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Was macht eigentlich...: ...Peter von Oertzen?

Jahrzehntelang galt der bekennende Marxist als das soziale Gewissen der Sozialdemokraten. Seine Partei hat er jetzt hinter sich gelassen.

Herr von Oertzen, aus der Partei austreten, sagen viele Genossen, ist wie aus dem Leben austreten. 59 Jahre lang waren Sie Mitglied der SPD, vor kurzem haben Sie Ihr Parteibuch zurückgegeben.

Das musste einfach sein. Ich ging raus ohne Groll. Ich weiß ja, was für eine Partei die SPD ist. Eine Partei voller Angst. Der brave Sozialdemokrat hat schreckliche Angst vor dem Kapital, aber aus Angst macht man schlechte Politik.

Sie haben auch noch das getan: Sie sind zur Konkurrenz - zur WAsG.

Wahlalternative - ein unmöglicher Name. Ich habe das auch meiner Tochter Susanna zuliebe gemacht. Hans-Jochen Vogel hat mich angerufen und geklagt, dass ich der CDU an die Macht verhelfe. Das macht seine SPD doch selbst. Nein, ich hoffe, dass die WAsG zu einer kleinen, anständigen Linkspartei wird.

Lafontaine will da auch mitmachen.

Wahltaktisch mag das pfiffig sein. Aber mit ihm, fürchte ich, handelt man sich nur Probleme ein, er ist windig. Ich liege im Pflegeheim, kann mich kaum mehr einmischen, aber ich möchte, dass wieder mehr Menschen kritisch auf die Zustände gucken. Der Kapitalismus ist menschheitsgefährdend.

Auch SPD-Chef Müntefering kritisiert nun den Kapitalismus, redet von Heuschrecken, die das Land ausplündern und ...

...und was? Dummes Gewäsch. Demagogie. Er hat keine Ahnung, was Kapitalismus ist. Er war noch nie an Theorien interessiert, Schröder schon gar nicht. Müntefering hatte das Gefühl: "Die Leute an der Basis sind sauer, bevor die den Laden zerreißen - denen muss ich zuvorkommen!"

Sie sind wirklich erzürnt.

Ich bin nicht erzürnt, ich kenne meine Ex-Genossen. Über Schröder muss ich doch nicht reden, oder?

Sie kennen den Kanzler seit Jahrzehnten.

Schröder tickt ganz einfach, er will von den feinen, den reichen, den mächtigen Leuten anerkannt werden. Er ist ein aufstiegssüchtiger Plebejer voll schrecklicher Minderwertigkeitskomplexe.

Da spricht die Arroganz des Adligen.

Nein. Aber das Projekt "Sozialdemokratie" ist nun erledigt. Man kann nicht gleichzeitig Gott dienen und dem Mammon. Schröder glaubt, wenn ein Vorstandsvorsitzender nett zu ihm ist, hat er den Klassenkampf gewonnen. Der spinnt, das ist eine lächerliche Einschätzung der realen Machtverhältnisse.

Zu Ihrem 60. Jahr als Genosse sollte Ihnen die Willy-Brandt-Medaille verliehen werden. Der SPD-Generalsekretär Benneter …

Wenn ich den sehe, weiß ich nie, ob ich schreien soll vor Lachen oder ...

Bei Ihrem 80. Geburtstag lobte er Sie als "ideenreichen Vordenker, Vorausdenker".

Diese Ehrungen brauche ich nicht.

Wie war denn das für Sie, als Sie das Parteibuch zurückgaben?

Ich habe meine zwei Parteibücher nochmals angeschaut, und dann kamen Erinnerungen an meine verstorbene Frau hoch. Sie hat mich immer ein bisschen gezwickt und gesagt: "Untersteh dich, vor mir zu sterben! Du kratzt ab, liegst dann im Frieden in deiner kühlen Kuhle, und ich muss mich mit dem Rest rumquälen. Mit meinem und deinem Rest!" Diesen freundlichen Spott fand ich erfrischend. Tja, und jetzt? Jetzt liege ich hier mit meinem Rest. Der Gedanke an den Tod ist bedrückend. Was sage ich dazu? Ich habe jedenfalls keine Angst vor der Strafe für meine Sünden. Ich finde, die Personnage da oben ist zu einer gewissen Duldsamkeit verpflichtet. Es gibt schlimmere Sünder, die auf der Erde rumlaufen. Die muss man strafen - spätestens nach ihrem Ableben.

Arno Luik / print
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