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Trotz Drogen-Eskapaden: Warum George Michael unangreifbar ist

Er ist der Schrecken auf Londons Straßen: George Michael muss sich erneut wegen Fahrens unter Drogeneinfluss vor Gericht verantworten. Kein Kavaliersdelikt, trotzdem kann er bei Richter und Fans auf Milde hoffen. Warum wir diesem Junkie nicht böse sein können.

Von Jens Maier

Sollten Sie jemals auf Londons Straßen zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs sein, ist äußerste Vorsicht geboten. Nicht nur, weil die Engländer ja bekanntlich auf der falschen Straßenseite fahren, sondern ganz besonders, wenn ein dunkelgrauer Range Rover sich nähert. Sitzt am Steuer des Fahrzeugs dann auch noch ein älterer Herr mit dunkler Sonnenbrille und mit hoch toupierten Haaren und Dreitagebart, suchen Sie besser schnell das Weite. Denn es könnte sich bei dem Fahrer um George Michael handeln. Seines Zeichens Sänger, bei der Londoner Polizei besser bekannt als Trunkenheitsfahrer.

Am Dienstag hat George Michael einen Termin bei Gericht - mal wieder. Der Vorwurf lautet wie bereits 2009 und 2007, als er wegen ähnlicher Delikte verhaftet worden war und sogar für zwei Jahre seinen Führerschein abgeben musste, Fahren unter Alkohol- und Drogeneinfluss. Und auch dieses Mal wird George Michael sich reumütig zeigen. Er wird erklären, wie es dazu kommen konnte, dass sein Geländewagen im Schaufenster des Fotogeschäfts "Snappy Snaps" im Londoner Stadtteil Hampstead landete. Er wird sagen, dass es ihm leid tue. Und er wird zugeben, dass er unter Drogeneinfluss gefahren sei. Und wahrscheinlich wird er auch dieses Mal ohne Gefängnisstrafe davonkommen.

"Ich kann mir mein Marihuana leisten"

Obwohl seine Vergehen mittlerweile weit davon entfernt sind, Kavaliersdelikte zu sein, scheinen dem mittlerweile 47-jährigen Sänger nicht einmal die Gerichte etwas anhaben zu können. Seine Fans halten ohnehin zu ihm. Als er im Juni 2007 - nur einen Tag nach einer Verurteilung zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit - ein Konzert in der Wembley Arena gab, jubelten ihm 80.000 zu. Zumeist ältere Zuschauer, um die 35, die früher schon zu "Wake me up, before you go go" getanzt hatten und die heute ihren Kindern eigentlich erklären müssten, warum ein abgehalfterter Drogenjunkie ihr Idol ist. Doch auch in den Medien kommt Michael verhältnismäßig gut weg. Zwar finden sich bei Google unter dem Suchbegriff "'George Michael'+Drogen" mehr als 34.000 Artikel, doch in den meisten wird er lediglich als Hallodri dargestellt, nicht als Verbrecher.

Woran das liegt? Zum einen daran, wie George Michael mit seiner Drogensucht umgeht. Er gibt sie nicht nur offen zu und stellt damit unter Beweis, dass auch ein Superstar fehlbar ist, sondern ist sogar witzig dabei. "Ich würde gerne weniger konsumieren, und es ist gewissermaßen ein Problem", hatte er 2007 in einem Radiointerview mit der BBC gesagt. Dennoch sei er ein "glücklicher Mann", und der Drogenkonsum beeinträchtige sein Leben nicht. Denn: Er könne sich sein Marihuana leisten! Statt empörter Anrufer hatte er die Lacher damit mal wieder auf seiner Seite. Ähnlich locker reagierte der bekennend Homosexuelle auf Berichte in englischen Boulevardblättern, wonach er nachts auf Autobahnparkplätzen auf der Suche nach Sexpartnern unterwegs sei. Seine Reaktion: "Der Sex, den ich habe, ist es wert, in die Zeitungen zu geraten."

Trauer machte George Michael drogensüchtig

Doch neben der witzigen, schlagfertigen Seite von George Michael gibt es auch die grüblerische, nachdenkliche. Und die ist der andere Grund, warum ihm seine Vergehen in der Öffentlichkeit meist verziehen werden. 1993 starb sein Freund Anselmo Feleppa an Aids. Dessen Tod verkraftete Michael nur schwer. Er nahm exzessiv Drogen, stürzte ab. Dass seine Mutter 1997 an Krebs starb, hat er bis heute nicht verwunden. "Ich weiß, dass ich einen selbstzerstörerischen Drang in mir habe, seit meine Mutter starb", gab er in einem Fernsehinterview zu. Für George Michael sind die Drogen Medikamente fürs Vergessen. Das mag die Sache zwar nicht weniger schlimm machen, rechtfertigt ihn allerdings moralisch.

Der Kratzer in seiner Seele ist bis heute nicht repariert. Ebenso wenig wie das demolierte Schaufenster in Hampstead. Vielleicht auch deshalb, weil es mittlerweile zu einer Art Sehenswürdigkeit geworden ist. Die Unfallspuren sind an der Wand eindeutig zu erkennen. Mit einem schwarzen Filzstift hat jemand "Wham - by George" darauf gekritzelt. George Michael wird das sicher gefallen.