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Steve Schapiro über Muhammad Ali: Der Mann, der mit Cassius Clay Monopoly spielte

Muhammad Ali war 21 und hieß noch Cassius Clay, als der Fotograf Steve Schapiro ihn zu Hause besuchte. Die Bilder des 21-jährigen Boxers auf dem Sprung zum Weltstar sind zu Ikonen geworden. Exklusiv für den stern erinnert sich Schapiro an das erste Treffen.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Muhammad Ali mit seinem Monopoly-Spiel, 1963 im Haus seiner Eltern in Louisville

Muhammad Ali, als er noch Cassius Clay war, 1963 im Haus seiner Eltern in Louisville: "Er wusste, dass er im Monopoly gewinnen würde"

Mister Schapiro, Sie haben Muhammad Ali fotografiert, als ihn noch kaum jemand kannte.
1963 hat mich "Sports Illustrated" nach Louisville, Kentucky, geschickt. Da war Ali gerade 21. Ich sollte ihn interviewen, bevor er nach England fuhr, um gegen Henry Cooper zu kämpfen. Er hatte gerade die Golden Gloves gewonnen. Mit, ich glaube, 15 Knockouts. Ich war für drei, vier Tage bei ihm im Haus seiner Eltern. 

Kannten Sie ihn vorher schon?

Nein, das war ganz am Anfang. Er war noch Cassius Clay und nicht so bekannt. Richtig prominent wurde er nach dem Sonny-Liston-Kampf, als wirklich jeder plötzlich Muhammad Ali kannte.

Wie war Ihr allererster Eindruck von ihm?

Er war ein sehr ruhiger Mensch.

Das kommt jetzt etwas unerwartet.

Im Haus seiner Eltern habe ich nicht den Muhammad Ali getroffen, den wir alle kennen - "float like a butterfly, sting like a bee". Nichts von dem. Er hat im Wohnzimmer ein bisschen Schattenboxen gemacht. Er war in der Ruhephase und hat sich auf den Kampf in London vorbereitet. Seinen ersten wirklich professionellen Kampf. Er war wirklich extrem ruhig. (lacht)

Der gefeierte Fotograf Steve Schapiro

Steve Schapiro hat seit Anfang der 1960er die größten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte porträtiert. Der mittlerweile 81-Jährige scheint immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. So hat er abgesehen vom frühen Cassius Clay auch Andy Warhol, Martin Luther King, Robert Kennedy, Ray Charles, Jacqueline Kennedy Onassis, Barbra Streisand und Truman Capote verewigt, um nur einige zu nennen. Später wurden seine Aufnahmen von Filmsets wie "Taxi Driver", "Der Pate" und "Chinatown" zu Kino-Ikonen.

Konnte man damals schon ahnen, was aus diesem jungen Boxer werden würde?

Ich war sehr beeindruckt. Vor allem von seinem Wesen. Er hatte dieses starke Selbstbewusstsein. Und die Menschen, die ich in meinem Leben getroffen habe, die so einen ausgeprägten inneren Sinn ihrer selbst haben, waren häufig sehr erfolgreich in dieser Welt. Wenn jemand wirklich weiß, was er will, und zielstrebig vorgeht, ist das ein beeindruckender Anblick. Das hat Ali ausgestrahlt. So wie er wusste, dass er beim Monopoly gewinnen würde. (lacht)

Sie haben Monopoly gespielt?

Er liebte Monopoly. Wir haben gespielt, und er wollte nicht, dass ich meine Häuser und mein Geld an die Bank verliere. Deshalb hat er mir immer wieder Geld geliehen, bis ihm am Ende alles auf dem Spielbrett gehörte. (lacht) Er hat das aber auch auf die Realität übertragen und von Lebensmittelläden gesprochen, die für die Gemeinschaft da sein sollen - anstatt zu Ketten zu gehören. Er wollte damals schon den Menschen und der Gemeinschaft helfen.

Hat er es Ihnen schwer gemacht am Anfang, als Sie ihn zuhause besuchten?
Nein, überhaupt nicht. Er war der perfekte Gentleman. Ich habe auch keine Muhammad-Ali-Poesie zu hören gekriegt! (lacht) Er war sehr locker, extrem höflich und sehr ruhig.

Sie waren selbst immer gesellschaftspolitisch aktiv. Haben Sie von Ali etwas mitgenommen, etwas gelernt? 

Als Mensch ist er unvergesslich. Er hatte unglaublichen Humor. Er liebte die Menschen - und die Menschen liebten ihn. Wirklich jedes Kind in der Nachbarschaft wollte mit ihm spielen. Das macht sehr deutlich, wie er war. Ich habe das später noch mal mit Marlon Brando erlebt. Die Menschenliebe war ein entscheidender Charakterzug Alis. Das hat mich sehr berührt und noch lange beschäftigt.

Muhammad Ali, als er noch Cassius Clay hieß, 1963 vor dem Haus seiner Eltern in Louisville

Muhammad Ali mit Nachbarskindern 1963 vor dem Haus seiner Eltern in Louisville

Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?

Vor zwei Jahren in Chicago. Er war auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in London. Da haben wir uns im Hotel getroffen und alte Fotos angesehen. Das, wo er Monopoly spielt, liebte er am meisten. Wissen Sie, es gibt einige Menschen in meinem Leben, die ich nie vergessen werde, nicht nur wegen dem, was sie berühmt gemacht hat, sondern wegen dem, wie sie als Menschen waren. Sie haben mich beeindruckt mit ihrer Persönlichkeit, ihren Werten, ihrem Umgang mit anderen Menschen und ihrem Blick auf die Welt. Mir war damals schon klar, dass Ali ein großer Boxer werden wird. Aber er war in so vielen anderen Dingen genauso groß: darin, was er für die afro-amerikanische Community getan hat, wie er sich um die Welt gesorgt und gegen den Krieg ausgesprochen hat. Er war eine sehr starke moralische Führungspersönlichkeit. Und er ist sich sein ganzes Leben lang treu geblieben, obwohl es ihm große Schwierigkeiten bereitet und seine Boxkarriere unterbrochen hat. All das zeigt, dass er wirklich der Größte war: nicht nur in dem, was er mit seinen Fäusten angestellt hat, sondern in dem, was er mit seinem Herzen getan hat.


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