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US-Charts: Klägliche Verkaufszahlen für Tokio Hotel

Tokio Hotel ist auf US-Eroberungstour - und das Land der unbegrenzten Möglichkeiten liegt der Teenie-Band zu Füßen. So ist es zumindest überall zu lesen. Doch weit gefehlt: Denn die CDs von Kaulitz und Co. will kaum jemand kaufen.

Von Frank Siering, L.A.

Was tun, wenn der deutsche Markt erobert ist? Na klar: Auf nach Amerika. Tokio Hotel ist auf US-Tour. Und das mit "unglaublichem Erfolg", wie die PR-Strategen hinter dem Kaulitz & Co. unablässig in die Heimat melden. New York, Los Angeles, Miley Cyrus und die Jonas Brothers müssen sich warm anziehen. Here comes Tokio Hotel!

Oder doch nicht? In Wirklichkeit sehen die Fakten düsterer aus als der Eyeliner von Bill Kaulitz: Nach den aktuellen Billboard-Zahlen, die die verkauften Tonträger in den USA messen, gingen gerade einmal 16.000 CDs von Tokio Hotel über die Ladentische. Die Band liegt damit trotz aufwendiger PR-Attacke hinter so unbekannten Künstlern wie Rick Ross und Michael Bubble. Die vom Tokio-Hotel-Management angepeilte eine Million verkaufter CDs liegt jedenfalls in weiter Ferne.

"Amerika ist so groß"

Zeit für einen Reality-Check: Der Erfolg in den USA kommt sicherlich nicht ueber Nacht. Das wissen auch Stars wie Miley Cyrus oder Rihanna. Und irgendwie scheint auch Frontmann Bill Kaulitz geahnt zu haben, dass das Abenteuer Amerika kein Spaziergang werden würde: "Es ist sehr schwierig, Fans in anderen Ländern zu gewinnen", sagt er mit schwerem deutschen Akzent in englischen Interviews. "Amerika ist so groß, da ist es ganz schwer, bekannt zu werden."

Deutsches Stehvermögen

Immerhin haben Tokio Hotel eine gute deutsche Tugend mit über den Atlantik gebracht: Stehvermögen. Ein Konzert auf einem Parkplatz in New Jersey? Wird gemacht! Auftritt im (heute eher unwichtigen) "Avalon" in Los Angeles? Na klar! 1500 Fans passen dort rein - mehr als 900 Leute dürften nicht dagewesen sein. Das ist noch weit entfernt von dem Erfolg einer Miley Cyrus, die ein Konzertsaal mit 10.000 Sitzplätzen in weniger als zehn Minuten ausverkauft.

Tatsächlich haben deutschsprachige Bands - wie übrigens auch Schauspieler - traditionell einen schweren Stand in den USA. Nena und Rammstein sind auch heute noch die einzigen deutschen Gesangsexporte, die von der Fan-Basis anerkannt werden. Deutsche Stars wie Til Schweiger oder Franka Potente scheitern kläglich in Hollywood und zogen letztendlich murrend von dannen. Daran, dass Tokio Hotel - oder besser: deren Management - das Ziel ausgeben haben, den finanziell lukrativen zu US-Markt erobern, ist nichts auszusetzen. Doch es ist eben auch ein waghalsiges Mannöver, das Kaulitz und Co. da fahren. Amerika ist der größte Musikmarkt der Welt. In LA spielen jeden Tag weltbekannte Bands in guten Locations. Sie kommen, und sie gehen. Oftmals fast unbemerkt. Eine Band wie Tokio Hotel könnte schnell im Niemandsland verschwinden, bevor sie überhaupt richtig losgelegt haben. Und dann bliebe ihnen der "Scream" - so der englische Titel des aktuellen Albums - sprichwörtlich im Halse stecken bleiben...