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Marie-Christine von Belgien Märchen rückwärts


Doch, diese Prinzessin ist echt: Marie-Christine Daphné undsoweiter von Belgien entfloh dem Königshaus in Brüssel. Heute lebt sie in Las Vegas - arm, aber glücklich

Es war einmal eine schöne, junge Prinzessin, die lebte in einem großen Schloss. Sie hatte alles, was sie nicht brauchte. Leibwächter, Köche, Gouvernanten und Fahrer. Sie hatte Pferde und Schmuck. Vor allem aber hatte sie einen Knopf. Wenn sie darauf drückte, erschien eine Kammerzofe, machte einen Knicks und fragte, was die Prinzessin begehre.

Aber der Hochadel ist auch nicht mehr das, was er mal war. Princesse Marie- Christine Daphné Élisabeth Astrid Léopoldine de Belgique, 53, ist abgehauen. Sie lebt mit einem Schweißer in der Wüste, in einem kleinen Rauputzhäuschen bei Las Vegas, und ist glücklich, dass sie vor Jahren ihrer Mutter, dem europäischen Adel und dessen langweiligen Partys entronnen ist. Eigentlich geht es ihr gut, nur die europäische Klatschpresse nervt. Die Tochter des ehemaligen belgischen Königs Leopold III. sei ein "Sozialfall", sie hause "bettelarm in einem Zimmer in Las Vegas" und "schreit und weint am Telefon", weil das Erbe verzockt sei ("Das Neue Blatt"). Mal hat sie "zwei Millionen verschleudert" ("Bild"), mal sogar "ein 30-Millionen-Erbe verprasst" ("Das Neue Blatt").

In einem bösen Buch

hat sie nun zurückgeschlagen; in "La brisure", der Bruch (Editions Luc Pire, Brüssel), erzählt sie ihre traurige Geschichte. Klappt man das Buch nach 164 Seiten zu, seufzt man erleichtert auf: Dem Himmel sei Dank, dass man nicht in einem Schloss auf die Welt gekommen ist.

Wir sitzen in ihrem klapprigen Allrad-GMC Jimmy, die Vordersitze sind mit Acryl-Leopardenfell bezogen. Ihr Mann Jean-Paul fährt, ein kleiner, schweigsamer, hagerer Typ, der vergebens einen Job in den großen Hotels sucht. Bevor er in den europäischen Hochadel einheiratete, war er Schweißer in Bordeaux. "Was mögen Sie an ihm?", frage ich sie. "Dass ihm seit 20 Jahren völlig egal ist, dass ich als Prinzessin auf die Welt gekommen bin."

Prinzessin Marie-Christine, die zweitälteste Tochter von König Leopold III. und seiner bürgerlichen Frau Liliane, ist schlank, muskulös und durchtrainiert. Ihre Augen leuchten so unwirklich blau wie die Sterne in Caesars Palace, ihre Haut ist von der Nevada-Sonne braun gegerbt. Kein Heimweh nach Brüssel? "Lieber verhungere ich hier, als dass ich wieder zurück in irgendein Schloss gehe."

Wir halten in einem ausgetrockneten Bachbett, es hat geregnet, die Kakteen blühen. "Ich habe mir Prinzessinnen ganz anders vorgestellt", sage ich, "zickiger. Mehr so auf der Erbse." Sie lacht: "Ich bin das schwarze Schaf. Ich weiß, Millionen von Mädchen träumen davon, eine Prinzessin zu sein - aber ich habe immer nur davon geträumt: nichts wie raus aus diesem Gefängnis.“

Sie ist eher eine Prinzessin

auf der Achse, seit 20 Jahren zieht sie um, von Brüssel nach Toronto nach Montreal nach Bordeaux nach Los Angeles nach Lake Tahoe nach Virginia nach Las Vegas. Immer auf der Flucht vor ihrer Herkunft, immer auf der Suche, ihr Glück vielleicht dort zu machen, wo niemand sie kennt. Ihr Vorbild, sagt sie, war auch immer unterwegs, bis er endlich in der Einsamkeit zur Erleuchtung kam: "Buddha war ein Prinz, der alles aufgegeben hat."

Ihre Kindheit am Hof, wo man sie Daphné nannte, war ganz anders als im Märchenbuch. Ihren Vater, den sie aus der Ferne verehrte, sah sie nur selten, die Mutter zweimal am Tag für ein paar Minuten, "wenn die Nanny uns morgens in ihr Schlafzimmer führte. Da saß sie in ihrem großen Bett, las die Zeitung, wir küssten sie auf die Wange und sagten ,Bonjour Maman" und waren froh, wenn wir schnell wieder draußen waren. Das war's. Sie war eine Fremde".

Irgendwann fasste sie sich ein Herz, weil sie von anderen Mädchen gehört hatte, "dass die mit Problemen zu ihren Eltern gingen. Als ich meiner Mutter sagte, ich sei unglücklich, unterbrach sie mich und sagte: ,Du führst ein perfektes, privilegiertes Leben, ich will solche Dummheiten nie wieder hören."

Immer wieder schickte die Mutter sie auf Bälle, um endlich den Richtigen für sie zu finden, "aber die Adeligen langweilten mich zu Tode, die hübschen Männer waren schwul, es wurde immer nur über andere geklatscht". Zum endgültigen Bruch mit der Mutter kam es kurz nach ihrem 17. Geburtstag. Nach einem Ball in Südfrankreich wurde sie vom Gastgeber vergewaltigt: "Er war Polo-Nationalspieler und hatte uns zum Länderspiel Frankreich - Argentinien in sein Schloss eingeladen." Abends lauerte er Marie-Christine auf. Sie heulte, er zog die Hosen hoch und sagte: "Du hättest mir sagen können, dass du Jungfrau warst."

Wochenlang wagte sie nicht, es ihrer Mutter zu erzählen, dann ging sie zu ihr: "Sie hat mir eine Ohrfeige gegeben und mich für verrückt erklärt. Ich sei nicht mehr ihre Tochter. Später hat sie mich zu einem Psychiater geschleppt. Am Ende hat sie mich zwei Monate in mein Zimmer gesperrt. Bis heute trifft mich ihre Reaktion schlimmer als die Vergewaltigung selbst. Ich werde ihr nie verzeihen, dass sie mich, das Opfer, zum Täter gemacht hat."

Bis sie 29 Jahre alt war, lebte sie im Schloss und wagte nicht, der Mutter zu widersprechen: "Ich war wie gelähmt." Erst in Kanada fand sie den Mut, wegzulaufen, für immer. Ihre Mutter hatte sie zu einer reichen Familie in Toronto verbannt, wegen einer unstandesgemäßen Affäre - ihr Freund war dreifach disqualifiziert: Discjockey, schwarz und verheiratet. Eines Nachts haute sie ab, schlug sich als Babysitterin durch oder als Bikini-Mädchen in einer Bar. Um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, heiratete sie den Barbesitzer - die Ehe endete nach einer Woche im Streit.

In der Wüste hat ihr heutiger Mann, Jean-Paul, die Ladeluke heruntergeklappt und eine Tischdecke darauf ausgebreitet. Es gibt Salami, Käse, Baguette. Er las sie damals "buchstäblich von der Straße auf. Sie stand da", sagt er, "mit einer kleinen Tasche, in der sie einen Büstenhalter und einen Slip hatte. Sonst nichts. Kein Geld, kein Konto. Ich habe ihr gezeigt, wie man Geld abhebt und wie man einkauft".

Wie man mit Geld umgeht, hat sie bis heute nicht gelernt. Das Erbe von einer Million Dollar, das sie 1983 beim Tod ihres Vaters bekam, ist längst weg. Vor allem für ein Restaurant, das sie in Los Angeles eröffneten - es war nach einem Jahr pleite.

Sie schlägt sich recht und schlecht durchs Leben, mal hier ein Job, mal dort ein Scheck. Ob sie nicht manchmal das einfache Leben satt hat, ob sie nicht von Brüssel träumt, wo alle Rechnungen einfach an den Hof geschickt werden? "Sie wären finanziell abgesichert", sage ich. "Und längst tot", sagt sie.

Claus Lutterbeck print

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