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Kylie Minogue: The Show must go on

Vor zwei Jahren erkrankte Kylie Minogue an Brustkrebs - und wollte ihr Leben ändern. Jetzt will die Sängerin mit einer neuen CD zurück in die Charts. Der stern traf in London eine unverändert Getriebene.

Von Cornelia Fuchs

Man wundert sich, wenn man ihr plötzlich gegenübersteht: strahlendes Lächeln, makellos weiße Haut, ein rosafarbener Lipgloss schimmert auf ihren Lippen. Kylie Minogue, 39, sieht aus, als sei sie in einen Jungbrunnen gefallen. Nicht so, als habe sie quälende Monate einer Brustkrebstherapie hinter sich gebracht. Fast ein bisschen unheimlich, wie wenig sich ihr Lächeln verändert hat, dieses Kylie-Lächeln mit den gleichmäßi-gen großen weißen Zahnreihen, seit mehr als 20 Jahren eine feste Größe im Showgeschäft. Komisch sei es schon, sagt sie, jetzt wieder zu arbeiten, aber das gehöre zum Heilungsprozess. Heilungsprozess - das mag nach Ruhe, Besinnung und Rückzug klingen. Für Kylie Minogue ist dieser Prozess ein gigantischer Marketingplan, der ihrem Leben Struktur gibt. Demnächst erscheint ihre neue CD "X" und dazu die DVD "White Diamond", eine Dokumentation über Kylies schrittweise Rückkehr auf die Konzertbühne. Und als ob das alles nicht schon genug wäre - eine Welttour fürs kommende Jahr ist auch noch in Planung.

Die Vermarktungsmaschinerie für das Pop-Produkt Kylie läuft wieder auf Hochtouren. Und wenn man sie fragt, ob sie wirklich glaubt, dass das alles gut für sie ist, sagt sie zögernd: "Ich kenne es doch nicht anders." Dieses Leben als immerwährender Auftritt, ohne Sendepause, immer weiter. The Show must go on. Ihre Krebserkrankung, so scheint es, war nur eine kurzzeitige Störung im Programm. Im Mai 2005 wurde bei Kylie Minogue ein golfballgroßer Tumor aus der linken Brust entfernt. Sie reiste nach Paris, zu ihrem damaligen Freund, dem Schauspieler Olivier Martinez, und musste dort eine Chemotherapie durchstehen. Aus ihrem Krankenhauszimmer konnte sie damals den Eiffelturm sehen, in Zeiten, in denen sie oft zu schwach war, zum Café an der nächsten Ecke zu laufen. Weihnachten ließen ihre Ärzte sie nicht zu ihrer Familie nach Australien fliegen. Sie war zu krank. Bilder einer blassen, kahlköpfigen Kylie tauchten weltweit auf, die so gar nicht in die bonbonfarbene Popwelt passen wollten. Die Karriere der Sängerin schien nach mehr als 50 Millionen verkauften CDs beendet. "Ich weiß nicht, ob ich das noch kann", sagte Kylie damals.

"Ich muss das jetzt tun!"

Zwei Jahre später sind diese Selbstzweifel verflogen. Kylie macht einfach weiter. Schon wenige Monate nach ihrer Chemotherapie begann sie mit den Tanzproben für ihr Comeback. "Es war damals, als würde ich über ein großes Feld rennen", sagt sie und rudert mit den Armen, als wolle sie auf dem Trockenen schwimmen, "ich habe all diese Menschen mit ihren guten Ratschlägen zur Seite gestoßen und gerufen: "Haltet mich nicht auf! Ich muss das jetzt tun!" "In ihrem neuen Video zur Single "2 Hearts" rekelt sie sich lasziv mit glänzend blonden Haaren und noch glänzenderem roten Mund auf einem Klavier. Und es scheint zunächst, als wolle sie jeden Gedanken an ihre Krankheit durch das Bild der ewig jungen Blondine verbannen - da senkt sich von oben herab ein Mikrofon in ihre Hände, geformt wie ein Totenkopf. Ein Totenkopf, vollbesetzt mit dunklen Glitzersteinen, wohlgemerkt. Kylie ist zurück, aber sie versucht nicht mehr, der sorglose Hüpf- Floh in zu kurzen Höschen zu sein. Ihre Kleider sind immer noch sexy, aber schwarz. Und sie spielen jetzt eher mit Verhüllung als mit bloßer Haut. Irgendwie, das weiß sie, muss sie der überstandenen Krankheit gerecht werden.

Was hat sich für sie geändert? Sie gibt die erwartbarste aller Antworten, aber auch die verständlichste. Sie versuche, mehr im Hier und Jetzt zu leben. "Ich setze mich zum Beispiel jetzt mittags an einen Tisch und esse ordentlich. Ich war es vorher gewohnt, immer unter Stress zu arbeiten. Schon vor der Krebsdiagnose habe ich mich angegriffen gefühlt, nicht wirklich körperlich, aber ich konnte viele Momente meines Lebens nicht genießen. Es ist Zeit, Dinge mit einem Abstand zu sehen." Doch ganz so glatt, wie es scheint, ist doch nicht alles gelaufen. Nach ihrem ersten großen Comeback-Auftritt in Sydney, am 11. November 2006, lag sie auf einem Lammfellteppich in ihrer Garderobe, den Kopf in ihre Ellbogenbeuge vergraben, unfähig, auch nur einen Ton von sich zu geben. Kurz davor noch war sie mit dem riesigen rosafarbenen Federkostüm über die Bühne geglitten, Zehntausende Fans hatten ihr zugejubelt, sie sah umwerfend aus. Und jetzt konnte sie nicht mehr. Die Szene ist in ihrer Dokumentation "White Diamond" zu sehen.

"Ich weiß, was es heißt, sich verletzlich und verzweifelt zu fühlen"

"Mein ganzer Körper sank zu Boden. Ich war so ausgebrannt, ich konnte noch nicht einmal entscheiden, was ich wirklich fühlte", sagt sie heute über diesen Moment. Sie hat lange gezögert, ob sie sich überhaupt so filmen lassen wollte, so verletzlich, so privat. "Ich habe immer sehr genau gewusst, wo ich die Grenze ziehe zwischen meinem Privatleben und meiner öffentlichen Figur", sagt sie. Der Brustkrebs hat diese Grenze überschritten. Natürlich ist ihr bewusst, dass sie zu einer Symbolfigur für den Kampf gegen den Krebs geworden ist. In Australien schossen die Vorsorgeuntersuchungen um 40 Prozent nach oben, nachdem sie ihre Krankheit öffentlich gemacht hatte. Als ob die Tatsache, dass auch die perfekte Kylie erkranken konnte, vielen Frauen erst klargemacht hätte, dass es dann wohl wirklich jeden treffen kann. "Ich weiß, was es heißt, sich verletzlich und verzweifelt zu fühlen. Und es ist gut zu wissen, dass ich Menschen ermuntern kann", sagt Kylie. Sie habe keinen Moment gezögert, der Welt die Wahrheit zu erzählen. Aber das heißt noch lange nicht, dass die Welt ein Recht darauf habe, alles zu erfahren, was sie während ihrer Behandlung durchgemacht hat.

Dass sie einen Ernährungsspezialisten zurate ziehen musste, weil während der Chemotherapie ihr Gewicht bedrohlich sank. Dass ihr Körper nicht mehr der ist, der er vorher war. Aber der, in dem sie nun einmal steckt. Dann will Kylie Minogue das Thema wechseln, es wird ihr nun doch zu intim. "Wissen Sie, ich bin doch immer noch dieselbe Person - nur mit ein bisschen mehr Erfahrung. Das ist alles." Während ihrer Krankheit hat sie eine Liste geschrieben, was sie noch alles machen will, bevor sie stirbt. Langusten essen in Portofino, zum Beispiel. Im Meer liegen, ungestört von Paparazzi. Und Diamanten tragen. Und als ob sie erkenne, wie rührend naiv das alles klingt, sagt sie schnell noch: "Und irgendwann eine Familie gründen." Auch wenn das kompliziert sei, vielleicht sogar unmöglich. Sie sei ja im Moment Single, und nächstes Jahr werde sie immerhin 40 Jahre alt. Mit anderen Worten: Auch jemand wie Kylie Minogue wartet auf ihren Traumprinzen.

Mitarbeit: Hannes Roß

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