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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Die bumsende, fleischfressende Feministin mit roten Lippen – warum das total klar geht

Wer Feministin ist, muss auf Glitter und Nagellack verzichten? Keineswegs findet stern-Autorin Laura Karasek. Ihr Credo: Frau kann glücklich, gebürstet und gevögelt sein – und trotzdem Feministin. 

Von Laura Karasek

Getty Images

Du siehst gar nicht aus wie eine Schriftstellerin!" Warum, weil ich gern Selbstbräuner auftrage und mir die Nägel rot lackiere?

Aber wie haben Anwältinnen, Mütter, Emanzen, Schlampen, Intellektuelle, Lehrerinnen, Ehefrauen, Physikerinnen, Singles denn bitte auszusehen? Leider heißt es für Frauen immer noch entweder/oder: Puder oder Politik, Nietzsche oder Nagelstudio. Dabei gibt es sie, die bumsende, fleischfressende Feministin mit roten Lippen!

Auch eine Frau, die sich botoxt, kann doch promoviert haben. Auch eine Frau, die für Gleichberechtigung kämpft, kann leidenschaftlich blasen. Auch eine Frau, die gern in Hotpants rumläuft, kann Politikerin sein.

Die Klischees, die eine zottelige, ungewaschene und ungebumste Feministin zeichnen, sollen uns davon abhalten, zu heiß auf Gleichberechtigung zu sein. Schaut her, was aus denen wird, die sowas wollen! Es ist ein abschreckendes Warnsignal, wie die Fotos von schwarzen Lungen auf Zigarettenschachteln. Und wir Frauen wollen den Männern schließlich doch gefallen. Alleinsein ist gesellschaftlich total erbärmlich, bemitleidenswert. Denn wenn kein Typ Dich geil findet: bist Du vielleicht einfach schlecht im Bett, hast strengen Körpergeruch oder einen zu üppigen Bauchumfang. 

Und ach, wir Frauen sollten uns doch glücklich schätzen, wir gehen ja heutzutage schon arbeiten und wählen! Was wollen wir denn noch alles! Man soll den armen Mann nicht noch mit zu viel Intelligenz, Freiheit und Gier überfordern.

Man soll als Frau möglichst wenig trinken und möglichst leise sein. Für uns gelten immer noch andere Regeln, wenn es um Rausch, Geld und Lautstärke geht. 

Uns wurde schließlich so viel gegeben und ermöglicht – da könnten wir jetzt ruhig mal dankbar sein. Aber der Pakt, der geschlossen wurde, hatte eine Kehrseite: Es war ein Tausch, kein Geschenk. Nie war das Schönheitsideal so hart wie heute.

Wir dürfen anziehen, was wir wollen

Für all die hübsche Freiheit und entzückende Selbstbestimmung hatten wir mit etwas zu bezahlen: Dem Recht, selbst zu entscheiden, wie wir aussehen, wie wir uns darstellen, kleiden, stylen. Die eine hat zu flache Titten, die andere wabbelige Schenkel, billige Schlampe versus ungebürstete Hexe. Wir können es nicht richtig machen. Die Gazetten sind voll mit weiblichen Stars im Magerwahn, im Kampf gegen das Alter, Fotos von hängenden Hintern, ausgesaugten Luftmatratzengesichter, überspritzt, unterfüttert. Aber die Magazine retten uns und bieten Hilfe: damit wir endlich lernen, wie man am besten abnimmt, blow jobs gibt und den lang ersehnten Heiratsantrag bekommt. "Wie Du IHN mit nur 39 einfachen Tricks stundenlang verwöhnst…"

Mir war jahrelang überhaupt nicht bewusst, dass ich Feministin sein könnte. Ich habe mir darüber schlicht keine Gedanken gemacht. Mein Bruder und ich sind von unseren Eltern gleich erzogen wurden, wir durften anziehen und studieren, was wir wollten. Wir durften spielen, mit was und mit wem wir wollten. Mein Mädchensein hinderte mich an gar nichts! Im Gegenteil: ich fand es toll, ein Mädchen zu sein, mir mit Mascara die Wimpern zu tuschen, mit Jungs zu flirten, die Tür aufgehalten zu bekommen, goldene Schuhe zu tragen, Jura zu studieren und in einer Kanzlei anzufangen. Ich in einer Männerwelt, das konnte ich! Und das kannte ich! Immerhin hatte ich drei Brüder und einen sehr lauten Vater. Ich hatte auch eine sehr starke Mutter.

Ja, es kann nicht immer nur EINER in der Beziehung "stark" sein. Es muss nicht immer einer "verzichten" oder "unterdrückt" werden, nur damit der andere glänzen und sich ausleben kann. Ich habe es so vorgelebt bekommen, beide Eltern berufstätig, keiner hat dem anderen irgendetwas an "Macht" oder "Ansehen" gestohlen.

Ich tat also immer das, worauf ich Lust hatte. Ich trank, ich aß, ich studierte, ich arbeitete, ich lebte, ich sagte meine Meinung, ich zog mir hohe Schuhe an. Erst spät verstand ich, dass man das nicht überall gern sah. Dass es nicht "okay" war als Frau Vodka zu trinken, viel zu reden, Geld zu verdienen und dabei auch noch Miniröcke zu tragen. 

Für eine "Intellektuelle" legte ich viel zu viel Wert auf Rouge und Stilettos. Zu enge Hosen, zu lange Haare. 

Ja, so sieht es aus: Du sollst heiraten wollen, Dich aber nicht über Deinen Mann definieren. Du sollst eine gute Mutter sein, ohne dauernd über Brei zu sprechen.

Und jede versucht, diese Frau zu sein. Die cool ist und schlank, aber nicht besessen von ihrem Äußeren, die arbeitet, aber nicht karrieregeil ist. Die lustig ist – ohne aber komisch zu sein. Sei sexy, aber nicht nuttig. 

Und natürlich gibt es dieses Dilemma auch für Männer. Männer, die gern Gedichte lesen und Mariah hören. Männer, die weinen wollen im Musical. Männer, die sich vor Spinnen fürchten oder vor der Dunkelheit.

Ja, stellt Euch vor, es gibt Frauen, die sich angezogen fühlen von Alkohol, von den Verführungen des Nachtlebens, von Macht und von Geld.

Es ist in Ordnung, gierig zu sein. Es ist in Ordnung, gefallen zu wollen. Man kann Feministin sein und trotzdem Sex, Glitzerkleider und Männer geil finden!