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Pirelli-Kalender 2004: Was ihr wollt

Männerfantasien interessierten Nick Knight nicht. Stattdessen setzte der Fotograf für den neuen Pirelli-Kalender die Ideen prominenter Frauen wie Catherine Deneuve, Courtney Love und Liv Tyler um.

Ein halb nacktes Mädchen tanzt auf einer verschwommenen Menschenmasse. Ein anderes schlummert friedlich auf Watte in einem Kelch, der auf Nervenenden thront. Ein drittes verschwimmt blauhäutig in einem Dschungel aus Blüten und Farbklecksen. Wer, bitte, hat solche Fantasien? Catherine Deneuve, die Grande Dame des französischen Kinos? Die einstige Callgirl-Mutter Hollywoods, Heidi Fleiss? Die Skandal-Schriftstellerin Catherine Millet? Oder gar die isländische Pop-Tüftlerin Björk?

Jedenfalls nicht: Nick Knight. Der britische Starfotograf hatte den Auftrag bekommen, den 31. Pirelli-Kalender zu gestalten. Der ist, wie seine 30 Vorgänger, nicht zu kaufen, sondern ein hochexklusives Werbegeschenk, das an ausgewählte Geschäftspartner des italienischen Reifenherstellers sowie Show- und Gesellschaftsgrößen verschickt wird. Exklusiv ist er immer noch, konzeptionell dieses Jahr aber ganz anders.

Nicht aus rein männlicher Sicht

"Ich wollte nicht, dass der Kalender Frauen aus rein männlicher Sicht zeigt", erklärt Knight, der die oberflächlichen Stereotypen der Mode- und Werbefotografie gern mal durchbrach, indem er Behinderte oder Greise als Models engagierte. In den vergangenen Jahren diente das Blattwerk vorwiegend als Projektionsfläche für Erotikinterpretationen hoch dotierter Kamerakünstler - mal puristisch in grobkörnigem Schwarzweiß (Peter Lindbergh), mal ironisch exhibitionistisch (Mario Testino), mal als schwüle Alltagsimpressionen aus Italien (Bruce Weber). Knight begegnet dieser Tradition mit einem fast feministischen Gegenentwurf.

"Das Ganze ist ein Maskenball"

"Also habe ich mich entschlossen, für dieses Projekt die Frauen entscheiden zu lassen, was sie in einem Pirelli-Kalender gern sehen würden und welches Thema sie aussuchen." Neben Deneuve, Fleiss und Björk bat er elf weitere Frauen (zwölf Monate plus zwei Titelblätter), unter ihnen die Schauspielerin Isabella Rossellini, die Modedesignerin Stella McCartney, die Sängerin Marianne Faithful oder die Künstlerin Tracey Emin, zum ganz persönlichen Brainstorming.

Welche Idee von wem stammt, wird im fertigen Produkt ganz bewusst nicht verraten. "Das Ganze ist wie ein Maskenball", so Knight. Klar erkennbar immerhin: An Autoreifen hat dabei keine gedacht.

Großformatiges, psychedelisches Rätselheft

"Im Traum sehen wir Dinge in Weitwinkelperspektive", weiß Nick Knight. "Manche Details der Bilder sind klar zu erkennen, während andere unscharf sind. Ich wollte Fantasien erwecken und die Formen und Situationen nur andeuten und skizzieren." Die optische Umsetzung der prominenten Kopfgeburten in den Londoner Park Royal Studios mit arrivierten und Nachwuchs-Models gerät so zu einem großformatigen, psychedelischen Rätselheft. Mit der Verfremdung der Motive am Computer fabrizierten Knight und sein Art Director Peter Saville, die bereits seit einigen Jahren an der Grenze zwischen klassischer Fotografie und digitaler Kunst experimentieren, einen surrealen Urknall zwischen Rohrschachtest, Comic und Drogentrip.

Was könnte man also den jetzt zahlreich verschreckten Kalender-Beziehern mit auf den Weg geben? Vielleicht die Gebrauchsanweisung des Dezemberblatt-Models Pollyanna McIntosh: "Je länger man hinsieht, umso mehr kann man erkennen." Zeit genug ist ja. Je einen Monat lang.

Bernd Teichmann / print