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Moderatorin Todesangst während Live-Sendung: Wie Annett Möller jahrelang gegen Panikattacken kämpfte

Annett Möller
Annett Möller moderierte unter anderem "RTL Aktuell" und war lange Zeit die Hauptvertretung von RTL-Moderator Peter Kloeppel
© Gerald Matzka/ / Picture Alliance
Sechs Jahre lang kämpfte Annett Möller gegen schwere Panikattacken, die sie geheim hielt. Heute hat die Moderatorin einen Weg gefunden, damit umzugehen und teilt ihre Erfahrungen in einem Buch. 

Als RTL-Moderatorin las Annett Möller viele Jahre lang die Nachrichten, bis sich mit einer Sendung zur Zeit um die Bundestagswahl 2009 alles veränderte. Im Interview mit dem stern verrät die 43-Jährige, dass sie jahrelang unter schweren Panikattacken litt. Als Coach und mit ihrem neuen Buch "Liebe Angst, Zeit, dass Du gehst", möchte sie auf das Thema aufmerksam machen und Betroffenen helfen. 

Frau Möller, können Sie die erste Panikattacke beschreiben? 
Das kam völlig unerwartet. Ich bin damals ins Studio gegangen und wollte an diesem Tag ganz besonders gut sein und dachte mir 'Jetzt moderierst du mal richtig cool hier die Nachrichten'. Deshalb hatte ich mit tiefer Stimme angefangen zu sprechen, nicht mit meiner normalen Sprech-Stimme. Und dann war es wirklich so, dass ich merkte: Das war jetzt aber viel zu tief. Weil ich in diesem Moment so tief geatmet hatte, habe ich nicht so richtig Luft bekommen. Das hat mich in Panik versetzt. Denn ich konnte aus der Situation nicht entkommen. Ich hatte drei Minuten Sendezeit, ein Nachrichten-Block am Nachmittag, live. Ich musste das durchziehen, aber ich bekam keine Luft, wie sollte ich das durchstehen?  

Wie hat es sich angefühlt? 
Ich habe in dem Moment mein Leben vor mir ablaufen sehen und hatte Herzrasen, Schweißattacken, Schwindel und massive Übelkeit. Eine richtige Panikattacke. Ich wollte am liebsten fliehen, aber ich wusste auf der anderen Seite auch: Wenn ich jetzt fliehe, wenn ich jetzt raus gehe aus dieser Sendung, dann komm ich auch nicht wieder. Nicht wegen Anderen, sondern weil das ein so furchtbares Erlebnis ist, diese Todesangst zu haben, diese Angst zu haben, zu ersticken, dass ich mich danach nicht wieder dorthin getraut hätte.  

Steckte dahinter auch eine Angst vor der Zuschauerreaktion?
Ich wusste von anderen, wenn die mal einen Blackout hatten, wie die dann in der Öffentlichkeit behandelt wurden. Alle hätten darüber diskutiert, sich lustig gemacht. Deshalb musste ich das irgendwie durchziehen und habe mich am Tisch festgeklammert. Drei Minuten können sich wie eine Ewigkeit anfühlen, in der diese Angst dich fesselt. 

In ihrem Buch "Liebe Angst, Zeit, dass Du gehst. Wie ich mich von Angst und Panikattacken befreite", beschreibt Annett Möller Methoden, die ihr geholfen haben und die sie in ihrer Arbeit als Coach selbst anwendet
In ihrem Buch "Liebe Angst, Zeit, dass Du gehst. Wie ich mich von Angst und Panikattacken befreite", beschreibt Annett Möller Methoden, die ihr geholfen haben und die sie in ihrer Arbeit als Coach selbst anwendet
© Edel Books

War es nach der Sendung direkt vorbei? 
Ich bin da wirklich in einem Wahnsinnstempo durch galoppiert. Ich habe versucht, immer schneller zu lesen, damit ich rauskomme aus der Situation. Als die Sendung zu Ende war fragte man mich aus der Regie über den Knopf im Ohr, ob alles in Ordnung mit mir sei oder was los sei. Ich konnte in dem Moment nicht sagen 'Ich hatte gerade eine Panikattacke', sondern habe es auf einen Migräneanfall geschoben. Ich bekam zwar wieder Luft, fühlte mich aber hundeelend. Ich kann nicht mal mehr sagen, wie ich die Haupt-Sendung am Abend noch gemeistert hab, das weiß ich tatsächlich nicht mehr, das habe ich komplett ausgeblendet. 

Also wussten Sie direkt, was es war? 
Ich kenne die normale Aufregung einer Live-Sendung. Das ist eine andere Adrenalin-Ausschüttung. Aber in diesem Fall war es keine schöne Aufregung mehr, die einfach einhergeht mit dem Job. Es war schlichtweg Todesangst. Hätte ich jedoch nicht gewusst, wie sich der Adrenalinausstoß normalerweise anfühlt, hätte ich anhand der Symptome – Herzrasen, Schweißattacken – auch denken können, dass ernsthaft etwas nicht mit mir stimmt. Dass ich zum Beispiel etwas am Herzen habe. Ich konnte es zusätzlich aber auch mit der falschen Atmung verbinden, das half zumindest es ansatzweise zu verstehen.

Wie ging es nach diesem Erlebnis für Sie weiter? 
Danach hatte ich zwei Wochen frei, die waren schon vorher eingeplant gewesen und ich dachte dann, jetzt erhole ich mich und dann geh ich wieder frisch ran. Doch nach den zwei Wochen merkte ich, dass ich überhaupt nicht erholt war. Ich war fix und fertig und der Gedanke war immer noch da: Was, wenn die Angst wiederkommt?  

Und die Befürchtung wurde bestätigt.
Dann kam es tatsächlich zur ersten Sendung nach meinem Urlaub. Und ich habe vorher schon auf der Toilette gesessen, habe geheult und mich versucht, mit Atemübungen zu beruhigen. Ich weiß noch genau, wie ich im Studio auf dem Stuhl saß und links zu meiner Co-Moderatorin für den Sport sah, mich zurückdrehte und es mich in dem Moment so erwischte, wie ich es befürchtet hatte. Da gab es für mich nur zwei Möglichkeiten: Sitzenbleiben und es irgendwie durchziehen oder ohnmächtig vom Stuhl fallen. Aber dann, das war mir klar, würde ich wohl nicht mehr in der Lage sein, diese Sendung jemals wieder zu moderieren. 

Kam die Angst nur bei beruflichen Herausforderungen oder auch in privaten Situationen? 
In der schlimmen Zeit auch im Privatleben. Es gab Situationen, da saß ich auf dem Sofa und habe gemerkt, dass die Angst kommt. Dann ging es Schlag auf Schlag. Manchmal habe ich gefühlt den ganzen Tag gebraucht, um vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer zu kommen, weil ich zwischendurch nicht weitergegangen oder buchstäblich auf allen Vieren über den Boden gerobbt bin. Ich war total am Ende. 

Was hat das emotional mit Ihnen gemacht? 
Ich war immer eine Macherin, ich habe das von meiner Mutter so vorgelebt bekommen, die hat immer alles angepackt, die Ärmel hochgekrempelt und hat losgelegt. Und so war ich auch immer. Ich wollte immer ins kalte Wasser springen und hatte auch Spaß daran. Und plötzlich konnte ich nicht mehr vorwärtskommen. Plötzlich war ich nur noch ein Häufchen Elend und war gar nicht mehr ich selbst und das war zusätzlich ein Schlag in die Magengrube. 

Als Sie merkten, dass Sie etwas unternehmen müssen, was war der erste Schritt?
Ich hatte eine Therapie, die über etwa zwölf Sitzungen ging und war auch bei einem Neurologen/Psychiater. Dazu habe ich unglaublich viele Bücher gelesen und im Internet recherchiert. Von Hypnose bis Familienaufstellung habe ich alles unternommen.

Welche Übungen haben Erfolg gebracht? 
Progressive Muskelentspannungen haben mir viel gebracht. Ich habe angefangen, zu meditieren und walken zu gehen. Habe mich darauf konzentriert, jeden Schritt ganz bewusst wahrzunehmen, wie der Fuß abrollt, wie sich der Körper bewegt, zu gucken, die Natur um mich herum wahrzunehmen. Wie weht der Wind, was rieche ich, was spüre ich. Mit allen Sinnen wahrzunehmen, was passiert, um im Hier und Jetzt zu bleiben. Wenn nämlich die Angst kommt, sind es die Gedanken, die einen so fertig machen.  Und ein besonderer Schritt war zum Beispiel die Angst wirklich anzunehmen, auch wenn ich sie ja nicht haben wollte.

In Ihrem Buch erwähnen Sie häufiger das innere Kind. Was hat es damit auf sich? 
Wir haben alle verschiedene Persönlichkeitsanteile in uns. Den inneren Kritiker, die inneren Eltern oder zum Beispiel das innere Kind. Das ist der Anteil, in dem unsere Kindheitserfahrungen abgespeichert sind. Das, was wir in unserer Kindheit erfahren haben, gleichen wir heute unbewusst mit neuen Erfahrungen ab.  

Was konnten Sie über sich selbst herausfinden?  
Dieser Persönlichkeitsanteil in mir ist die kleine Annett, die als Kind sehr verletzt wurde. Ich habe mich nicht gehört und geliebt gefühlt. Insbesondere von meinem Vater. Und das nagte damals immer noch an mir. Wenn ich in Situationen kam, die ich unbewusst damit verglichen habe, dann habe ich mich furchtbar gefühlt. Weil ich mir hilflos vorkam. Mir bewusst zu machen, dass es diesen Teil von mir gibt, war sehr entscheidend.

Was macht man denn dann, wenn man sich des inneren Kindes bewusst ist? 
Man findet heraus, was das innere Kind braucht. Was wünscht es sich? Warum fühlt es sich in der Situation so? In meinem Fall: Warum kommt das alles in mir hoch und löst diese Angst aus?  

Das Gefühl, nicht zu genügen und der Eindruck, irgendwie immer mehr geben zu müssen? 
Ja genau. Ich hatte leider nicht so eine schöne Kindheit was die Beziehung zu meinem Vater anbelangt. Das Gefühl, nicht genug zu sein und nicht geliebt zu werden, habe ich mitgenommen ins Erwachsenenleben. Das zu erkennen, war ein riesiger Sprung: Ich kann mir nur selbst helfen. Niemand kann mir diese Leere füllen und den Schmerz heilen. Man muss es selbst schaffen. Und man muss lernen, zu verzeihen und sich aus all dem zu befreien. 

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Die Wenigsten wissen vermutlich, was es mit einer Familienaufstellung auf sich hat. Können Sie das erklären?  
In einer Familienaufstellung die aus der Familientherapie kommt, wird es den Klient*innen möglich die Beziehungen und ihre Wechselwirkungen innerhalb einer Familie darzustellen. Anwesende Personen übernehmen nach den Vorgaben des/der Klient*in die Rolle der einzelnen Familienmitglieder. Es ist eine irre Dynamik die da entsteht und die enorm helfen kann eine neue Sicht auf Probleme zu bekommen. Ich würde immer eine Systemische Familienaufstellung empfehlen.

Ich wollte wissen, warum mein Vater so war, wie er war und habe die ganze Familie väterlicherseits aufgestellt. Die Antworten auf meine Fragen, waren vielleicht nicht so, wie mein Vater sie geben würde, aber mir wurde klar: Er konnte nur so handeln, wie er es getan hat. Weil er es eben auch in seiner Familie so erlebt hat. Das hat mir geholfen, ein neues Verständnis zu bekommen.

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Wieviel hat die Vergangenheit mit Panik und Angst in der Gegenwart zu tun? 
Bei mir sehr viel. Panik oder Angst haben natürlich immer irgendwelche Ursachen. Sodass man sich fragen sollte: Was will die Angst mir sagen? Was will sie von mir? Die Angst ist ein Anteil, der eine Berechtigung hat, da zu sein. Der will dir gar nichts Schlechtes, der will dir etwas mitteilen. Es geht darum, herauszufinden, was das ist.

Was wäre der erste Tipp, den Sie für jemanden hätten, der akut betroffen ist? 
Natürlich sollte man sich an den Hausarzt wenden um andere Krankheiten auszuschließen und dann mit Therapeuten sprechen, vor allem am Anfang, wenn man es selbst nicht einordnen kann. Aber dann heißt es: die Angst annehmen, annehmen, annehmen und wirklich sagen: Es ist okay. Ich lasse es jetzt zu. Natürlich ist es nicht schön und es ist auch nicht leicht, in dem Moment, aber ich lasse es jetzt zu. Die Angst darf da sein, weil je mehr wir uns dagegen wehren, desto schwerer wird es. 

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