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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Sellerie, Selfies und Schüssler Salze sind der neue Sex

Laura Karasek kann es nicht verstehen, dass es sich in unserer Gesellschaft nur noch um Selbstoptimierung dreht. Wir aber keine Zeit mehr für Genuss oder Lust haben. Die Rechtsanwältin hat lieber Glut im Herzen als glutenfreien Keks im Magen.

Lieber Selfies als Sex? Für Laura Karasek ist das nicht nachvollziehbar

Lieber Selfies als Sex? Für Laura Karasek ist das nicht nachvollziehbar

Wann haben Sie zum letzten Mal etwas genossen?

Ich meine nicht so einen raschen Salat bei Vapiano am Mittag oder einen Matcha Latte mit Mandelmilch to go. Sondern die Freude an der Völlerei, an echter lasterhafter Lust. An allem, was man verschlingen kann. Das Einzige, was von den zwei schönsten aller Todsünden "Luxuria", (auch Wollust, Ausschweifung, Genusssucht, Begehren) und Gula, (Völlerei, Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht) noch übrig geblieben zu sein scheint, ist die Selbstsucht.

Einer Studie zufolge verbringen junge Frauen sechs Stunden pro Woche nur damit, sich für Selfies zu schminken, zu stylen und abzulichten. Was man in sechs Stunden so alles erleben könnte! Noch beunruhigender: Neulich habe ich gelesen, dass nur noch 67 Prozent der Deutschen sexuell aktiv sind. Das ergab eine Langzeitstudie der Uni Leipzig. Und: Mehr Paare zwischen 60 und 70 sind sexuell aktiv als junge Singles zwischen 20 und 30 – wie gut, dass ich schon über 30 bin! Junge Menschen konsumieren ihre Sexualität scheinbar lieber im Internet. Echte Haut? Wie out!

Online wird das Image als sexy Sportskanone mit gestähltem Körper gepflegt #workout #healthylife #fitforfun #mygirlfriendishotterthanyours (but we never touch), Knutschmund, Duckface, Bikinipic. Alle twittern über die besten Detoxsuppen, Kokoswasser, kaltgepresste Basilikumselleriesäfte und veganes Essen – aber wozu ist der perfekte Körper da, wenn niemand ihn mehr anfasst? #nosex #fitbutunfucked #nocatchoftheday #zuschönumbeimbumsenzuschwitzen #vögelgrippestattvitaminC #weizengrasenstattblasen #selleriestattonanie #schlechtimbettabergutimleben. Es geht mehr ums Vorgaukeln, ums Vorspielen als ums Vorspiel.

Maßlos sind wir heute nur, wenns ums Maßhalten geht. Der Genuss der Entsagung.

Wir kennen den Calciumgehalt von elf verschiedenen Wassersorten – aber Rouladen nur noch aus Omas Erzählungen. Ich habe einen Freund, der sich vier Wochen lang ausschließlich von Quark ernährt hat. Muskelaufbau durch Genussabbau. Es sei ihm nicht schwergefallen, so habe er sich "nicht so lange mit Essen beschäftigen müssen" sagte er. Effizient – nur leider extrem ungesellig. Irgendwie schien sein Gehirn unter Eiweißschock: denn an was erfreut man sich bloß, wenn man eine Mahlzeit schon als „Last“, als Zeitraub versteht? Geht man auf Quarkparties und lästert über Laktose? Als er mit dem Quark endlich abgeschlossen hatte (und ich meine den "Quark" hier durchaus metaphorisch), aß er sechs weitere Wochen nur noch Eiweiß. Natürlich von glücklichen Eiern – aber von acht Eiern. Das Gelbe vom Ei landete im Müll. Immun durch Huhn.

Auch Orthorektiker essen nur Gesundes und meiden Lebensmittel mit künstlichen Zusatzstoffen. Sie schlagen lieber eine Einladung zum Abendessen aus, weil sie sich vor Pizzen, Pommes oder Pfannkuchen dort fürchten. Zur Not nehmen Orthorektiker sogar ihre eigene Bio-Rohkost mit auf eine Party. Wer hat nicht gern eine Lauchstange, Kohlrabi oder ein paar rote Beete Kugeln in der ökologisch wiederverwertbaren Handtasche?

Ein paar Sünden, ein paar Vergehen sollte man sammeln

Gut, nun kann man natürlich sagen, dass auch im Dünnsein ein gewisser Genuss liegt. Ich halte nichts von dem Irrglauben, dünne Menschen seien freudlos und spaßbefreit und die Dicken seien immer heitere Genießer. Es gibt auch dicke Langweiler. Und Lebensfreude kommt natürlich durch Sport und Aktivitäten. Sich wohlfühlen, schlank sein, gesund essen – alles toll! Aber ein paar Sünden und Vergehen sollte man trotzdem sammeln. Die Welt ist zu glatt. Es gibt zu viel Disziplin und zu wenig Mut für Adrenalin.

Wir trinken Spinat, statt ihn zu essen, uns fehlt der Biss, alles soll schnell und effizient gehen. Und Kauen dauert. Sex plus Vorspiel auch. Also lieber eine Mahlzeit schlürfen wie ein zahnloser Greis. Avocado statt Libido. Smoothie statt Schmusen. Und Sex ist auch nur ein weiteres "to do" geworden, kalt gepresst und nicht mal smooth? Immerhin zum Kindermachen (oft ohne Genuss, sondern nach Fruchtbarkeits-apps wie dem "period tracker") taugt der Sex noch. Ich habe eine Freundin, die bereits im 3. Schwangerschaftsmonat ganze vierzehn (ja, 14!) Babyratgeber gelesen hat. Alles wird zur Hausaufgabe. Die weiß mehr als ich. Und ich habe schon zwei Kinder. Und meine Kinder leben noch (was bei der Anzahl der Ratgeber, die ich in der Schwangerschaft gelesen habe – nämlich 0, gesprochen NULL – an ein Wunder grenzt)!

Warum gibt es nicht eine Pille für alles?

Und dann die ganzen Zusatzpräparate! Wir trinken jeden Tag Brausetabletten: Aminosäuren, Bierhefe, Magnesium, schlucken Heilerde und Lachsöl-Omega-3-Fettsäure-Kapseln fürs Hirn, Biotin für Haut und Haar, Baldrian fürs Gemüt, Artischockenpillen für den Magen (wie solls dem auch gehen nach lauter Eselsmilchhafertalern und Grünkernwürstchen?), Globuli und Schüssler Salze. Und morgens nüchtern einen Liter angerührte Molkeproteine mit Weizengras trinken (Obacht: Wechselwirkungen mit Vergnügen und Schnitzeln sind bekannt! Am besten wirken die Präparate mit Grüntee, den kleine Meerschweine in einer Provinz in China gepflückt haben). Auf ein langes Leben! Abends unzerkaut. Von wegen Lutschen! Von wegen auf der Zunge zergehen lassen! Runter mit den Shakes, den Antioxidantien und dem Leben! Die Vitaminpillenpackungen stapeln sich auf unserem Nachttisch, leergefressene Plastikhüllen, überall herumflatternde Packungsbeilagen und mitten in diesem Haufen liegt der Irrglaube, künstliche Vitaminpräparate aus der Fabrik könnten Sehnsucht heilen.

Und warum gibt es nicht eine Pille für alles? Auch für Sex? Bloß keine Zeit verlieren. Vielleicht kann man Orgasmen demnächst ja auch als Pille einwerfen.

"Lang leben will halt jeder – aber alt werden will kein Mensch!" Hat der weise Österreicher Johann Nestroy schon vor 200 Jahren erkannt.

Sexy aussehen will auch jeder, echter Sex plus Gefühle macht zu viel Mühe. Wieder einmal geht es nur um den Schein.

Können junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, Sex deshalb nicht mehr genießen, weil sie von "Youporn" und Co übersättigt sind? Normaler Beischlaf reicht nicht. Es muss was Exotisches sein! Etwas mit Anspruch und Kreativität. Jeder denkt, er sei schlecht im Bett, sobald er nicht den perfekten Körper und keine verrückten Vorlieben hat.
Leiden die 20 bis 30-Jährigen unter Lustkummer? Also ich hab lieber Glut im Herzen als glutenfreien Keks im Magen.

Wer fasst denn lieber das iPad an statt einen echten Menschen? Der Touchscreen will zwar auch berührt werden. Und dem muss man nichts erklären, nicht um ihn werben, Siri nicht in die Augen schauen. Aber dadurch werden wir immer verklemmter. Niemand hat mehr den Mut, sich wirklich zu zeigen, zu lieben, zu fallen. Instagram erzeugt Druck. Der Vergleich mit den bearbeiteten Fotos und Videos sorgt dafür, dass wir uns nur noch ungern ausziehen. Vorerst wird so lange optimiert (und onaniert), bis man den Ansprüchen der vom Netz verwöhnten Augen gerecht wird.

Aber beim Sex gibt es kein Photoshop, keinen Filter, keine Hashtags. Und posten kann man ihn auch nicht. Sinnlos also. Für die Netzwelt unsichtbar. Für das Gegenüber zu real. Realität ist gefährlich. Vor allem für die Sehnsucht, das Selbstbild, die Selbstdarstellung. Lieber Twitter statt Tripper‎. Wir wollen keine Erfüllung, wir wollen Verheißung. Kaum können wir tun, was wir wollen, wollen wir nicht mehr tun, was wir können. Könnten! Die Option reicht ja.

Wo bleibt die Lust?

Wo bleibt die Lust an der Lust an sich – ohne höheren Zweck? Vielleicht sollte man eine App erfinden, die Dauer und Qualität des Geschlechtsverkehrs misst. Dann könnte man das wenigstens posten und sich messen. Pimmelpunkte sammeln, Sternchen für die originellste Stellung. Die App wäre eine Art runtastic, die den Verlauf des Dates aufzeichnet (zurückgelegte Wege, Anzahl der Komplimente, Getränkekonsum, Promille, Kalorienverbrauch beim Sex, Herzfrequenz). Nur wird hier nicht gejoggt, sondern gebaggert. Kurzstrecke oder Langstrecke. Oder statt der Apple Watch eine Rammel Watch. Das Handy überwacht heute schon unseren Schlaf – warum dann nicht auch unseren Beischlaf?

In einer Welt, in der alles Messbare scheinbar so reizvoll ist, verliert das Unmessbare an Wert.

Denn messen wollen sich alle. Die Anzahl unserer Fans auf Twitter ist sichtbar. Sind wir lieber beliebt als geliebt zu werden? Oder kann man uns nur lieben, wenn wir zur Hälfte aus Quinoa und zur anderen Hälfte aus Amaranth bestehen? Ist unser Streben nach Perfektion nur ein stummer Schrei nach Liebe?

Denn der Nachweis der Erfolge gelingt nicht in der Zurückgezogenheit der Zweisamkeit, der Utopie der Hingabe, dem Sex an sich. Der Pause vom Denken, vom Kontrollieren, Organisieren, Funktionieren, Optimieren. Aber diese Pause haben wir uns verdient. Nicht erst mit 70!

"Dem verbreiteten Gedanken zuwider Erschaffen Worte keine Welten; Der Mensch spricht, wie der Hund bellt. Um seinen Zorn oder seine Angst auszudrücken. Die Lust ist lautlos, Genau wie das Glücksgefühl."

Michel Houellebecq