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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Lasst mir meinen Lippenstift – dann lasse ich Euch Euren Whiskey!

Laura Karasek ist Rechtsanwältin in einer großen Wirtschaftskanzlei in Frankfurt. Sie liebt es, eine Frau zu sein, aber manchmal fragt sie sich, ob es nicht noch besser sein könnte als Frau in einer Männer dominierten Welt. Braucht sie ein dickeres Fell oder reicht nicht auch eine Pelzweste?

Hier in der Kanzlei werden nur Blackberries geerntet, aber keine Komplimente

Hier in der Kanzlei werden nur Blackberries geerntet, aber keine Komplimente

Frankfurt. Neulich stand ich im Aufzug. Ich befand mich in einem Hochhaus einer großen Bank. Morgens, halb zehn in Deutschland, kein Knoppers, dafür viel Haargel und wenig Worte. Keiner grüßt. Weder beim Einstieg noch beim Ausstieg. Kein Lebewohl. Kein Willkommen und Abschied. Die meisten Herren – in maßgeschneiderten Anzügen, Budapestern – halten sich für vornehm, pressen sich aber trotzdem vor mir und den anderen beiden weiblichen Mitfahrern aus dem Fahrstuhl, als gäbe es da draußen Freibier. Freigel. Hier werden nur Blackberries geerntet, aber keine Komplimente. "Selbst schuld!", scheinen sie uns zuzurufen.

Ist das Gleichberechtigung? Sind schlechte Manieren irgendwie cool? Und wenn ja: warum?

Ich möchte im Aufzug vorgelassen werden. Die Herren tun einen Schritt zur Seite und man spaziert vor ihnen hinaus. Nicht wichtig, aber irgendwie schön. Ich möchte, dass jemand den Knopf für mich drückt und fragt "Wohin wollen Sie?". Ja und wohin wollte ich dann eigentlich, "wenn ich das wüsste", hätte ich gern geantwortet. Oder er hätte – meine Pflicht erkennend – gefragt "wohin müssen Sie?" -"Man muss immer hoch. Aber ich will eigentlich gar nicht immer." Lasst uns stehenbleiben, steckenbleiben. Und dann hätten wir uns angelächelt. Oder er hätte mich peinlich gefunden und trotzdem gelächelt. Wie auch immer: man wäre irgendwie beschwingt ein- oder zumindest ausgestiegen. Hier nicht. Hier lächelt keiner. Aufzugfahren ist eine ernste Angelegenheit. Ebenso wie Bahnfahren, Busfahren, Schlange stehen, ins Theater gehen. Ernst und wichtig. Sind wir Anwälte, Berater, Banker, Deutschen denn so ernst und wichtig? Stellt Euch nicht so an. Es gibt doch nichts charmanteres, als Menschen, – ob im Anzug oder im Aufzug – die sich nicht so ernst nehmen. Dann doch lieber Treppenlaufen. Macht wenigstens einen knackigen Po. Ich arbeite im 35. Stock. Die Grußlosigkeit macht meinem Gemüt zu schaffen. Es könnte so einfach sein – ist es aber nicht.

Am Anfang gibt man alles, am Ende tut's weh

 "Du musst Dir ein dickeres Fell zulegen", sagte ein Kollege, kurz nachdem ich in einer Wirtschaftskanzlei angefangen hatte. Der erste Job. Fast wie die erste Liebe. Am Anfang gibt man alles, am Ende tut's weh.

 "In der Liebe gibt es immer einen Anfang und ein Ende. So ist das eben. – Aber was ist mit der Zeit dazwischen? – In der Zeit dazwischen trauert man dem Anfang nach und wartet auf das Ende." Catherine Deneuve

 Wollte ich denn dieses "dicke Fell" – oder reichte nicht auch eine Pelzweste? Wenn wir das Schlechte nicht mehr an uns heranlassen - was geschieht dann mit dem Guten? Bleibt das auch draußen? Vielleicht gibt es ja eine Zwischenlösung: ein Fell mit Filter.

 Na ja, die Männer fördern sich wenigstens gegenseitig – so jedenfalls mein Eindruck. Die prosten sich zu, klopfen sich auf die Schulter, gründen whatsapp-Gruppen mit schmutzigen Sprüchen und E-Mail-Verteiler mit schlüpfrigen Bildchen (bis zum Durchsuchungsbefehl). Die Chefs suchen sich Nachwuchs, Fans, Schützlinge - junge Eiferer, die sie selbst jung und cool erscheinen lassen. Man duzt sich. Man spricht über "Weiber" und Macht. Oder man fachsimpelt über Technik, Autos, die besten Werkzeugkästen, die besten Lebensversicherungen, Rotweine, Golfplätze.

Frauen machen es sich oft schwer

Wer erfolgreich ist, will sich nicht ständig mit jüngeren Frauen umgeben. Und wir jungen Dinger haben mehr Angst vor den Managerinnen, weil unsere Weiblichkeit sie nicht beeindruckt, weil ihr Blick strenger und kritischer ist, weil ihnen der Beschützerinstinkt fehlt und weil unser Lächeln sie nicht erweicht. Fördern macht Arbeit. Warum sollten die wenigen Chefinnen den Jüngeren beibringen, was sie selbst so hart erarbeiten mussten? Denn jede hat es als eine von hundert Frauen ganz alleine ganz nach oben geschafft – und wir sollen uns ebenso anstrengen, leiden und kämpfen. Denn eigentlich gilt: Jugend sticht! Neidisch könnten sie sein, weil sie möglicherweise auf Kinder, auf Zeit mit der Familie, auf Männer oder auf Weiblichkeit verzichtet haben. Und misstrauisch könnten sie sein, weil junge Frauen anders ticken. Sie wollen alles: Karriere, Kinder, Kleidung, Küsse, keine Kohlenhydrate, Krafttraining. Früher wurde man dann als "Powerfrau" bezeichnet. Ich finde diesen Begriff bescheuert. Das klingt wie ein Molkeriegel. Nach dem Sport. Nach so einer spaßbefreiten Drilldompteurin. Sogar der Begriff "Karrierefrau" ist im Duden online wie folgt definiert:

 1. Frau, die dabei ist, Karriere zu machen, bzw. die eine wichtige berufliche Stellung errungen hat

2. (oft abwertend) Frau, die ohne Rücksicht auf ihr Privatleben, ihre Familie ihren Aufstieg erkämpft [hat]

 Kann man nicht Karriere machen und trotzdem "Rücksicht" auf sein Privatleben nehmen? Und warum überhaupt "Rücksicht", als sei das Privatleben ein Pflegefall, ein lästiges Haustier. Mein Privatleben braucht keine Rücksicht, im Gegenteil: es braucht Cocktails und Freunde und dann Ibuprofen. Ist es heute nicht sogar so, dass wir im Privatleben weniger verspielen wollen und in der Karriere schon mal zocken? Ein Freund von mir ist für den Job nach Riad gezogen. Das würde ich vermutlich nicht tun. Ist das ein Problem? Bin ich als Frau weniger flexibel, zu gebunden, zu vernetzt in meiner Heimat, zu verwurzelt? Ist mir mein Privatleben wichtiger und bin ich weniger bereit, darauf zu verzichten – oder hat der Typ, der nach Saudi Arabien geht, bloß keines, auf das er verzichten könnte?

"Ich mag Männer, ich liebe Männer, ich brauche Männer"

Also gut: ich bin eine Frau. Ich mag Lipgloss. Ich bin gegen das Plattbügeln von Weiblichkeit und Männlichkeit. Ich finde es okay, wenn ich sage, dass ich einen Mann brauche. Am liebsten einen ohne Strickjacke, Schnupfen und Wärmflasche. Einen richtigen, der mich beschützt und nicht friert oder fleißiger Kalorien zählt als ich. Ich will so eine Art Richard Burton, einen dichtenden Boxer, einen Liebesbrief schreibenden Herkules. Keinen Vegetarier mit Harfe. Keinen Celine Dion Fan. Keinen Kamillenteetrinker.

Aber darf ich sowas sagen? Ich mag Männer, ich liebe Männer, ich brauche Männer. Ich bin ohne sie nicht glücklich. Ich trage gern hohe Schuhe, weil ich mir auf ihnen gefalle. Wenn ich ehrlich bin: auch und vor allem, weil sie Männern gefallen. Na und? Hohe Schuhe haben schon bei manchem Liebeskummer eine Schlacht gewonnen (und vielleicht auch mal vor Gericht). Warum also das Frausein aufgeben?

Ich habe früher auch im Büro geweint. An meinem Computer geheult. Auf dem Damen WC. Sogar mal in der Kantine. Manchmal wollte ich, dass es keiner sieht. Und manchmal wollte ich, dass es jeder sieht. Seht her, ihr habt mich verletzt! Ihr macht mich fertig! Ihr dummen Säcke ohne Gefühle. Ich wollte getröstet werden, gesehen werden. „Du darfst im Büro nicht schluchzen,“ sagten die jungen Kollegen damals und verdeckten meine roten Augen mit ihren breiten Schultern. Ich habe es dann schnell mit Puder übermalt.

 Wie kommt man also an so ein Fell? Sich nichts anmerken lassen oder nichts mehr fühlen? Abstumpfen oder abdecken? Noch mehr Schminke?

Eine Frau, die aggressiv ist, hat entweder ihre Regel oder ist schwanger

Als ich irgendwann zum ersten Mal zurückgeschnauzt habe, standen zwei Männer in der Tür und sagten "Oh, sie hat wohl heute ihre Tage!" Eine Frau, die aggressiv ist, hat entweder ihre Regel oder ist schwanger. Eine Zicke, empfindlich, eine Diva. Eine Frau, die mit dem Chef zum Abendessen geht, gerät ins Gerede. Der Chef auch – aber es schadet ihm nicht unbedingt. Eine Frau muss sich für ihre kurzen Röcke und engen Hosen ("wie mit Bodypaint aufgemalt") verantworten, ein Chef für seinen Blick auf den Rock nicht immer. Es sei denn, eine Frau – beispielsweise ich –  regt sich darüber auf. Tue ich aber nicht. Wir sind doch keine Feinde. Ein Blick kann Freude machen, genau wie ein Rock.

 Bei Gericht zum Beispiel hat mir das Frausein nie geschadet. Die Anwälte der Gegenseite mit Alphastimme und Alphaanzug witterten meine Schwachstellen, spielten sich auf, bäumten sich eitel im Gerichtssaal. Ich war jung, blond, unerfahren. Und die Richter hatten oft mehr Sympathie für die "junge Kollegin" – die auch abwertend als solche von der Gegenseite bezeichnet wurde ("Mit Verlaub, junge Kollegin!"). Oder wir hatten schlicht die besseren Argumente.

Lasst mich doch Frau sein, lasst mir meinen Lippenstift und ich lasse Euch Euren Whiskey.

Ich will doch nur im Aufzug vor Euch raus. Ich verspreche auch, nicht mehr zu weinen. Oder nur heimlich. Und in der Kneipe kann ich mithalten und ich werde lachen, auch wenn ihr zum fünften Mal den Spruch bringt "Heute singt für Sie! … Das Niveau." Ich kann mich auf Euer Niveau saufen. Und falls ich vorher umkippe, wäre es trotzdem lieb, wenn ihr mich ins Taxi setzt. Danke.

Das waren noch schöne Zeiten: Udo Jürgens wusste, was er wollte:

Ich weiß
was ich will.
Ich will die Leidenschaft
mit der du mich liebst

die sanfte Zärtlichkeit
wie du sie mir gibst

die Illusion
du lebst allein nur für mich

die brauche ich.

Ich weiß
was ich will.
Ich will
daß endlich etwas Neues beginnt

daß wir wie ein Gedanke
ein Körper sind

das ist mein Ziel.
Sag' mir nur eins: Will ich zuviel?

[…]

Ich weiß
was ich will.
Ich will dich ganz und gar und immer um mich

was uns im Wege steht
das ändere ich

Ich hab' noch nie im Leben Berge versetzt

ich tu' es jetzt.