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Petra Schürmann: "Wenn Püppchen nicht anruft, ist etwas passiert"

Die TV-Journalistin Alexandra Freund, Tochter der Fernsehmoderatorin Petra Schümannn und des Arztes Gerhard Freund, wurde Opfer eines Selbstmörders. Tobias B. war auf der Autobahn gezielt in ihren Wagen gerast.

Sie konnte sich nicht erklären, woher diese Unruhe kam. Sie war auf einmal da, und sie ließ sie nicht wieder los. Petra Schürmann hatte in der Küche in ihrem Haus in Starnberg gesessen und die Neun-Uhr-Nachrichten gehört. Zufällig. Sonst ist das Radio selten eingeschaltet. Da war diese Meldung von dem schweren Unfall auf der A8 bei Rosenheim durchgegeben worden.

Ihre Tochter Alexandra war an diesem Morgen auf der A8 unterwegs. "Wir haben ein ungeschriebenes Familiengesetz", sagt Gerhard Freund, der Mann von Petra Schürmann und Vater von Alexandra. "Wenn einer unterwegs ist, ruft er kurz an und sagt, dass er gut angekommen ist." Alexandra wollte nach Bad Reichenhall, um für den Bayerischen Rundfunk zu drehen. Das Telefon hätte irgendwann zwischen neun und zehn läuten müssen. Es läutete nicht.

Mein Gott, die wird im Stau stecken, dachte Gerhard Freund. Seine Frau sagte: "Wenn Püppchen nicht anruft, ist etwas passiert." Da wählte er die Nummer von Alexandras Handy. Es klingelte, dann meldete sich eine Stimme: "Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar." Inzwischen war es nach zehn. Gerhard Freund rief bei der Polizei in Starnberg an, ob die klären könnte, was passiert sei. Und weil die Unruhe seiner Frau von Sekunde zu Sekunde wuchs, fing er an, die Krankenhäuser in Rosenheim abzutelefonieren. "Ist bei Ihnen eine Alexandra Freund eingeliefert worden?"

Der Chef der Starnberger Polizei überbrachte die Nachricht von Alexandras Tod gegen Mittag. "Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich festgehalten werden musste", sagt Gerhard Freund. Er wird 78, hat viele Jahrzehnte als Internist praktiziert, er ist ein besonnener, disziplinierter Mann, der in jeder Situation Stil und Fassung bewahrt. "Aber in diesem Moment bin ich unmännlich und hysterisch geworden. Ich habe gesagt: 'Vielleicht liegt sie noch am Straßenrand und ist nur nicht entdeckt worden?'"

Die Polizeibeamten brachten Gerhard Freund ins Wohnzimmer. Petra Schürmann saß auf dem Sofa. Sie hatte es geahnt. In ihrem Schock wollte sie sofort zur Unfallstelle fahren. Sie wollte helfen. "Aber es gab doch nichts mehr zu helfen", sagt Gerhard Freund. Dann ist sie zusammengebrochen. Ein Arzt musste kommen und ihr ein Beruhigungsmittel spritzen.

"Eine Kindheit, für die allein es sich schon zu leben gelohnt hat"

"Ich hatte eine Kindheit, für die allein es sich schon zu leben gelohnt hat", hatte Alexandra Freund einmal in einem Interview gesagt. Sie ist 34 geworden. Nächsten Monat wollte sie heiraten. Ihren Verlobten kannte sie seit der Schulzeit. Er hat eine kleine Computerfirma, und seine Eltern bauten dem Paar gerade eine Villa. Nach der Hochzeit sollten die beiden einziehen.

Alexandra Freund wurde von einem 23-Jährigen getötet. Er war auf die Autobahn gefahren, hatte plötzlich gewendet und war ihr, über mehrere Kilometer hin, mit Vollgas entgegengerast. Drei Autos hatte er bei seiner Geisterfahrt gestreift. Es hätte jeden treffen können. "Der Junge ist nicht verantwortlich für das, was er getan hat", sagt Gerhard Freund. "Er ist nicht der Böse. Er ist geworden, was das Schicksal aus ihm gemacht hat."

Tobias B. ist bei seinen Großeltern in Rosenheim aufgewachsen. Seinen Vater hat er kaum gekannt, die Mutter, eine ehemalige Friseurin, war nicht in der Lage, ihn zu erziehen. Sie ist Frührentnerin. Die Großeltern liebten den Jungen, aber sie wurden mit ihm nicht fertig. Irgendwann gaben sie ihn in ein Heim und waren froh, als er den Hauptschulabschluss schaffte und die Lehre als Kfz-Mechaniker bei Mercedes. Seit Oktober war er Zivildienstleistender in der Diakonie und verkaufte alte Möbel in einem Trödelladen.

Vor wenigen Jahren hatte Tobias B. schon einmal einen schweren Unfall verursacht. Er war betrunken gewesen, und ein Mensch musste sterben. Er liebte Autos. Seinen alten 230er Mercedes hatte er mühevoll zurechtgemacht. Tobias B. war ein stiller Junge. Manche sagen, er hatte kaum Bekannte. Ein Mädchen, mit dem er gern zusammengezogen wäre, war ihm gerade weggelaufen. Er hatte nur einen Freund, mit dem er ständig zusammen war. Auch am Abend vor der Tat. Die beiden hatten ein Video ausgeliehen, eine Flasche Jim Beam besorgt und sich vor den Fernseher gesetzt. Am nächsten Morgen fuhr Tobias den Freund noch zur Berufsschule. Dann tötete er sich - und nicht nur sich. Der Freund sagt: "Tobias war so normal wie immer. Als ich von dem Unfall hörte, dachte ich erst, er hätte sein Auto verliehen."

Der Umgang mit dem Schmerz

Gerhard Freund hat jede Zeile gelesen, die in den Zeitungen über Tobias B. stand. Ihm zu verzeihen ist seine Art, mit dem Schmerz umzugehen. Und während sich Petra Schürmann zurückgezogen hat und nur mit wenigen Freunden redet, möchte er am liebsten jedem erzählen, was für ein wunderbares Wesen seine Tochter war. "Als sie sieben war", sagt er, "wollte sie unbedingt in die Stadt zum Einkaufen. Sie hat ihr Taschengeld genommen, und als wir an der Theatinerkirche vorbeikamen, saß da ein Bettler ohne Bein. Alexandra hat ihr ganzes Taschengeld in seinen Hut geworfen. Ich habe gesagt: 'Püppchen, das ist sehr großzügig von dir.' Sie hat geantwortet: 'Papi, dieser Mann wird nie im Leben so glücklich sein wie ich.'"

Als Gerhard Freund die Beerdigung in Aufkirchen organisierte, schlug ihm die Gemeinde vor, die Kirche abzusperren, um Schaulustige fernzuhalten. Das hat ihn geärgert: "Es gibt so viele Menschen, die Alexandra geliebt und verehrt haben. Denen kann ich doch nicht aggressiv gegenübertreten. Jeder darf zur Andacht kommen. Nur die Beisetzung wird mit Rücksicht auf Petra im engsten Familienkreis stattfinden."

Petra Schürmann steht noch immer unter Beruhigungsmitteln. Die Münchner Lokalzeitungen spekulieren darüber, ob sie jemals wieder vor der Kamera auftreten wird. Der Zustand von Alexandra Freunds Kollegin Carolin Mayer, die neben ihr im Wagen saß, bessert sich langsam. Sie liegt im künstlichen Koma.

Motiv der Tat unklar

Was Tobias B. zu seiner Tat getrieben hat, ist noch ungeklärt. Die Polizei hofft, einen Abschiedsbrief zu finden. Womöglich gibt es keinen. Womöglich ist alles das Resultat eines Zufalls. Vielleicht hat Tobias sich in der Nacht zum Donnerstag durch die Fernsehprogramme gezappt. Vielleicht ist er hängen geblieben bei einem Film im WDR, "Treffpunkt Kronen-Bar". Es geht darin um eine Clique junger Männer, die Drogen nehmen, in den Tag hineinleben. Eines Nachts rasen sie mit ihrem Wagen als Geisterfahrer durch einen dicht befahrenen Tunnel. Sie überleben.

Vielleicht hat Tobias B. diese Szene gesehen und sich am nächsten Morgen einen Joint gedreht, und dann ist er auf die Autobahn gefahren. Bei der Obduktion wurden Spuren von Cannabis gefunden. Sein Freund sagt, er wisse nichts davon.

Vielleicht war es auch nur Zufall, dass der Film in dieser Nacht lief. "Unser ganzes Leben besteht aus Zufällen", sagt Gerhard Freund. "Und ein Zufall, den man nicht mal mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung messen kann, hat Alexandra das Leben gekostet."

Andreas Albes

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