Neue Diven Leicht und bekömmlich


Renée Fleming und Anna Netrebko geben der Oper wieder Glanz und gelten als neue Diven. Aber im Gegensatz zu Ikonen wie Maria Callas singen und leben die beiden ohne Risiken und Nebenwirkungen.
Von Axel Brüggemann

Als der Tenor Beniamino Gigli nach einer "Tosca"-Aufführung an der Metropolitan Opera in New York ein weiteres Mal vor den Vorhang trat, war das einmal zu viel. Er kam auf eine Runde mehr Applaus als Maria Jeritza, der Sopran des Abends. Schon einige Tage zuvor waren die beiden Klassik-Stars aneinandergeraten. Durch ein Versehen des Sängers hatte sich Jeritza den Fuß verstaucht. Am nächsten Tag geiferte sie gegenüber Journalisten, Gigli habe einen Mordanschlag auf sie verübt. Nun forderte die Primadonna einen weiteren Curtain-Call für sich, um mit gewaltiger Sprechstimme ins Auditorium zu jammern: "Dieser Gigli benimmt sich nicht anständig zu mir." Die Metropolitan Opera hatte ihren Eklat.

Maria Jeritza war der Stimm-Star der 1920er, 1930er und 1940er Jahre. Ihr flirrend fiebriges Organ kam aus dem Himmel - aber auf Erden benahm sie sich mitunter wie in der Hölle. Sie tänzelte zwischen Soap und Opera, inszenierte ihr Leben und lebte das Singspiel. Sie verdrehte jungen Männern die Augen und alten Meistern die Ohren. Komponisten wie Richard Strauss ("Ariadne auf Naxos") und Erich Wolfgang Korngold ("Die tote Stadt") schrieben der Sängerin exzentrische Rollen in die Kehle, und Giacomo Puccini rollte ihr den Teppich bis nach New York aus. Die Jeritza war eine Diva, eine Göttin: unerreichbar, unantastbar und zuweilen unausstehlich. Dem Verhalten von Frauen wie ihr ist der Witz vom Sopran und der Lampe zu verdanken: Um eine Glühbirne in die Deckenlampe zu drehen, stellt sich eine Diva auf den Tisch, nimmt die Birne in die Hand und wartet, bis die Welt um sie kreist.

Die Diven von heute sind anders. Renée Fleming sitzt erschöpft in der Garderobe, hat den Goldschal und das Diadem abgestreift, mit denen sie auf ihrem neuen Album in Schwarz und Weiß posiert. Es trägt den Titel "Homage. The Age of the Diva" und ist eine Zeitreise in die goldene Ära des Operngesangs. Fleming nippt an einer Cola light und schwärmt von alten Stimmen, von der Salontigerin Mary Garden und von der Caruso-Freundin Rosa Ponselle. Doch "das Zeitalter der Diven ist vorbei", sagt sie. "Von Vamps, die den Männern den Kopf verdrehten, sich auf Leopardenfellen fotografieren ließen und für Zigaretten warben." Renée Fleming ist Nichtraucherin. Und auch sonst ein überaus aufgeräumtes Frauenzimmer. Die 47-jährige Amerikanerin verkörpert eine neue Sängerinnen-Generation. Während Jeritza und Co. den morbiden Rhythmus des Fin de siècle anstimmten und in subversiven Musiknischen gegen Roosevelt und Hindenburg trällerten, orientieren sich Soprane wie Renée Fleming und ihre Kollegin Anna Netrebko, 35, an den Gesetzen des Pop. Ihre Interpretationen sind technisch ausgefeilt statt abgrundtief empfunden. Sie singen auf Hochglanz poliert statt mit dem Mut zur vokalen Hässlichkeit. Sie interpretieren die Klassiker schön statt wahrhaftig.

"Ein Leben wie die Callas möchte ich nicht führen

"Jeder Vergleich mit der Callas ist absurd", sagt Anna Netrebko, während sie in einem Wiener CD-Laden durch das Sortiment der Sopran-Historie streift. "Ihr Leben war eine Oper, und ich glaube, das möchte ich gar nicht haben."

Maria Callas schipperte mit Aristoteles Onassis auf seiner 18-Zimmer-Yacht durch das Mittelmeer, um dann von dem Öl-Milliardär für Jackie Kennedy verlassen zu werden. Aufstieg, Fall, Stimmverlust und einsamer Tod. Sie lebte auf der Rasierklinge - und so sang sie auch. Netrebkos Leben ist kürzer erzählt: Sie kommt aus der russischen Provinz Krasnodar, ging in die Kaderschmiede der Oper von St. Petersburg und ist auch dank guten Marketings zum Star geworden. Callas war seelennackt, selbst wenn sie Chanel trug. Anna Netrebko wirkt angezogen, selbst wenn sie sich für einen Telefonanbieter in die Badewanne legt. Callas war als Tragödin authentisch, Netrebko ist es als Girlie. Callas war eine moderne Medea, Netrebko verkörpert selbst Verdis "La Traviata" als tragische Paris Hilton der Oper. Jenseits der Bühne redet sie über Wodka-Partys, um ihr Hochglanzleben etwas verruchter zu machen. So, wie Renée Fleming es wahnsinnig verrückt findet, dass sie sich einmal als Strauss' Feldmarschallin ihre Scheidung von der Leber gesungen hat. Die neuen Diven kennen die Klischees ihrer Ahnen und spielen mit dem Image der Vamps. Aber eigentlich sind sie handzahm geworden und strahlen hauptsächlich an der Oberfläche.

Netrebko und Fleming geben der Klassik zwar zurück, was die seit den "drei Tenören" verloren hat: den Glamour. Netrebko hat in Deutschland die Pop-Charts gestürmt, und Fleming ist Amerikas unangefochtene Vorzeige-Diva. Beide beherrschen den Spagat zwischen Bühne und Boulevard, werden nicht nur von den Feuilletons, sondern auch von "Gala" und "Bunte" geliebt. Der Unterschied ist: Callas kam unfreiwillig in die Klatschpresse und kämpfte zeitlebens gegen Journalisten, die ihr Opernleben ausschlachteten, um das Private öffentlich zu machen. Netrebko wiederum erscheint in der Klatschpresse, obwohl es über ihr Privatleben nur wenig Aufregendes zu berichten gibt - und was dann zu lesen ist, hat sie meist selbst lanciert.

"Kreatur" auf der Bühne und in den Zeitungen

Maria Callas wurde von Paparazzi belagert, von Kritikern bombardiert und erst im Leben überlebensgroß. Sie war eine "Kreatur", schrieb Ingeborg Bachmann einmal - überall: in Wirklichkeit, auf der Bühne und in den Zeitungen. Die Auftritte ihrer Erbinnen in der Yellow Press sind meist perfekt geplant und inszeniert, bei denen sie hauptsächlich eines sein wollen: nett. Und wenn einmal etwas nach Skandal riecht, wird es schnell kleingeredet: "Ich träume davon, nackt zu singen", soll Netrebko einmal gesagt haben - um dem nächsten Journalisten zu erklären: "Alles Bullshit." Öffentlich loben die beiden Diven sich gegenseitig aufs Äußerste. Hinter den Kulissen aber blühen Eifersüchteleien. Netrebko will endlich das Homeland ihrer Konkurrentin, die USA, erobern. Und Fleming fordert für ihre Europatournee von den Veranstaltern die gleiche Komfort-Behandlung, wie Anna Netrebko sie erhält.

Die neuen Aufnahmen der beiden sind auf den ersten Blick keine Verkaufsschlager. Netrebko wurde mit Gassenhauern der italienischen Oper zum Weltstar und kehrt nun, mit ihrem "Russian Album", zurück zu den eigenen Wurzeln, zur Ausbildung in der Gesangsarmee des St. Petersburger Mariinsky-Theaters. Neben Schmachtfetzen wie Tschaikowskys "Briefarie" aus "Eugen Onegin" singt sie nicht immer ganz eingängige Opern-Trouvaillen wie Rimsky-Korsakows "Schneeflöckchen" und "Die Zarenbraut" - und plötzlich ist auch ihre Stimme ganz bei sich angekommen. Flemings Exkurs in die Ära der Diven ist ebenfalls keine Easy-Listening-CD, sondern ein Abenteuer für die Ohren. Sie singt sich durch vergessene Werke wie Cileas "Adriana Lecouvreur", Smetanas "Dalibor", Rimsky-Korsakows "Servilia" und Korngolds "Die Kathrin". Dabei balanciert ihre Stimme zwischen Femme fatale und Femme fragile, zwischen Seele und Leib, Oper und Wirklichkeit. Fleming singt am Rande der vergangenen Abgründe, wagt es aber nicht, hineinzuspringen. Die neuen Soprane wollen strahlende Göttinnen sein. Bloß keine Zicken.

Bis auf eine: Die Rumänin Angela Gheorghiu präsentiert sich als letzte lebende Diva im klassischen Sinne, ihre Stimme ist mindestens so aufregend wie die von Netrebko oder Fleming. Aber sie und ihr Gatte, der Tenor Roberto Alagna, sind bei Intendanten und Plattenfirmen als "die Ceau­escus" berüchtigt, gelten als kompliziert und werden lieber gemieden. Sie brüllen noch immer wie Tiger, aber um sie herum ist es ruhig geworden. Irgendwie scheinen Diven wie Maria Jeritza, Weiber aus dem Raubtiergehege der Musik, nicht mehr in unsere schöne neue Opernwelt zu passen.

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