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#actout Coming Out von 185 Filmstars: Wichtig, richtig – und hoffentlich nur der Anfang

#actout Mavie Hörbiger, Mehmet Ateşçi und Jonathan Berlin
#actout: Unter anderem haben Mavie Hörbiger, Mehmet Ateşçi und Jonathan Berlin ihr Coming Out im aktuellen "SZ Magazin".
© Picture Alliance
185 deutsche Filmstars haben im aktuellen "SZ-Magazin" ihr Coming Out. Damit setzen sie nicht nur ein wichtiges Zeichen für mehr Sichtbarkeit und Diversität, sondern könnten eine Welle auslösen. 

Am 6. Juni 1971 lag ein stern-Cover an den Kiosken, das in die Geschichte eingehen würde. Darauf zu sehen mehrere bekannte und nicht bekannte Frauen, die zugaben: "Wir haben abgetrieben" und gleichzeitig eine Abschaffung des Paragraph 218 forderten, der einen Schwangerschaftsabbruch unter Freiheitsstrafe stellte. Das Cover gilt seither als Paradebeispiel dafür, wie ein einziges Zeichen zu nachhaltigen Veränderungen führen kann. 

Auch Homosexualität stand lange unter Strafe. Der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches illegalisierte gleichgeschlechtliche Beziehungen und wurde erst 1994 abgeschafft. Von einer vollkommenen Gleichstellung in der Gesellschaft sind wir aber bis heute noch weit entfernt.

Umso bahnbrechender das aktuelle Cover des "SZ Magazins", das visuell dem stern-Abtreibungstitel ähnelt. Unter dem #actout haben sich 185 deutsche Filmstars für ein kollektives Coming Out zusammengetan: als schwul, lesbisch, bi, queer, nicht-binär oder auch trans. Darunter Personen, von denen man bisher nichts über ihre sexuelle Identität wusste wie Mavie Hörbiger oder Ulrich Matthes. 

Schauspieler-Manifest #actout: ein wichtiger Schritt

Schauspieler Jonathan Berlin erklärt den Schritt im "SZ Magazin" wie folgt: "Ich meine längst, dass ich Teil einer offenen, diversen Gesellschaft bin, aber dazu gehört eben auch, dass Minderheiten sichtbar sind. Und wenn ich daran zurückdenke, was mir als Jugendlichem gefehlt hat, um damit vielleicht früher freier umgehen zu können, dann wären das Schauspieler*innen gewesen, die zeigen, dass sie das offen leben." Und Mehmet Ateşçi sagte, er fühle sich "außer in der sogenannten LGBTQ-Nische nicht repräsentiert". Damit sprechen beide die Vorbildfunktion an, die Menschen in der Öffentlichkeit haben – ob sie wollen oder nicht.

Insgesamt haben sich 185 Stars an der Aktion beteiligt, für manche war sie das öffentliche Coming-Out, für andere nur ein weiterer Schritt zur Sichtbarkeit. Dass es deutlich mehr hätten sein können, erwähnen sie im Interview auch. "Und ja, leider braucht es Mut, offensichtlich – das haben wir ja jetzt auch in der Recherche gesehen: Die vielen Leute, die wir angesprochen haben, was da für Ängste sind, was da für Kummer ist", erklärt Eva Meckbach. Selbst in einer als liberal geltenden Branche wie Film, Theater und Fernsehen, ist ein Outing noch immer ein Wagnis, das viele nicht eingehen wollen. Weil sie Angst haben vor den Folgen, seien sie beruflicher oder privater Natur. 

Eine Blaupause für andere Branchen?

Umso wichtiger, dass die 185 Schauspieler*innen den Schritt gegangen sind. "Wir haben abgetrieben" im stern löste seinerzeit eine regelrechte Flutwelle aus. Endlich, so schien es, konnten sich betroffene und nicht betroffene Frauen offen austauschen, ihre Geschichten teilen und das Jahrhunderte alte Stigma besiegen. Sie sammelten sich in sogenannten "218-Gruppen", um gegen das diskriminierende Gesetz vorzugehen.

#actout könnte eine ähnliche Debatte anstoßen. Der erste Schritt ist die Sichtbarkeit, der zweite die öffentliche Konversation. In einer Gesellschaft, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, (endlich) diverser zu werden, sind beide Dinge unabdingbar. Einer Branche wie der Filmindustrie kommt eine besonders wichtige Vorbildfunktion zu. In Filmen und Theaterstücken ist Diversität inhaltlich schon lange ein Thema. Es wurde Zeit, dass es auch dann eins wird, wenn die Kameras nicht rollen. Denn wie sollen andere, konservative Branchen sonst folgen? 

Und so kann man nur hoffen, dass auf #actout weitere Aktionen folgen werden: in der Bundesliga, in der Wissenschaft, der Wirtschaft, in den Ämtern oder auch innerhalb der Bundeswehr. Wir schreiben das Jahr 2021 und es wird Zeit. 


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