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KRIMIHELD: Ein ganz besonderer Fall

Als Commissario Montalbano wurde Luca Zingaretti in Italien zum Star. Jetzt ermittelt er im ZDF. Wie der Krimiheld ist sein Darsteller ein etwas dickschädeliger Zeitgenosse

Als Commissario Montalbano wurde Luca Zingaretti in Italien zum Star. Jetzt ermittelt er im ZDF. Wie der Krimiheld ist sein Darsteller ein etwas dickschädeliger Zeitgenosse

Der Mann schaut selten freundlich - und wenn er doch mal lächelt, droht meistens Unheil. Die Stirn trägt er am liebsten in steilen Falten, die grünen Augen sind zu Schlitzen verengt. Ein launischer Finsterling mit kahl geschorenem Schädel und schneidender Ironie ist dieser Commissario Montalbano, untersetzt und bullig, alles andere als ein schnittiger Serienheld. Doch dieser Anti-Typ hat seine Heimat Italien im Sturm erobert - und könnte demnächst auch hierzulande letzte Erinnerungen an den smarten Kollegen Cattani dahindämmern lassen, der einst so tapfer »Allein gegen die Mafia« kämpfte: Am kommenden Sonntagabend wird der bruddelige Sizilianer im ZDF seinen ersten Fall lösen*, Auftakt einer vierteiligen TV-Serie des italienischen Staatssenders RaiDue, dem mit der Verfilmung der Kriminalromane des Bestsellerautors Andrea Camilleri bereits vor heimischem Publikum ein sensationeller Erfolg gelang.

Schuld daran ist nicht nur die literarische Vorlage des glänzenden Erzählers Camilleri, dessen witzige, wunderbar atmosphärische Sizilien-Krimis inzwischen auch in Deutschland eine so eingeschworene Anhängerschaft haben wie die Pepe-Carvalho-Thriller des Camilleri-Freundes Manuel V?zquez Montalb?n: Als Hommage an den spanischen Schriftstellerkollegen kam Camilleris Commissario zu seinem Namen. Sein markantes TV-Alter-Ego aber verdankt er dem römischen Schauspieler Luca Zingaretti, 39, und der gilt als seltener Glücksfall: »Zingaretti scheint den einzig möglichen Montalbano zu geben«, schwärmte das italienische Nachrichtenmagazin »Panorama«, »er ist derart überzeugend, dass er sogar das Orginal verblassen lässt.« Die Konsequenzen lassen sich beim Treffen mit Zingaretti hautnah erleben. »Ciao, Commissario!«, brüllt eine Gruppe junger Leute über die Straße, »Wie steht?s, Montalbano?«, stoppen ihn gestandene Männer unter kumpelhaftem Schulterklopfen, wildfremde Damen jeden Alters winken und werfen Handküsse - und Zingaretti, Glatze auch privat, drahtig und sehr viril, genießt und schweigt. Er hat lange geackert, bis der Erfolg kam, »was glauben Sie, wie gut er jetzt tut«.

Zingaretti ist ein untypischer Star für italienische Verhältnisse - ganz ähnlich wie die Figur des Montalbano, die ihn dazu machte: Sonderlinge sind sie beide, ein bisschen anarchisch, allergisch gegen Macht und Karrieristen, einsame Wölfe mit altmodischem Ehrgefühl, dem Hang zu nächtlichen Bädern im Meer und von leidenschaftlicher Genussfähigkeit, wenn es um Essen und Frauen geht: Wer Montalbano/Zingaretti mit sinnlicher Langsamkeit den Sud seiner »polipetti affogati« (wörtlich: ertränkte Tintenfischchen) auftunken oder den Rücken seiner Freundin liebkosen sieht, vermisst fortan keinen der glatten Schönlinge mehr, die den Bildschirm sonst so bevölkern. Trotz der Seelenverwandtschaft, gesteht Zingaretti, habe er eine »Heidenangst« vor der Rolle gehabt: »Jeder Leser hatte seine eigene Vorstellung von Salvo Montalbano, Camilleri selbst beschrieb ihn als älteren, bäuerlichen Mann mit hellen Augen - die Gefahr zu scheitern war riesengroß.« Dennoch hat er heftig um die Rolle gekämpft, als 1998 die ersten Folgen verfilmt wurden: »Ich war ganz verrückt nach dieser Figur.« Das liegt zum einen daran, dass es in Italien für sperrige Typen wie Zingaretti nicht viele gute Filmrollen gibt. Deshalb war der waschechte Römer aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, der nach dem Abitur und einem kurzen, glücklosen Anlauf als Amateurfußballer Schauspielkunst studierte, bis vor wenigen Jahren vor allem Theaterliebhabern als talentierter Bühnendarsteller bekannt. Über zehn Jahre lang war Zingaretti quer durch den Stiefel auf Ochsentour, ein Leben zwischen muffigen Theaterkulissen und grauen Pensionszimmern, unterwegs im alten Mercedes, den ihm eine Tante vererbt hatte. Als Lohn winkten bewegende Auftritte unter Spitzenregisseuren wie Peter Stein und Luca Ronconi. Erst in den neunziger Jahren begannen größere Filmangebote zu tröpfeln, Zingaretti spielte Wucherer, Vergewaltiger, »Bösewichte oder Beknackte aller Couleur«, sagt er heute, »Hauptsache, die Rolle war gut«. Camilleris Commissario schließlich war eine »Chance, auf die ich lange gewartet habe«. Manchmal glaubt er dabei an so was wie Vorsehung.

Denn Zingaretti ist alter CamilleriFan seit jenen Studententagen an der römischen »Accademia Nazionale d?Arte drammatica«, wo der heute 76-Jährige einst als gefragter Drehbuchautor Vorträge hielt. »Camilleri war ein fantastischer Fabulierer, dicke Zigarren paffend, konnte er stundenlang so mitreißend erzählen, dass wir mit offenem Mund zuhörten.« Seit Camilleri 1995 in schon vorgerücktem Alter seinen ersten Montalbano-Krimi und danach in Folge einen Bestseller nach dem anderen hinlegte, gehört Zingaretti zu den Millionen Italienern, die von diesem dickköpfigen Sizilianer und seiner eigenwilligen Art, obskure Fälle zu lösen, nicht genug bekommen: »Montalbano ist ein Typ mit uritalienischem Charakter, einem ungelösten Verhältnis zu Frauen und einer unlösbaren Bindung an seine Muttererde«, beschreibt Zingaretti seinen Anti-Helden begeistert, »ein Mann, der nach den Kapern und Oliven Siziliens riecht, der so gut wie nie Kompromisse und deshalb auch keine Karriere macht - aber trotzdem kein Verlierer ist.« Als Zingaretti die Rolle hatte, rief er sofort seinen Mentor von einst an: »Camilleri, erinnern Sie sich an mich? Trauen Sie mir zu, Ihren Montalbano zu spielen?« Am anderen Ende der Leitung blieb es lange still. »Mach nur«, kam es dann vorsichtig, »wir werden ja sehen.« Heute, nach inzwischen sechs gedrehten Folgen, kann der Alte nach eigenem Bekunden »gar nicht mehr schreiben, ohne dabei Lucas Gesicht vor mir zu sehen«. Und inzwischen gehört Camilleri zu den ergebensten Bewunderern des Mannes, der seine Romanfigur so hinreißend zum Leben erweckte: »Luca ist mit Montalbano gewachsen, ach was, er ist Montalbano.« Tatsächlich kann es jetzt passieren, dass der Schauspieler und der Bulle nur noch unscharf voneinander zu trennen sind. Montalbanos sizilianischer Tonfall überlagert neuerdings den römischen Akzent des Zingaretti, beide scheuen Presseauftritte und jede Art von Mondänität, bei Filmrollen sind Luca Kompromisse ein Gräuel wie Salvo bei der Fahndung - und niemals würden die beiden mit jemandem warm werden, der bei Tisch missmutig in Salatblättern stochert, statt ordentlich mitzuhalten.

Zwei wesentliche Unterschiede bleiben, darauf legt Luca dann doch großen Wert: Montalbano ahnt nichts von der Leidenschaft, die den Fußballfan Zingaretti umtreibt, wenn sonntags sein Club AS Rom spielt. Und Zingaretti könnte es nie mit einer meist abwesenden Dauerverlobten wie Montalbanos blonder Livia aushalten - im Film von der deutschen Katharina Böhm gespielt und wegen ihrer quengelnden Besserwisserei von Italiens weiblichem Publikum inbrünstig gehasst. »Ich glaube, da plagen den Salvo pubertäre Bindungsängste«, befindet Luca und steigt auf seine Vespa, »ich jedenfalls könnte nicht leben, ohne die Frau, die ich liebe, so oft wie möglich berühren zu können.« Ein klitzekleines Lächeln kriecht da über Zingarettis Gesicht, dann gibt er Gas und röhrt nach Hause zu Weib und Pasta.

Daniela Horvath

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