Ungewöhnliche TV-Doku "Die Queen und ich"
Die Queen als Stil-Ikone und Familienmensch

Die Queen hatte viel Sinn für Humor und komödiantisches Gespür. Ab ihrem 60. Thronjubiläum 2012 zeigte sie das immer mehr, ver
Die Queen hatte viel Sinn für Humor und komödiantisches Gespür. Ab ihrem 60. Thronjubiläum 2012 zeigte sie das immer mehr, verrät Privatsekretärin Samantha Cohen in "Die Queen und ich". Da habe Elizabeth II. einen Punkt erreicht, an dem sie auch mal etwas Verrücktes machen konnte.
© ZDF / GettyImages / Dominic Lipinski / WPA Pool

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Handtaschen-Code? Ein Mythos! Die ZDF-Doku zum 100. Geburtstag von Elizabeth II. zeigt, wie die Queen ihren Alltag wirklich steuerte.

Queen Elizabeth II. (1926-2022) hätte am heutigen 21. April ihren 100. Geburtstag gefeiert. Zu diesem Anlass zeigt das ZDF um 20:15 Uhr die ungewöhnliche Dokumentation "Die Queen und ich" von Royal-Expertin Julia Melchior. Der Film beschäftigt sich nur am Rande mit Staatsgeschäften, vor allem geht es um die feinen Details ihres Alltags - ihren Stil, ihren Umgang mit Menschen und ihr Leben hinter den Palastmauern.

Interviewpartner mit besonderem Einblick

Für Regisseurin Julia Melchior begann dieser Blick hinter die Kulissen bereits bei der Auswahl der Gesprächspartner. "Es hat trotzdem Monate gedauert, von der Kontaktaufnahme bis zum Dreh. Niemand wartet darauf, über die Queen interviewt zu werden. Die britische Presse ist gnadenlos, deshalb ist das enge Umfeld sehr vorsichtig."

Zu Wort kommen die frühere Privatsekretärin Samantha Cohen, die 18 Jahre lang für die Queen arbeitete. Modeschöpfer Stewart Parvin, der in den letzten 20 Jahren für den Look der Queen verantwortlich war. Rennpferde-Zuchtberater und Freund John Warren, der ebenfalls mehr als zwei Jahrzehnte an ihrer Seite war. Hugo Vickers, Historiker und Biograf, der die Königsfamilie seit über 50 Jahren begleitet. Justin Welby, damals Erzbischof von Canterbury und enger Vertrauter der Queen. Und David Brophy, Dirigent aus Dublin, der über den Staatsbesuch der Queen 2011 in der Republik Irland berichtet.

Schloss Balmoral und der legendäre Ghillies Ball

Die Aussagen dieser Vertrauten zeichnen ein Bild der Queen, das weit über ihre öffentliche Rolle hinausgeht. Im Zentrum steht dabei auch ihr Selbstverständnis als Familienmensch. "Sie hat die Familie zusammengehalten und immer auch viel Verständnis für das Familienleben ihrer Mitarbeiter gezeigt."

Besonders greifbar wird dieses Miteinander auf Schloss Balmoral. Die schottische Sommerresidenz erscheint im Film weniger als repräsentatives Schloss denn als Rückzugsort. "Von außen wirkt es erst einmal eindrucksvoll, wie ein Märchenschloss. Aber innen ist es kleinteilig und eher wie ein Landhaus mit vielen Schlafzimmern und Bädern", sagt Melchior. Ein Ort, an dem nicht nur gearbeitet wurde, sondern vor allem gelebt: "Es geht dort vor allem darum, Familie und Mitarbeiter unterzubringen."

Zu diesem besonderen Kosmos gehörte auch der legendäre Ghillies Ball. "Es ist ein Ball für die Mitarbeiter und Freunde", erklärt Melchior. Die Szenen, die im Film zu sehen sind, zeigen eine ungewohnte Seite der Monarchin: "Mit der Queen tanzen - das konnte man sich doch kaum vorstellen." Für die Regisseurin zeigen solche Momente, "dass die Queen nicht nur distanziert war, sondern auch Teil eines sehr eigenen, funktionierenden Familien- und Hofsystems".

Monochrome Looks mit fein abgestimmten Details

Ein weiterer zentraler Aspekt des Films ist der Stil der Queen - und seine strategische Bedeutung. "Weil Kleidung bei ihr kein Nebenthema war, sondern Teil ihrer Wirkung", sagt Melchior. Die Monarchin habe genau gewusst, wie sie wahrgenommen werden wollte: "You have to be seen to be believed" ("Sie müssen gesehen werden, damit man Ihnen glaubt"), zitiert Melchior ihr Credo. Sichtbarkeit als Prinzip.

Die auffälligen Farben ihrer Garderobe waren kein Zufall, sondern Konzept: "Die Idee zur Farbe stammt von ihr selbst, wie mir Stewart Parvin erzählte." Der Designer setzte diese Vorstellungen um, etwa mit monochromen Looks und fein abgestimmten Details. Dabei folgte alles einer klaren Logik. "Unter dem unifarbenen Mantel trug sie meist ein bunt gemustertes Seidenkleid, das in den Farben eine Referenz zu ihrem Hut herstellte", erklärt Melchior.

Auch die geringe Körpergröße der Queen spielte dabei eine Rolle: "Sie war sehr klein, deshalb setzte sie auf kräftige Farben." Das Ergebnis: maximale Sichtbarkeit. "Das ist keine Zufälligkeit, sondern eine bewusste Strategie." Selbst ikonische Elemente wie die dreireihige Perlenkette waren als "Teil dieser Uniform" fest eingeplant: "Jedes Kleid musste am Hals so geschnitten sein, dass diese Kette ihren Platz hatte. Elizabeth hatte sie von ihrem Vater, König Georg VI., geschenkt bekommen."

Was hat es mit dem Handtaschen-Code auf sich?

Zum Outfit gehörte immer auch eine Handtasche. Mit dem ihr zugeschriebenen Handtaschen-Code räumt der Film auf. Angeblich sendete die Königin damit ihrem Hofpersonal diskret Signale. Wenn die Tasche am linken Arm hing, war laut den Berichten alles in Ordnung; wechselte sie auf den rechten Arm oder wurde auf den Tisch gestellt, wollte sie das Gespräch beenden, hieß es. "Der ist wohl eher ein Mythos", sagt Melchior nach einem Gespräch mit der Privatsekretärin über den angeblichen Code.

Die Realität sei deutlich nüchterner gewesen: "Statt über Handtaschensignale zu kommunizieren, hatten sie kleine Heftchen mit den Abläufen, also praktisch Programmhefte im Mini-Format, mit Zeitplänen in Fünf-Minuten-Schritten." Das sei viel professioneller als irgendwelche geheimen Zeichen. "Daran sieht man, wie streng organisiert alles war. Da wurde nichts dem Zufall überlassen."

Wie erging es den engen Vertrauten nach dem Tod der Queen?

Über das Leben nach der Queen sagt Julia Melchior, dass einige enge Vertraute neue Wege einschlagen mussten. Pferdeexperte John Warren blieb der königlichen Familie aber verbunden. "Er ist weiterhin für die Königsfamilie im Einsatz und berät König Charles und Königin Camilla", so die Filmemacherin.

Andere wie Samantha Cohen kümmern sich um einen Teil des Vermächtnisses der Queen: "Sie ist CEO eines Commonwealth-Instituts. Das Commonwealth of Nations war der Queen ein Herzensanliegen, und Samantha sagt, dass sie den Geist der Queen gerne weiterträgt." Ihr Büro ist in Marlborough House, also in unmittelbarer Nähe zum Buckingham Palast und zu Clarence House. "Das ist schon ein sehr besonderer Ort, man spürt die Queen", so Melchior.

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