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Thailand: Prinz Playboy

Thailands Thronfolger Maha Vajiralongkorn gilt als lustbetont und lasterhaft – er ist das genaue Gegenteil des toten Königs Bhumibol. Und schon jetzt ein Problem für das tief verunsicherte Land.

Maha Vajiralongkorn entzündet auf einer Feier zum Gedenken an seinen verstorbenen Vater Kerzen

Gibt sich hier gediegen: Maha Vajiralongkorn entzündet auf einer Feier zum Gedenken an seinen verstorbenen Vater Kerzen.

Der König ist tot, seit Wochen schon. Eigentlich wäre es Zeit zu rufen: Es lebe der König – und den Nachfolger auf dem Thron zu begrüßen. Aber es gibt keinen neuen König, sondern weiter nur einen Kronprinzen. Und was für einen. Maha Vajiralongkorn ist der Sohn des hoch verehrten Bhumibol, Fleisch vom Fleische des verstorbenen thailändischen Monarchen. Doch könnten sie nicht unterschiedlicher sein.

Im Sommer erst haben Bilder vom Münchner Flughafen das Land erschüttert. Zu sehen sind ein roter Teppich, sehr ernst dreinschauende Männer in schwarzen Anzügen. Mittendrin Kronprinz Vajiralongkorn, er trägt ein Unterhemd, das an eine Wurstpelle erinnert. Eine Art Männer-Tanktop. Die Arme sind fast vollständig mit Tätowierungen bedeckt, dazu wählte der Prinz eine tief sitzende Jeans und Trekkingsandalen. Seine Begleiterin hält einen Pudel in den Armen.

"Wird dieser Mann wirklich König von Thailand?", fragte "Bild". Da lebte Bhumibol noch, und die Frage klang eher theoretisch. Jetzt empfinden viele Thais sie als so real wie bedrohlich – auch wenn Vajiralongkorn erst das Trauerjahr abwarten will.

In diesen Wochen hat sich der potenzielle neue König in den Palast zurückgezogen. Bei offiziellen Auftritten trägt er eine schwarze Trauerbinde am linken Oberarm. Das Gesicht ernst. Die Uniform steif und korrekt. Die Bilder, die das Fernsehen und die staatlich kontrollierten Zeitungen dem Volk präsentieren, zeigen Kontinuität, Seriosität, Stabilität. Oder eher: Sie sollen sie suggerieren. Sie dokumentieren die tiefe Sehnsucht, dass alles gut werde und so kommen möge, wie es immer schon gedacht war. So auch an diesem Wochenende, wenn Vajiralongkorn an den Abschlusszeremonien der Thammasat-Universität in Bangkok teilnehmen wird.

Ein hochwohlgeborener Prolet

Bereits als Vajiralongkorn 1952 geboren wurde, schien festzustehen, dass er eines Tages den Thron besteigen würde. Vor dem Palast spielten Militärkapellen die königliche Hymne. Kanonen feuerten Salutschüsse, Tausende Menschen jubelten auf den Straßen. Der Baby-Prinz war gerade 48 Stunden alt, als sein Vater ihn zum ersten Mal fotografierte. Im ganzen Land druckten die Tageszeitungen das Bild, dazu die Überschrift: "Thailands neuer Thronfolger!" Es brauchte einen ganzen Monat, traditionelle Zeremonien und den Rat buddhistischer Gelehrter, bis der volle Name des Prinzen feststand; er besteht transkribiert aus sieben Teilen, allesamt Zungenbrecher wie das in der Mitte stehende "Aphikhunuprakanmahittaladunladet".

Mit 20 Jahren wurde Vajiralongkorn offiziell zum Kronprinzen ernannt. Das ist mittlerweile ein halbes Menschenleben her. Er hätte die Jahre nutzen können, um sich vorzubereiten. Schulen eröffnen, Blumen entgegennehmen, von Balkonen lächeln, was Thronfolger ebenso machen. Stattdessen ließ der Prinz die Welt daran teilhaben, wie ein hochwohlgeborener Prolet langsam altert. Als wolle er allen zeigen, dass er alles, wirklich alles habe – nur nicht das Zeug zum König.


Zumindest nicht, wenn man die Maßstäbe der Moderne anlegt. Da wäre etwa die Militärkarriere von Fufu, dem Zwergpudel des Thronfolgers. Sein Herrchen ernannte ihn zum "Air Chief Marshal" der Luftwaffe. Einmal erschien das Hündchen bei einem Galadinner mit rund 600 geladenen Gästen, an dem auch der US-Botschafter teilnahm. Fufu trug formelle Abendgarderobe und kleine Handschuhe an den Pfoten. Er sprang beim zweiten Lied der Band auf den Tisch und begann, aus den Gläsern der Gäste zu trinken. Als der royale Pudel im vergangenen Jahr starb, wurde er mit einem viertägigen buddhistischen Ritual verabschiedet.

Jetzt trauert das ganze Land um einen großen König. Bhomibol saß 70 Jahre auf dem Thron. Er war ein charismatischer Monarch, leidenschaftlicher Jazzmusiker, Segler, Radio-DJ und Hobbyfotograf. Unermüdlich bereiste er sein Reich und sprach mit den Menschen, machte sich Notizen und fotografierte. Er hörte zu, er eröffnete Schulen und Krankenhäuser und verstand es, sein Land in den Wirren der Nachkriegsjahre zusammenzuhalten.

So einen hätten viele Thais gern wieder. Nur ist der Sohn dieses Mannes eher Spezialist für Frauen und Autos als für das Gemeinwohl. 1977 heiratete er seine Cousine, Prinzessin Soamsawali. Ein Jahr später bekam das Paar eine Tochter. Doch seine Mutter ahnte früh, dass ihr Junge nicht zur ehelichen Treue taugt. "Er hat etwas von Don Juan", sagte Königin Sirikit vor Jahrzehnten in einem Interview. "Die Frauen interessieren sich für ihn, und er interessiert sich noch mehr für die Frauen."

Nur ein Jahr nach der Geburt seiner Tochter bekam der Kronprinz seinen ersten Sohn mit der Schauspielerin Sujarinee. Das Paar zeugte vier weitere Kinder – obwohl er offiziell noch immer mit Soamsawali verheiratet war. Erst 1994 heiratete Vajiralongkorn schließlich die Geliebte. Zwei Jahre später verstieß er sie wieder und beschuldigte sie, eine Affäre zu haben. Er ließ im ganzen Palast Poster mit den Anschuldigungen aufhängen. Später sollen Botschaften und Zeitungen auf Diskette Nacktbilder von ihr erhalten haben. Sujarinee floh ins Ausland. Der Prinz ließ Frau und Söhnen die Diplomatenpässe wegnehmen und informierte die teuren Privatschulen in England, dass er fortan nicht mehr zahlen werde. 2011 schrieben vier seiner Kinder einen Brief, in dem sie beklagten, dass ihr Vater sie verstoßen habe und ihnen die Rückkehr nach Thailand versperre.

Die Frau kniet vor dem Pudel

Der Kronprinz war da schon wieder neu verbandelt, dieses Mal mit der ehemaligen Kellnerin Srirasmi. Damals sagte er: "Es ist Zeit für mich, ein etwas ruhigeres Leben zu führen", und für ein paar Jahre schien das auch zu funktionieren. Dann aber tauchte ein Video im Internet auf und gab Einblick in das Ehe leben. Srirasmi kniete am Boden, bekleidet nur mit einem Stringtanga, und schien dem Hund Fufu ein Stück Geburtstagstorte zu servieren, während Bedienstete teilnahmslos in der Gegend rumstanden.

Wegen ihrer Vergangenheit wurde Srirasmi von den königstreuen Eliten auch vor dieser Enthüllung nie wirklich akzeptiert. Viele Untertanen Bhumibols sagten damals, dass sie sich nicht vor einem Barmädchen verbeugen würden. Was dann auch nicht mehr nötig war, da die Verbindung bald in Trümmern lag. Die Scheidung ließ die vorherigen Eheturbulenzen des Playboyprinzen wie harmloses Geplänkel erscheinen. Erst wurde Srirasmis Onkel unter anderem wegen Erpressung und Ölschmuggel verhaftet. Dann mussten drei ihrer Geschwister und die Eltern wegen Majestätsbeleidigung ins Gefängnis. Mehrere vermeintliche Gegner des Prinzen starben in Haft oder unter mysteriösen Umständen. Und die Thais fragten sich, ob der Kronprinz sein Land so brutal führen werde wie seine Ehen.

In letzter Zeit verbrachte Vajiralongkorn seine Zeit vor allem in Bayern, mit neuem Pudel und neuer Geliebten, einer ehemaligen Stewardess von Thai Airways. Kürzlich hat das Paar in Tutzing die Villa Stollberg gekauft, gebaut im Jahr 1928 im neoklassizistischen Stil. Das 1400 Quadratmeter große Gebäude soll über mindestens 15 Zimmer verfügen. Zur Anlage gehört ein kleiner Park mit alten Bäumen und ein Privatsteg zum Starnberger See. Hecken schützen vor neugierigen Blicken.

Der Prinz und Bayern

Es muss eine besondere Verbundenheit zwischen dem Prinzen und der bayerischen Provinz geben. Bis zu neun Monate soll er jedes Jahr in Deutschland verbringen. Sein Hofstaat hat bis zu 130 Zimmer im Münchner Airport-Hilton belegt – das ganze Jahr hindurch. Vor fünf Jahren geriet Vajiralongkorn sogar in die Wirren deutscher Justiz. Damals beschlagnahmte ein Gerichtsvollzieher die königliche Boeing 737 auf dem Münchner Flughafen, weil die thailändische Regierung die Rechnungen eines deutschen Bauunternehmers ignoriert hatte. Der Prinz fürchtete, dass auch sein Mercedes beschlagnahmt werde. Er versteckte das Auto auf dem Parkplatz eines Münchner Tophotels, bewacht von etwa einem Dutzend Sicherheitsleuten.

In den vergangenen Monaten ist er immer wieder auf Flohmärkten oder beim Erdbeerpflücken gesehen worden, stets begleitet von 20 Dienern, Leibwächtern und Adjutanten. Meist fährt der Kronprinz dann im weißen Porsche vorweg, gefolgt von schwarzen Mercedes-Limousinen. Manchmal ist er auch auf dem Rennrad unterwegs und besucht Gartencenter und Spielzeuggeschäfte. Viele in Thailand hoffen heimlich, dass der Prinz auch fortan Bayern dem Hof von Bangkok vorzieht.

Eine offene Diskussion über die Thronfolge gibt es aber nicht. Die Militärdiktatur hat die Medien an die Kette gelegt. Kritische Bemerkungen über die Monarchie werden mit langen Gefängnisstrafen geahndet.

Die offizielle Trauerzeit soll ein ganzes Jahr dauern. Doch in der Hauptstadt Bangkok haben die ersten Bars und Vergnügungspaläste wieder geöffnet, die Prostituierten tragen jetzt schwarze Miniröcke. Touristen, so heißt es, sind ausdrücklich willkommen, solange sie die thailändischen Gebräuche und die Trauer der Menschen respektieren. Beim WM-Qualifikationsspiel Mitte November gegen Australien ist Jubeln im Stadion verboten. Die Fans sind angehalten, schwarze Kleidung zu tragen. Doch die nächsten "Full-Moon-Parties" auf den Touristeninseln sollen wie gewohnt stattfinden.

Seit Wikileaks die amerikanischen Botschaftsberichte veröffentlichte, ist bekannt, dass selbst Mitglieder des mächtigen Kronrates im Prinzen eine Bedrohung für die Monarchie und den Einfluss der Eliten sehen. Manche Beobachter warnen bereits vor dem Zerfall des Landes. Thailands Gesetze sehen vor, dass der Thronfolger gleich nach dem Tod des Monarchen übernimmt. Doch der Krönungstermin ist noch immer nicht bekannt. Vajiralongkorn wolle erst mit seinem Volk trauern, heißt es.

Das gibt in Bangkok Gerüchten Auftrieb, dass hinter den Kulissen nach einer Alternative gesucht wird. Prinzessin Sirindhorn ist mit Abstand das beliebteste Kind des verstorbenen Königs, sie gilt als warmherzig, charmant und intellektuell, stand ihrem Vater besonders nahe. Doch für eine weibliche Thronfolgerin müssten die Gesetze geändert werden, und die 61-jährige Sirindhorn hat keine eigenen Kinder, was ihr als Nachteil ausgelegt wird. Manche spekulieren, dass der Prinz sich den Thron abkaufen lassen könnte. Das thailändische Königshaus gehört mit einem geschätzten Vermögen von 40 Milliarden Dollar schließlich zu den reichsten Familienclans der Welt. Ein winziger Teil davon würde reichen, um am Starnberger See auch weiterhin sehr angenehm zu leben.

stern