. Und so glaubte ich, diese Gefühle kämen von den schlechten Genen meines Vaters."

Wenn eine ältere Frau versuchte, etwas mit ihm anzufangen, konnte er nicht widerstehen - und das sei öfter passiert, als er zugeben möchte. Dann sagt er lange nichts. "Es hat meine Teenagerjahre bestimmt. Und es blieb prägend, bis ich Ende 20 war." Also auch, nachdem er mit 22 Jahren das erste Mal geheiratet hatte. Irving steht auf, um nach dem Lachs zu schauen, den er in der Küche mariniert. Aber bevor er den Raum verlässt, reicht er ein Exemplar von "Until I find you" herüber. Seine Lieblingspassagen sind mit Eselsohren markiert, in einer ist von einer "verlorenen Kindheit" die Rede. Irving kehrt zurück, in der Hand alte Fotos.

Ist ihm die Kindheit gestohlen worden?

"Ich denke schon", sagt er und zeigt ein graues Foto: "Um Ihnen einen Eindruck zu geben." Das verblichene Foto aus dem Jahr 1954 zeigt eine Baseballmannschaft, Irving sitzt in der vorderen Reihe, ein pummeliger Zwölfjähriger. "Stellen Sie sich dieses Kind ein Jahr jünger vor. Da hatte ich diese Erfahrungen schon hinter mir."

Etwas später fährt John Irving vom Hügel seines Grundstücks hinunter, um den Sohn Everett vom Friseur abzuholen. Ein höflicher 14-Jähriger mit hoher Stimme und dichten dunklen Haaren. Everett hat noch nicht viele Bücher seines Vaters gelesen. Aber "Until I find you" ist ihm gewidmet: "In der Hoffnung, dass du, wenn du dies liest, eine ideale Kindheit gehabt haben wirst (oder noch mittendrin steckst) - so unterschiedlich von der hier beschriebenen, wie man es sich überhaupt vorstellen kann."

Gregory Kirschling
Mitarbeit: Andrea Ritter

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