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Was macht eigentlich ...: ... Ali Shalal al Qaisi?

Der frühere Bürgermeister einer irakischen Kleinstadt wurde im Gefängnis Abu Ghreib von den Amerikanern gefoltert - das Foto ging um die Welt.

Vergangene Woche wurden neue Folter-Fotos aus Abu Ghreib publik. Wie gehen Sie damit um?

Das gibt mir neue Energie bei meiner Arbeit für Häftlinge und Folteropfer im Irak. Ich habe mit acht Männern, die in Abu Ghreib waren, eine Vereinigung für Gefangene gegründet: Wir besorgen Ärzte für die Entlassenen, kümmern uns um Angehörige, informieren Amnesty International. Ich vermittle Opfer an UN-Vertreter, die ihre Aussagen dokumentieren. Wir planen ein Betreuungszentrum, haben aber keine Mittel.

Ist Abu Ghreib ein Einzelfall?

Insofern, als es diese Bilder mit Tätern gab und damit nicht zu leugnende Beweise. Wir wissen aber von 36 US-Gefängnissen im Irak, hinzu kommen Knäste auf US-Stützpunkten und über 200 irakische Haftzentren. Entlassene berichten, in einem Gefängnis in Bagdad würden 80 Gefangene in einer 40-Quadratmeter-Zelle hausen.

Fotos wie die aus Ghreib gibt es nicht?

Die Folterer sind vorsichtiger geworden mit ihren Kameras und Handys.

Wie kam es zu dem Bild, das Sie mit Kapuze und Stromkabeln an den Händen zeigt?

Sie stellten mich auf diese Kiste, befestigten die Enden der Kabeldrähte an den Fingern. Sie fotografierten, sie lachten. Als der Strom kam, spürte ich ein wahnsinniges Stechen im Hinterkopf. Ich dachte, die Augen würden rausspringen. Ich biss auf meine Zunge, dass sie blutete. Als ich auf den Boden fiel, stoppte der Strom. Ein Mann mit Sanitätertasche zog die Kapuze runter und öffnete mit seinen Schuhen meinen Mund. Kein Magenblut, hieß es, weitermachen. Einmal ließen sie mich 15 Minuten auf den nächsten Stromstoß warten.

Wie haben Sie sich auf dem Foto erkannt?

An meiner linken Hand. Sie ist nach einem Unfall vor vier Jahren entstellt. Hier, sehen Sie die verkrüppelten Finger. Graner trat mit dem Stiefel darauf herum.

Sie meinen US-Feldwebel Charles Graner, der nun eine zehnjährige Haftstrafe verbüßt. Seine Mittäter kamen mit weniger davon.

Sechs Monate, ein Jahr, drei Jahre. Als ich das hörte, habe ich mich wirklich schlecht gefühlt. Und traurig. Die Karpinski ...

... Brigadegeneral Janis Karpinski, damals verantwortlich für Ihr Gefängnis ...

... verlor sogar nur einen Dienstgrad.

Welche Strafen hielten Sie für gerecht?

Was ist gerecht, wenn eine Amerikanerin, deren Namen ich nicht kenne, den Imam einer Moschee mit einem Gegenstand von hinten sexuell entwürdigt? Ich weiß es nicht.

Haben Sie Entschädigung bekommen?

Von den Amerikanern - wo denken Sie hin?

Wie geht es Ihnen heute?

Vom langen Knien im Knast habe ich permanente Schmerzen im linken Bein. Die linke Hand kann ich nicht mehr nutzen und bin als Behinderter anerkannt. Die 38 Kilo, die ich in Abu Ghreib verloren hatte, nahm ich aber schnell wieder zu.

Spüren Sie psychische Folgen?

Viele von uns haben sich von ihren Familien entfremdet. Ich konnte anfangs nicht in Räumen sein. Als ich für unsere Organisation Opfer zum Arzt brachte, sagte der: Ali, du bist selbst so ein Fall. Nach dem Rat von Experten habe ich dann mit Freunden und der Familie über das Geschehene geredet. Vorher hatte ich ein einfaches, ruhiges Leben. Jetzt ist die Ruhe weg.

Wie denken Sie jetzt über Ihre Folterer?

Viele aus Abu Ghreib halten die Amerikaner im Irak für Monster. Ich persönlich empfinde keinen Hass auf sie. Aber vergeben werde ich ihnen das nie, niemals.

Interview: Uli Rauss

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