Was macht eigentlich ... ... Marina Litwinenko?


Vor zwei Jahren wurde Alexander Litwinenko mit Polonium vergiftet. Der frühere Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes war aus Moskau geflohen. Seine Frau Marina hat nicht nur ihren Mann, sondern auch ihren Job verloren.

Weiß die Polizei eigentlich, was am Tag des Mordanschlags, dem 1. November 2006, passiert ist?

Der Tag lässt sich gut rekonstruieren, in London sind ja viele Straßen kameraüberwacht. Anhand der Monatskarte kann man sogar nachvollziehen, welche Busse Sascha nahm. Der Bus, mit dem er in die Stadt fuhr, war noch sauber. Nach dem Treffen mit Lugowoj hinterließ er dann überall eine Poloniumspur.

Ihr Mann behauptete gleich, man habe ihn vergiftet.

Ich habe noch nie gesehen, dass ein Mensch so schnell seine Kräfte verliert, sich so heftig übergibt. Ich habe geweint, habe die Ärzte angefleht: Suchen Sie nach Gift. Aber man nahm uns nicht ernst.

Wann glaubte man Ihnen?

Als ich über seinen Kopf fuhr und plötzlich ein Haarbüschel in der Hand hatte. Nun suchten die Ärzte doch nach Gift. Und man fand zunächst Spuren von Thallium. Das war gut, denn gegen Thallium gibt es ein Gegengift - spitze Kristalle. Sascha konnte sie kaum schlucken.

Das Polonium hatte man nicht entdeckt?

Wir ahnten nicht mal etwas davon, als Sascha schon tot war. Die Ärzte riefen uns nachts ins Krankenhaus, damit wir uns von ihm verabschieden konnten. Er sah schrecklich aus. Man hatte versucht, ihn wiederzubeleben, überall war Blut, das aus seinen Lungen gequollen war. Als er noch lebte, mussten wir Schutzkleidung anziehen, um ihn vor Erregern zu schützen. Zu dem Toten durften wir ungeschützt. Dabei hätten wir uns schützen müssen vor den Strahlen! Er wurde ja sogar in einem strahlensicheren Spezialsarg bestattet.

Scotland Yard verdächtigt den Geschäftsmann Andrej Lugowoj, Ihren Mann umgebracht zu haben. Aber Moskau liefert ihn nicht aus.

Lugowoj kündigte jetzt an, zum Verhör nach London zu fliegen. Aber ich nehme das nicht ernst. Russland hat kein Interesse an Aufklärung. Lugowoj sitzt mittlerweile im Parlament in Moskau - und die Auftraggeber sitzen im Kreml.

Auch bei Ihnen wurden später Poloniumspuren entdeckt. Wie geht es Ihnen heute?

Ich bin nicht stark belastet. Aber kein Arzt kann sagen, welche Folgen das Gift langfristig hat.

Sie mussten Ihr Haus verlassen ...

Noch in der Todesnacht mussten wir ausziehen, durften nur Bücher und die Schuluniform meines Sohnes mitnehmen. Die Untersuchungen würden zwei Tage dauern, sagte die Polizei. Daraus sind zwei Jahre geworden.

Was hat man dort zwei Jahre lang gemacht?

Gar nichts. Die Gesundheitsbehörde wartet, bis das Polonium zerfällt. Ich durfte das Haus nur in Schutzanzug und mit Atemmaske betreten. Alles sah furchtbar aus. Ich dachte, in der Küche liegt Laub. Aber es waren tote Insekten, Tausende von Fruchtfliegen. Unser Obst war verfault, und die Behörden wussten nicht, wohin damit. Es war ja jetzt Sondermüll.

Werden Sie wieder einziehen?

Manchmal fahre ich kurz hin, um aufzuräumen. Aber lange halte ich es nicht aus. Mein Mann hatte das Haus ausgesucht. Ohne ihn ist kein Leben mehr darin.

Arbeiten Sie noch als Lehrerin?

Nach dem Tod meines Mannes habe ich das aufgegeben. Viele Eltern fürchteten, ich sei ansteckend. Die Rektorin forderte sogar, nach meinem Unterricht müsse der Klassenraum entgiftet werden. Heute unterstützt mich der russische Geschäftsmann Boris Beresowskij, der auch in London lebt. Ich muss mich um meinen Sohn kümmern, er hat mit seinen 14 Jahren schon so viel Schlimmes erlebt. Und ich muss meinen Mann verteidigen; in der russischen Presse gilt er noch immer als Verräter.

Interview: Bettina Sengling print

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